Fleischprobe oder Der Fuchs, der die Herzen stahl

Fleischhandlung Bild© Gesa Simons

Eigentlich sollte es ja eine Weinprobe werden, aber dann wurde es eine Fleischprobe. Marcus, der Macher der erst kürzlich eröffneten Fleischhandlung, sieht das alles ganz entspannt. Er baut einfach einen Grill auf der anderen Straßenseite auf und haut dort den ganzen Abend sein Fleisch drauf. Eine Köstlichkeit nach der anderen wird gereicht. Duroc- und Iberico-Schwein, feinstes Rind aus Brandenburg, Frankreich und Argentinien, Entrcôte, Steak, Wurst. Marcus zerschneidet alles in mundgerechte Happen und bringt sie uns auf Holzbrettern über die Straße zu den Tischen vor dem Laden. Zu seinem grauen Anzug trägt er Badelatschen. Ein Statement.

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Das Rind, ziemlich rosa, ist so saftig, dass mir noch am nächsten Morgen beim Aufwachen das Wasser im Mund zusammen läuft, wahrscheinlich habe ich die ganze Nacht vom Entrecôte geträumt. Die Wurst, perfekt gewürzt mit einer Note von Thymian erweckt in mir wieder einmal dieses Geheimnis, dieses Wurstgeheimnis, das mich seit jeher beschäftigt: Was mag wohl in dieser Masse drin sein, in dieser Textur, die mit seinem Ursprünglichen so wenig zu tun hat? Ein Geheimnis, vor dem man manchmal besser beide Augen verschließen sollte. An diesem Abend konnte ich es beruhigt auf mich einwirken lassen. Nur Gutes ist drin in dieser Wurst, denn das ist Marcus’ einfaches Konzept, gutes Fleisch zu verkaufen.

10391440_1424920357773870_4013968919893793402_n-2© Gesa Simons

Dabei liegt das Gewicht auf dem Fleisch und auf dem Verkaufen. „Wir sind ja keine Fleischerei, die gibt’s nämlich gar nicht mehr im Berliner Zentrum.“ Warum also so tun, als ob man die Tiere im Hinterraum am Haken hängen hat und sie frisch aufgeschnitten auf die Theke legt? Nein, in der Fleischhandlung wird das Fleisch verkauft und nichts weiter und deswegen bleibt es auch eingeschweißt und in Kühlschränken. „Ist ja auch viel hygienischer.“ Beim Einkauf wird nicht so sehr auf Bio wie auf Qualität geachtet, wobei ein ebenfalls einfaches Konzept Anwendung findet: Je besser die Haltung, desto besser das Fleisch.

10364207_1422022124730360_3434848514354329945_n© Gesa Simons

Eine Zeit lang gab es auch einen Fuchs in der Fleischhandlung. Er stand ausgestopft im linken Schaufenster. (Das rechte Schaufenster ist von einem großen Kuh-Bild ausgefüllt.) Das war das ganze letzte halbe Jahr. Der Fuchs war sehr beliebt im Kiez, vor allem bei den ganz Kleinen, aber als das erste Fleisch in den Kühlschränken landete, gingen die Eltern auf die Barrikaden und so musste der Fuchs in andere Territorien auswandern. Es flossen Tränen bei den Kleinen auf dem Schulweg und auf dem Weg zurück. Sie fragten sich wie wir, warum der Fuchs nicht mehr da ist, an der Hygiene kann es ja nicht liegen.

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Vielleicht hatten die Großen Angst, dass ihre Kleinen irgendwann den Zusammenhang verstehen, dass sie herausfinden, dass Fleisch essen immer auch Tier essen heißt. Und vor manchen merkwürdigen Wahrheiten sollte man Kinder so lange wie möglich beschützen.

Die Fleischprobe gibt es jetzt monatlich mit oder ohne Fuchs oder Kinder. Invalidenstraße 149.

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