Zwischen Dönerbude und Hindu-Tempel:
Ein Macha Macha Teesalon

Aufstehen, duschen, Kaffee hinter schütten, ins Büro, Mails beantworten, zum Meeting, telefonieren, schreiben, nächster Kaffee, nächstes Meeting, kaum Zeit, Jacke überwerfen, zum Interviewtermin rennen, hektisch Passanten ausweichen, durch einen kleinen Vorgarten vorbei an einem japanischen Brunnen, Ladentür auf und …. Ruhe. Eine wahre Oase eröffnet sich.

Weiße japanische Papierkunst schmiegt sich an die cremefarbenden Wände, auf der dunklen, Kebony-Holztheke inmitten des Raumes stehen Vasen mit blühenden Pflaumen-Ästchen, zwei Gäste sitzen sich mit Teeschalen in den Händen gegenüber: „Atatakai kangei“ – Herzlich Willkommen im ersten  Macha Macha Teesalon in Berlin.

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Inhaber Erik Spieckschen und sein japanisches Team begrüßen die Besucher mit ruhiger, asiatischer Freundlichkeit. Durch einen kleinen Gang gelangt man vom vorderen, zur Straße ausgerichteten Raum in eine moderne Version einer japanischen Teestube. Ohne Schuhe betritt der Gast den weichen Tatami-Boden, der aus festgebundenen und traditionell angeordneten Reisstroh-Matten besteht, und nimmt an einem der niedrigen Tischchen Platz – klassischerweise auf den Knien hockend oder auf einem Europäer-freundlichen Sitzkissen. Das Moos, welches die Fenstersimse ziert, riecht angenehm nach Waldboden und Behaglichkeit macht sich breit. Hier, an diesem Erholungsort, verfliegt die Hektik des Alltags – und die Reise in die Welt des Tees kann beginnen. Doch welche der 23 im Angebot stehenden Teesorten mit so unbekannten Namen wie Kabusecha Morimachi, Isa Kamairicha oder Dokudamicha soll man auswählen?

Als Entscheidungshilfe bekomme ich von Erik Spieckschen sogleich eine ausführliche Einführung in die unterschiedlichen Pflanzungs- und Erntemethoden der Teepflanzen und in die anschließende Fermentation und Zubereitungsmethoden der Tees. Leidenschaftlich erzählt der 44-jährige vom in Eisenpfannen gerösteten Kamairicha mit seinem kräftigen Aroma, sowie vom rauchigen Charakter des Kyobancha, der ihn an den ebenfalls sehr rauchigen Lagavulin Single Malt Whisky – nur ohne Alkohol – erinnert,  und vom besonders aromatischen Halbschattentee Kabusecha, bei dessen Genuss so mancher Besucher schon den Vergleich zu einer Gemüsebrühe zog. Nicht nur der Anbau und die Erntezeit des Tees sind entscheidend für seinen Geschmack, auch die Zubereitung will gelernt sein und sollte mit Sorgfalt vollzogen werden. So gießt Erik Spieckschen das siedende Wasser zunächst ohne das gefüllte Teesieb in die Kanne, dabei reduziert sich die Temperatur um zehn Grad, anschließend füllt er das klare Wasser in die Teeschale, wobei es sich um weitere zehn Grad herunter kühlt und die Schale sich schon einmal vorwärmt. Dann erst kommt der ausgewählte Tee ins Spiel, welcher nun im Sieb in die Teekanne gehängt wird und abschließend mit dem mittlerweile perfekt 70°C warmen Wasser aus der Teeschale übergossen wird. Ja, Tee und Zen haben den selben Geschmack, wie ein japanischen Sprichwort sagt. Wer mit soviel Muße sein Getränk zubereitet, der geht auch aufmerksamer durchs Leben und achtet auf sich und seine Umwelt. Diesen Lebensentwurf trägt der Macha Macha Teesalon bereits im Namen: „Ma“ steht für das japanische Schriftzeichen 真 – welches „wahr, rein oder echt“ bedeutet und „Cha“ ist der Tee. Macha – „真茶“, der wahre, reine Tee. So versinnbildlicht „Macha Macha“ Erik Spiekschens nachhaltiges Konzept von fair gehandeltem, biologisch erzeugtem Tee, der zu ehrlichen Preisen, mit Freude und Spiritualität in seinem Laden an die Gäste ausgeschenkt wird.

