Lissabon, die Stadt des alten Fisches

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Eher zufällig kommen wir an dem schattenspendenden Geschäft in der gleißenden Mittagssonne von Lissabon vorbei. Mein Blick bleibt an einer riesigen Stoffsardine hängen, die vor dem Eingang baumelt. Von den weiß gekachelten Wänden zeichnen sich aberhunderte Konservendosen in allen Regenbogenfarben ab. Ich sehe mich nach einer Theke für frischen Fisch um. Fehlanzeige. Wenigstens Pastel de Bacalhao? Achso, hier wird nur Dosenfisch verkauft, hm. Hübsch anzusehen sind die Dosen immerhin. Meine anfängliche Skepsis löst sich in Wohlgefallen auf, als mir ein junger Portugiese Dosenmakrele auf Zwieback anbietet. Gar nicht übel, ganz im Gegenteil. Wer dachte, Fisch könne nur frisch gefischt genossen werden, wird bei „Loja das Conservas“ eines besseren belehrt.

Die Auswahl ist so groß, dass ich zunächst leicht überfordert bin. Thunfisch? Sardinen? Oder doch lieber Muscheln? In pikanter Tomatensauce, in Zitrone oder doch einfach nur in Olivenöl? Geräuchert, gekocht oder roh? Zum glück gibt es reichlich Probierhäppchen. Von den herrlich gestalteten Konserven blicken mir Seefahrer, Fischerinnen und Gottheiten entgegen. Die heilige Katharina hält schützend einen Thunfisch im arm, als wäre er die fischgewordene Inkarnation des Heilands. Dass ihrer Leibspeise einmal soviel Liebe und Aufmerksamkeit zuteil würde, haben sich die armen Hafenarbeiter des 19. Jahrhunderts wahrscheinlich nie zu erträumen gewagt.

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Von Sara, die für das Geschäft zuständig ist, erfahre ich, dass Loja das Conservas ein Projekt des portugiesischen Nationalverbandes der Industrie für Fischkonserven (ANICP) ist. Der Grundgedanke war es, einen Ort zu kreieren, an dem zum ersten Mal die Produkte aller Fischfabriken Portugals vereint sind. So fungiert das Geschäft, abgesehen vom Verköstigen schmackhaften Dosen-Fischs, auch als „Museum“ portugiesischer Fischkonserven-Tradition. Die älteste der 30 vertretenen Marken blickt auf eine 160-jährige Geschichte zurück. Und tatsächlich fühlt man sich beim betrachten der Dosen in der Zeit zurück versetzt. Viele der Marken pflegen einen Vintage-Look, der so selbstverständlich daher kommt, als trügen die Konserven die Quintessenz portugiesischer Esskultur in ihrem Inneren. Augenblicklich tun sich vor meinem inneren Auge Bilder von rauen, hart arbeitenden Männern auf, die in ihren kurzen Pausen gierig ihre Ölsardinen vertilgen. Kleine Räder, die eine große Fisch-Nation am laufen halten, deren Geschichte ich heute im Hier und Jetzt vergustieren darf.

Inzwischen hat sich der Fisch in der Dose zur Delikatesse entwickelt. Ein Feinkostgeschäft, das etwas auf sich hält, führt selbstverständlich ein weites Sortiment an Dosenfisch jeglicher Coleur. Sogar Jahrgangssardinen gibt es mittlerweile. So wundert es auch nicht, dass Loja das Conservas auch Sardineneier, oder auch „portugiesischen Kaviar“, für den etwas anspruchsvolleren Fischkonserven-Liebhaber anbietet.

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Dank der liebenswürdigen Verkäufer, die verwirrte Kunden wie mich an der Hand nehmen und ihnen helfen, ihre anfängliche Überforderung in einen ausformulierten Wunsch zu kanalisieren, entscheiden wir uns für Makrelen, Sardinen und geräucherte Muscheln. Ohne sie hätte ich wahrscheinlich stundenlang das Meer aus Dosen angestarrt, unfähig die simpelste Entscheidung zu treffen. Präsente für Daheim werden selbstverständlich auch mitgenommen. Und weil Dosenfisch auf Zwieback tatsächlich erstaunlich gut funktioniert, holen wir uns im Supermarkt ein paar Schritte weiter eine Packung und machen uns auf zum Picknick am Wasser. Fast sind die Dosen zu schön um sie zu öffnen. In meiner Küche liegt immer noch eine ungeöffnete Dose Sardinen, ich bringe es einfach nicht fertig sie zu zerstören. Doch je weiter dieser Urlaub in die Ferne rückt, desto näher rückt der Dose auch ihr letztes Stündlein.

Photos: Pedro Cruz Gomes

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