Power to the Bauer!

Ein Bericht über die Wir-Haben-Es-Satt-Demo

Am Samstag, den 17. Januar 2015, fand im fünften Jahr in Folge eine Demonstration für eine ökologische und faire Landwirtschaft unter dem Motto „Wir haben es satt“ in Berlin statt. Nach Angaben der Organisatoren waren 50.000 Menschen auf der Straße, die Berliner Polizei spricht von 20.000. Gemittelt also 35.000, wir jedenfalls waren mittendrin.

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Das Datum war nicht zufällig gewählt. Ein buntes Bündnis aus Umwelt- und Tierschutzverbänden, Bio-Bauern, Imkern, Gentechnikgegnern, Hilfswerken, Biomarktketten, Parteien und Verbrauchern hatte dazu aufgerufen, ein Zeichen für die Agrarwende zu setzen, während zeitgleich auf der Internationalen Grünen Woche, der größten Landwirtschaftsmesse der Welt beim Global Forum for Food and Agriculture fast 80 Landwirtschaftsminister aus aller Welt tagten und sich über die Zukunft der globalen Agrarindustrie austauschten.

Bei sonnigen 5°C begann die Auftaktkundgebung um 12 Uhr am Potsdamer Platz. Da der Nord-Süd-Tunnel der S-Bahn gesperrt war, kamen wir mit der U2, deren Bahnhof schon überraschend voll war. Eine Bühne war aufgebaut, Stände von Vereinen und Parteien boten Infomaterial an, Bio-Glühwein und Leckereien wurden verkauft. In den Redebeiträgen auf der Bühne wurde der Kurs der Bundesregierung kritisiert. Manche Redner schienen um die Stimmung der Zuschauer bemüht und forderten uns dazu auf, die Leute in unserer direkten Umgebung kennenzulernen. Auch wurde das zahlreiche Erscheinen aus dem ganzen Land sehr gelobt, Bauer Otto sei extra 450km in Holzschuhen gelaufen, um nach Berlin zu kommen.

Wie wir waren viele Menschen dem Aufruf der Veranstalter gefolgt und bis um 13 Uhr wurde der Platz immer voller. Dann kamen Kleinbauern auf ihren Treckern, die zum Teil tagelange Reisen auf Bundesstraßen zurückgelegt hatten, um in Berlin ein Zeichen setzen zu können. Bei der Anfahrt hatten sie einen kleinen Abstecher zur grünen Woche auf dem Messegelände gemacht, um dort ihrem Ärger schonmal etwas Luft zu machen.

Mit einer Laolawelle wurde der Startschuss gegeben und von der Bühne aus mehr schlecht als recht versucht, Ordnung in den Demozug zu bringen. Wir setzten uns in Bewegung, allen voran die Bauern auf ihren Treckern, die Leipziger Straße hinunter, entlang der, wegen skandalösen Arbeitsbedingungen in „Mall of Shame“ umbenannten Mall of Berlin und dem Bundesrat.

5381606462_3babd93b28_z© Michaela Mügge

Verschiedene Gruppen hatten verschiedene Schwerpunkte, doch vereinte sie alle der Wunsch nach einer nachhaltigeren Nahrungsmittelproduktion.

Mit Slogans wie „Power to the Bauer“ oder „Bauernhöfe statt Agrarfabriken“ demonstrierten die Teilnehmenden für mehr bäuerliche Landwirtschaft und gegen die Agrarindustrie und ihre konventionellen Methoden. Menschen in Bienen- und Hasenkostümen schauspielerten das Sterben vor einem überdimensionalen Zerstäuber mit Monsantoaufkleber, um ihre Kritik an dem internationalen Agrarriesen und seinem Breitbandherbizid „Roundup“ kundzutun.

Plakataufschriften wie „TTIP – Mach dich vom Acker!“ oder „TTIP-Fehla, Alta“ wiesen auf das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA hin, das zur Zeit unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt wird. Durch das Abkommen könnten europäische Standards für Umweltbelange und Lebensmittelsicherheit nach unten angeglichen werden, darunter Regelungen zum Einsatz von Gentechnik, zur hormonellen Behandlung von Nutzvieh und dem Einsatz von Pestiziden. Das Vorsorgeprinzip der EU, also das Nachweisen der gesundheitlichen Unbedenklichkeit eines Produkts durch den Hersteller, bevor dieses auf den Markt gebracht wird, könnte aufgeweicht werden. So soll den US-Agrarkonzernen Tür und Tor in Europa geöffnet werden. Es wird befürchtet, dass durch die aggressiven Marktstrategien kleinbäuerliche Strukturen zerstört werden und das ohnehin schon fortgeschrittene Hofsterben noch verstärkt wird.

