Du bist nicht allein

Fruchtfliegen & Co. sind häufige Gäste in und um Berlin

Bildschirmfoto 2015-07-15 um 18.17.57

Der Sommer ist da! Schwüle Luft, heiße Tage, leuchtendes frisches Obst liegt im Körbchen auf dem Küchen Tisch. Die ersten Gäste nahen: Drosophila Melanogaster, die kleine Fruchtfliege, erst eine, dann zwei… jedes Weibchen hat während ich diese Zeilen schreibe, 400 Eier in meine Erdbeere gepumpt! Im Laufe des Tages wird aus der prallen Erdbeere ein matschiger Brutplatz.

In der Speisekammer wird ebenfalls Hochzeit gehalten und geliebt! Zartflüglige Getreidemotten haben es sich an der Decke eingerichtet und sind auf Partnersuche, nachdem sie im Larvenstadium in Haselnüssen, Müsli oder Dinkel eingereist sind. Hebe ich die Perlgraupen-, Quinoa- oder Dinkel-Klarsichttütchen aus dem Bioladen  an, sehe ich die feinen Gespinste vibrieren, die sie hinterlassen haben. Weitere Junglarven sitzen noch wohlverpackt und unsichtbar in ausgefressenen Körnerhülsen und werden erst bei steigender Temperatur im Kochtopf ihr nahrhaftes Versteck verlassen.

Die Idee, endlich mal wieder an einem Sonntagmorgen zum Frühstück  Scones selbst zu backen, lasse ich wieder fallen: In den Rosinen und Nüssen haben die verlassenen Wohnungen der Getreidemottenlarven neue Bewohner angelockt. Winzige Milben ernähren sich vom zurückgelassenen Rest der Eroberer. Krümelige braune Häufchen kleben an den Fruchtresten und verderben den Appetit.

Der schneeweiße Bio-Basmatireis aus den seltenen Hochlagen des Himalaya, unbehandelt und Fair Trade, weist schwarze rüsselige Käfer auf, die auf den Körnern balancieren. In der Nuss-Schokolade, die ich aus ihrer dünnen Aluminiumfolie schäle, sehe ich Fraßgänge wie in einem Irrgarten.

Wenn ich Freunden davon in Berlin erzähle, nicken alle etwas beschämt, ja, das kennen sie auch… Sie kannten es aber nicht oder wenig in Barcelona, London oder Paris. Definitiv ist Berlin mit seinem ausgeprägten Kontinentalklima und seinen beständigen Wetterwechseln, dessen einzige Konstante die hohe Luftfeuchtigkeit ist, ein hervorragender Ort, um die Vielfalt eingeschleppter Nahrungsschädlinge zu studieren.

Zur Vorbereitung reicht zumeist ein Einkauf in einem Bioladen aus und im besten Fall auch noch unregelmäßige Arbeits- und Lebenszeiten, sodass die Tiere ungestört ihren Paarungsritualen und Brutgeschäften nachgehen können. Innerhalb von 3-4 Wochen hat man bereits einige Arten herangezüchtet. Das Ergebnis ist insbesondere in den Monaten von Mai-Oktober eindrucksvoll. Ganze Parallelgesellschaften haben sich entwickelt.

Viele der kleinen Tierchen haben wir auf unserer Suche nach immer neuen und unbekannten Nahrungsmitteln und Power Foods aus Ländern eingeschleppt, die dort bei anderen Klimabedingungen wenig Platz zur Entfaltung hatten.

Gerade Getreide und Trockenfrüchte aus dem Hochland Südamerikas sind normalerweise starken Temperaturschwankungen ausgesetzt und die Luftfeuchtigkeit liegt unter 20%. (in Berlin erreichen wir an vielen Tagen über 90%) Vielfach gibt es dort auch Fraßfeinde, die der Vermehrung schnell ein Ende bereiten. Insbesondere Spinnen reduzieren die Eindringlinge…aber wer möchte die schon zuhause zur Prophylaxe oder zur Jagd beschäftigen?

Es gibt ja auch immer wieder Versuche, eine besondere Schlupfwespenart zur Bekämpfung der Getreidemotte zu Hause anzusiedeln (das ist kein Scherz, die Päckchen finden sich in gut sortierten Bioläden!). Doch sind die meisten von Zweifeln geplagt, ob man nun die Schlupfwespen ihrem parasitären Geschäft nachgehen lassen sollte, während man in der Küche das Essen zubereitet?

Umgebungstemperaturen unter 10 Grad stoppen die Vermehrung und lassen die meisten Insekten verenden. Nicht so in unseren Küchen. Die kalten Unter-dem-Fenster-Kammern wurden baulich längst abgeschafft. Und jetzt bieten wir ganzjährige Wohlfühlatmosphäre um 20 Grad in unseren Lagerräumen.

