Agroökologie und Parteienpolitik

Die Rolle Berlins für eine Welt ohne Hunger

Wie kann eine zukünftige und zukunftsfähige Lebensmittelversorgung Berlins aussehen?

Diese Frage stellten sich die Teilnehmer eines Fachgesprächs am 19.5. im Berliner Abgeordnetenhaus, veranstaltet von der Nichtregierungsorganisation Inkota. Abgeordnete aller Fraktionen des Berliner Landesparlaments waren eingeladen und, bis auf den Vertreter der CDU, auch erschienen.

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Zu Beginng stellte Dr. Altieri von der University of Berkeley kurz und prägnant den Ansatz der Agroökologie vor. Hierbei handelt es sich um den Versuch einer interdisziplinären, ganzheitlichen Betrachtungsweise landwirtschaftlicher Systeme. Statt konventionell den reinen Produktivitätsfaktor im Fokus zu haben, werden bei der Agroökologie die Wechselwirkungen zwischen technischen, biophysikalischen und sozioökonomischen Komponenten in der Landwirtschaft betrachtet und bei Design, Management und der Bewertung von Flächen berücksichtigt. So können Systeme etabliert werden, die produktiv und ressourcenschonend zugleich sind.

Dr. Altieri unterlegte die Notwendigkeit seines Ansatzes mit Statistiken zum Ressourcenverbrauch der industriellen Nahrungsmittelproduktion und forderte eine Demokratisierung des gesamten Agrarsektors inklusive Produktion, Distribution und Konsum. Dafür müsse ökologisch und kleinräumig produziert werden, kleinbäuerliche Strukturen, urbane und periurbane Landwirtschaft statt großflächiger Monokulturen müssen gefördert und Produzent-Verbraucher-Verbindungen gestärkt werden. Denn die jetzige Wirtschaftsweise mit der ihr immanenten Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und Düngern, mit ihrem Verlust von fruchtbarem Oberboden und ihrer zentralisierten Vermarktung ist in keinster Weise zukunftsfähig.

Es folgte eine Einschätzung Berlins hinsichtlich seiner Nahrungsmittelversorgung von Christine Pohl, Eine-Welt-Promotorin für zukunftsfähiges Wirtschaften bei Inkota. Berlin sei im großen Stil von Lebensmittelimporten aus konventioneller Landwirtschaft aus aller Welt abhängig, im Abgeordnetenhaus gäbe es keinen Ausschuss zum Thema Ernährung und auch das Landwirtschaftsministerium und damit jede Verantwortung für Lebensmittelproduktion sei an Brandenburg abgegeben worden. Und das, obwohl 44% der Berliner Fläche für Urban Farming und Urban Gardening geeignet wären, die Unterstützung von Alternativen zum Supermarkt, wie CSA und Bauernmärkten angegangen werden sollte oder die Umstellung des Kantinenessens im öffentlichen Dienst auf BIO-Zertifiziertes anstünde. Es gäbe seitens der Politik also viele Anknüpfungspunkte, aber keine konkreten Ansprechpartner.

Deswegen hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, eine Koordinierungsstelle von Akteuren aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Wirtschaft und eben der Politik zu etablieren und mit diesem „food policy council“ eine Ernährungsstrategie für die gesamte Stadt zu entwickeln.

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Von der Opposition wurde diese Idee gut aufgenommen. Marion Platta von der Partei Die Linke hält die Einrichtung eines solchen Ernährungsrats für wichtig um langfristig eine gesunde, vielseitige, abfallarme, faire, regionale und saisonale Ernährung der Berliner gewährleisten zu können. Sie sprach sich zudem für den Erhalt von Kleingärten als essentiellem Bestandteil eines Berliner Gesamtkonzepts aus. Auch seien 16% der Berliner Freiflächen zur Umnutzung zu Bauland ausgeschrieben, dem müsse entschieden entgegengewirkt werden.

Turgut Altug von den Grünen wollte vom Bild Berlins als Konsumentenstadt wegkommen und dafür zum Beispiel die Verpachtung der 16.000 ha landwirtschaftlichen Fläche innerhalb der Stadtgrenzen an die Bedingung der ökologischen Bewirtschaftung knüpfen.

Weil die Berliner über ihre Verhältnisse leben, schlug Simon Kowaleski von der Piratenpartei vor, auf individueller Ebene auf zwei Dinge zu verzichten: das anonyme Fressen aus dem Supermarkt und die Viehwirtschaft. Politisch forderte er die Abschaffung von Subventionen für Megaställe, Milchseen und Butterberge. Das fällt allerdings unter EU-Recht und ist und von der Länderebene aus nicht entscheidbar. Grundsätzlich sei eine radikale Veränderung der Landwirtschaft nötig aber durchaus möglich, es bestünde nur ein Vermittlungsproblem.

Das Hauptproblem, darin war die Opposition sich jedoch einig, sei, dass die Regierung keine Gelder für interessante Projekte ausgebe, sondern sie lieber beim Großflughafen BER im Brandenburger Sand versenke und dass ins Parlament eingebrachte Vorschläge zur Ökologisierung der Stadt und seiner Versorgung immer abgeschmettert würden.

So gab es immer wieder Seitenhiebe und Sticheleien in Richtung Irene Köhne, der Vertreterin der SPD und damit der Landesregierung. Sie erkannte in ihrem Redebeitrag auch an, dass die Berliner Zivilgesellschaft mit ihren attraktiven Initiativen „richtungsgebend“ sei, die Politik hingegen hinterherhinke und weit davon entfernt sei, die Speerspitze darzustellen. Ihr Vorschlag zum Thema war die inhaltsleere Phrase, Forschung zu unterstützen und so Berlin zur Ideenschmiede, zum Ort der Innovation zu machen. Auch könne man die Bauvorschriften ändern um Landwirtschaft auf Dächern zu fördern. Aber „nicht mehr in dieser Legislaturperiode“.

Und genau hier zeigen sich die Probleme der Parteienpolitik. Sie ist zu träge, alles muss den Weg der Gesetzgebung gehen und dauert zu lange. Ideen der Opposition, zukunftsweisende Trends zu fördern oder gar zu setten, fehlt es an Handfestem, sie verlaufen sich in Schuldzuweisungen an eine Regierung, deren Maxime die reine wirtschaftliche Produktivität ist und ein interdisziplinärer Ansatz wie die Agroökologie den politischen Horizont zu  sprengen scheint. Eine Regierung, mit der bei der visionären Entwicklung einer Ernährungsstrategie für Berlin als gesetz- und geldgebendem Akteur zwar gesprochen werden muss, auf die aber weder gewartet noch etwas von ihr erwartet werden sollte.

Wie kann eine zukünftige und zukunftsfähige Lebensmittelversorgung Berlins aussehen, ist nicht nur eine Frage, die von einer NGO an einige Parteipolitiker als vermeintliche Verantwortliche gestellt wurde, sondern vielmehr eine Frage, die sich jede/r Einwohner/in dieser Stadt stellen sollte, denn jede/r kann einen individuellen Beitrag zu einer gesamtstädtischen Ernährungsstrategie beitragen.

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Bilder: Silke Mayer Photography

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