Kurz vor dem Abbiegen in die Wilhelmstraße standen wir plötzlich in einem seltsamen riechenden Dunst. Die Imker räucherten mit ihren Imkerpfeifen den gesamten Straßenzug ein. Sie kritisierten den großflächigen Einsatz von Pestiziden und gentechnisch verändertem Saatgut als mögliche Ursachen des Bienensterbens. Auch bekommen die Imker keinerlei EU-Landwirtschaftssubventionen, obwohl sie einen großen Teil zur Bestäubung der Feldfrüchte beitragen.

Mit „Vielfalt statt Einfalt“ wurde ein Umdenken in der Praxis der konventionellen Landwirtschaft, hinsichtlich der Patente auf Saatgut und der immer stärkeren Ausbreitung von Monokulturen weltweit gefordert.

Vorbei am Landwirtschaftsministerium liefen und tanzten wir uns im Zickzack durchs Regierungsviertel, in dem samstags leider nicht so viel Betrieb ist. Mindestens drei Trommelgruppen und einige Lautis mit Musik sorgten dabei für eine ausgelassene Stimmung, Sprechchöre wurden gesungen um den politischen Forderungen Ausdruck zu verleihen.

Tierschützer forderten: „Stoppt Tierfabriken!“, um gegen den weiteren Ausbau von Megaställen vorzugehen und eine artgerechte Haltung voranzutreiben. Immer neue Mastanlagen, in denen Tiere unter lebenslangen Qualen für den menschlichen Verzehr gehalten werden sollen, werden genehmigt, obwohl Deutschland einen Selbstversorgungsgrad an Fleisch von 120% vorzuweisen hat.

Internationale Hilfswerke machten zudem auf den real existierenden Welthunger und das Landgrabbing aufmerksam, die Aneignung von Land und Ackerflächen durch Großkonzerne. Eine halbe Stunde dauerte es, bis sich schließlich auch die letzten Demonstranten am Potsdamer Platz in Bewegung gesetzt hatten.

DSC_0045© Alexander Ruff

Um etwa 15 Uhr hatten die Ersten den Ort der  Abschlusskundgebung, eine Bühne vor dem Bundeskanzleramt, erreicht. Auch hier gab es wieder Stände mit Infomaterial und Verköstigung und Redebeiträge, die nochmal versuchten, eine Aufbruchstimmung in die Zukunft der Landwirtschaftspolitik zu erzeugen.

Beim Verlassen der Kundgebung in Richtung Hauptbahnhof, bei der Fußgängerbrücke über die Spree, wurde uns noch von einem Demohelfer, der eine Regentonne als Spendensammelbox zweckentfremdete, eine enthusiastische Danksagung für die Teilnahme ausgesprochen („50.000 Leute!!! Das ist der Wahnsinn! Danke für euer Kommen!“)

Die von Jahr zu Jahr steigende Zahl der Teilnehmenden an der bunten Demonstration, die inhaltlich nicht weniger fordert als eine globale Revolution des Agrarsektors und die Beendung des Welthungers, ist Ausdruck eines wachsenden Bewusstseins in der Gesellschaft für die Tragweite von Nahrungsmittelproduktion und -verzehr. Auch zeigt der Widerstand erste Erfolge. In Deutschland darf zum Beispiel kein Genmais mehr angebaut werden und Initiativen und Aktionen gegen den Bau neuer Tierfabriken haben regen Zulauf. Doch sind diese kleinen, hart umkämpften Fortschritte bedroht durch sogenannte Freihandelsabkommen wie TTIP oder CETA, durch den neoliberalen Deregulierungswahn, der die Bemühungen um eine (Re-) Ökologisierung der Landwirtschaft im Keim ersticken könnte.

Mit einem Schulterschluss aus Verbrauchern und Produzenten wurde an diesem Tag gezeigt, dass ein Teil der Bevölkerung empört ist über eine Politik, die eine Landwirtschaft fördert, die sich selbst und damit allen Menschen die Lebensgrundlage zerstört. Aber es wurde auch gezeigt, dass es Organisationen, Initiativen und Individuen gibt, die sich das ganze Jahr über für eine Verbesserung der Verhältnisse einsetzen. Es gibt Grund zur Hoffnung.

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