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Und wie unterschiedlich der Geschmack von Grünem Tee doch sein kann, ist faszinierend! Schon die Gerüche der verschiedenen Sorten sind erlesen und man kann mit einer feinen Nase viele  Nuancen herausfiltern. So stehen für die olfaktorische Verkostung auch zwanzig kleine Dosen mit Proben der angebotenen Tees auf der Theke bereit: Von feinen Heu-Noten, über geräucherte Düfte zu intensiven nussigen Aromen, bekommt die Besucher-Nase mal eine ordentlich Portion Tee-Duft verabreicht. Beim Öffnen der Genmaicha Dose aber, überrascht nicht primär der Geruch, sondern der Anblick: In einer kurzen Schrecksekunde, denke ich zunächst Maden vor mir zu haben, doch es tummeln sich nur geröstete und teilweise gepoppte Reiskörner zwischen den Teeblättern. Das erweckt aber sofort meine Neugier und ich entscheide mich diesen Tee zu verkosten, dessen besonderes Aussehen sich geschmacklich in einer leicht malzigen Röst-Note niederschlägt.

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Dazu gibt es einen himmlischen Matcha-Cheesecake im New-York-Style mit Bio Matcha-Pulver und weißer Schokolade, der sich seither immer wieder in meine Träume einschleicht. Dieser verboten-köstliche Kuchen, das Kokos-Eis und die Anko-Creamcheese-Waffeln (Dinkel-Sesam Waffeln mit Frischkäse und einer Paste aus gesüßten, pürierten Azukibohnen) sind die einzigen Speisen auf der Karte vom Macha Macha und sind eher als Abrundung des Teegenusses gedacht, der hier ganz klar im Mittelpunkt steht. Bei einer Karte die zu 90 Prozent aus Tee besteht, frage ich mich schon: Wie kommt jemand eigentlich auf die unkonventionelle Idee, einen japanischen Teesalon zu eröffnen, und das auch noch im Berliner Bezirk Neukölln, zwischen Döner-Buden Hasenheide?

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Schon als Kind faszinierte Erik Spieckschen Japan, so studierte er nach dem Abitur BWL in Darmstadt und belegte als Nebenfach Japanologie. Nach dem Studium gründete er ein Unternehmen für den Import von Feinkost-Spezialitäten und anschließend eine Internet-Firma, aus der er sich nach einiger Zeit zurückzog und sich auf Weltreise begab. Bei einer Pilgerwanderung am 88-Tempel-Weg über die kleinste der vier Hauptinseln Japans, Shikoku, kam ihm die Erleuchtung: Auf der Suche nach einer guten Tasse Grünen Tee stolperte Erik Spieckschen zwar über etliche Starbucks-Filialen und andere Schnellimbisse, ein traditioneller Teeladen blieb jedoch weit und breit außer Sicht – und das in Japan? Weil die traditionelle Teekultur dort stark zurückgeht, kam Spieckschen auf die Idee, dieses Jahrhunderte alte Brauchtum selbst wieder in die Welt zu bringen. Zwei Tage später saß er in der Pilgerherberge beim Abendbrot und erzählte einem japanischem Pilger von seinem Vorhaben. Dieser – mittlerweile in in Rente gegangene – Japaner wiederum hat sein ganzes Leben lang als Teehändler gearbeitet und bestärkt deshalb seinen deutschen Pilger-Freund munter in dem Vorhaben.

Gesagt getan. Zurück in Deutschland angekommen, setzte sich Spieckschen an den Businessplan, dessen Konzept nicht der Profit, sondern die Sinn-Maximierung war. Dass der Laden seine Mitarbeiter, die Miete und das eigene Leben finanzieren muss, ist logisch. Und glücklicherweise gibt es für diese „Nische“ offensichtlich eine rege Nachfrage: Die Umsatzziele wurden bereits erreicht und viele Gäste kehren regelmäßig in die feine Tee-Oase zurück, in der selbst die Toiletten stilecht japanisch mit eingebauter Dusche und beheizbaren Sitz ausgestattet sind. An den Wochenenden werden häufig Teeseminare und Teezeremonien angeboten und mittlerweile beliefert der Laden auch Events mit seinen Tees.

imageInhaber Erik Spieckschen und sein japanisches Team

Mein Besuch in der Macha Macha Oase liegt nun schon ein kleines Weilchen zurück und ich kann sagen, seither ein wahrer Matcha Fan geworden zu sein! Auch zu hause bin ich auf den gesunden, grünen Tee umgestiegen und fühle mich seither tatsächlich konzentrierter und fitter. Ob das nun am Zubereiten oder am Trinken liegt, sei einmal dahingestellt. Das Internet versichert mir jedenfalls, dass Matcha nicht nur das wachmachende Koffein enthält, sondern mit seinen vielen antioxidantischen Wirkstoffe, Catcheinen, Vitaminen und Mineralstoffen als das gesündeste Getränk überhaupt gilt. Wahrscheinlich spielt der Tee auch eine entscheidende Rolle bei der Tatsache, dass Japaner weniger an Krankheiten wie Herzinfarkt, Alzheimer und Krebs erkranken als Europäer und Amerikaner.

Wenn das kein guter Grund bald wieder in den Teesalon zurück zu kehren. Und ja, der Matcha Cheesecake ist auch ein Argument.

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