Zusätzlich haben wir mit Bioabfalltonnen neue Lebensräume geschaffen! Richtige Biotope laden ein, den Sommer mit der ganzen Familie ungestört bis zur nächsten Müllabfuhr zur Vermehrung zu nutzen. Regelmäßiges Öffnen der Tonnen erlaubt den fliegenden Arten dann auch in höher gelegenen Wohnungen zu gelangen. Bei uns wird die Biotonne im Hof höchstens alle 2 Wochen geleert, die anderen hingegen alle 2 Tage.

Eine kleine Fruchtfliege hat eine durchschnittliche Lebenserwartung von 10 Tagen. Das mit dem einen Tag Leben ist nur der Traum der Genetiker, die sie lieben. In dieser Zeit können sich unter optimalen Bedingungen, wie zum Beispiel eine vergessene Bananenschale in der Bio Abfalltonnen in der Küche, bei einer regelmäßigen Eiablage von täglich 400 Stück hochgerechnet 16 Millionen Fliegen entwickeln. Das sprengt meine Vorstellung.

Stören mich diese Tierchen? Sind sie mehr als eine Herausforderung an Moral und den Tötungstrieb? Hinter vorgehaltener Hand werden die verschiedenen Methoden diskutiert: UV Licht! Lockt und verbrennt schnell, aber auch andere, seltene und nützlichere Insekten! Ist deshalb in Deutschland nur im Haus erlaubt! Nervengifte aus afrikanischer Chrysantheme: allein die Beschreibung liest sich absurd wie eine Partydroge für Gliedertiere und Feinflügler: erst befällt es das Nervensystem und führt zu Euphorie und gesteigertem Bewegungsdrang, dann langsam durch Atemlähmung zum Tode…. Pherom (Sex)fallen, die verliebte Mottenmännchen anlocken und die dann auf der begehrten durch Klebefolie ersetzten Geliebten ausharren lassen, bis der Tod eintritt.

Als ich während der Recherche im Internet: “Insekten und Nahrungsmittel” herumgesucht habe, fand ich  mehr Hinweise zur Zubereitung von Insekten als zur Vermeidung von Insekten, die Nahrungsmittel plündern. Das hat mich überrascht, auch wollte ich eher nicht über Heuschreckencracker und andere Überraschungen schreiben.

Sondern über das, was mich und meine Freunde bewegt: was mache ich, wenn meine Nahrungsmittel befallen sind? Die eindeutige Antwort: Wegwerfen. Es bleibt nichts anderes übrig. Und putzen. Jede Ecke, jeder Winkel muss ausgewischt werden. Und das geschieht immer an den seltenen Tagen, an denen ich endlich mal gemütlich alleine zuhause bin.

Das Verfüttern an Vögel und an andere Tiere wie Eichhörnchen verbietet sich, da insbesondere der Sekundärbefall die Vögel und Kleinsäuger krank machen kann: Giftige  Schimmelpilze vermehren sich in den Resten der befallenen Lebensmittel. Der große Reiskäfer überträgt mit seinem Kot verschiedene Krankheitserreger und ist zudem Zwischenwirt für den Rattenbandwurm.

Es empfiehlt sich, alle verdorbenen Lebensmittel einen Tag in der Gefriertruhe zu lagern, bevor alles in den Abfall – nicht in die Biotonne – wandert. Dann gibt man nicht auch noch über die Biotonne weiterem Befall eine Chance.

Der Nachmieter der Getreidemotte, die Getreidemilbe, die diese unansehnlichen  Häufchen auf den Fraß – und Kotresten der Getreidemotte verursacht, ist für uns Menschen auch ein Schädling, der unsere Gesundheit angreift. Wie alle Milben sind sie mit ihren Verdauungsprodukten für Allergieschübe verantwortlich. Insbesondere die Atemwege reagieren schnell mit Schnupfen und chronische Nebenhöhlenentzündung sind ebenso eine Folge wie unspezifische Darmentzündungen und Hautausschläge.

Meist kommt man dem schlecht auf die Spur, aber führt man bei einem Allergiker eine Sanierung des Umfelds durch, verschwinden auch solche Mehlmilben und damit ein Großteil der Beschwerden. So mancher Hausstaub- Allergiker atmet tatsächlich auf, wenn klar wird, dass er nicht auch noch auf Getreide allergisch ist…(Gluten), sondern nur auf die Mitbewohner!

Die beste Sorge ist die Vorsorge: trockene Lebensmittel wie Getreide und Trockenfrüchte luftdicht in dunklem Glas kühl aufbewahren. Ölige Nahrungsmittel wie Nüsse und Kakaobohnen, ebenso. Wollige Winterkleidung in Plastikfolienbeuteln verschließen und mit Lavendelduft einlagern. Lavendel- und Zedernduft erfreuen uns nicht nur – sie vertreiben auch die kleinen Parasiten.

Und noch eine bessere Idee: regelmäßige Abendessen mit Freunden! Hilft auch gegen Käfer, Motten und Milben, wer hätte das gedacht!

Bildschirmfoto 2015-07-16 um 12.22.24

Kommentare

Lass einen Kommentar

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.