Heno Heno, ein Traum von Japan

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Bevor ich das erste mal in Russland war, hatte ich schon eine leichte Ahnung vom Russischen durch die Musik,mit der ich zu tun hatte. Zuerst Prokofjews „Peter und der Wolf“ und später dann die großen Symphonien von Schostakowitsch. Schostakowitsch lässt die Geigen im Finale seiner 4. Symphonie über 30 Takte hinweg den gleichen hohen Ton wiederholen. Dieser Ton pflanzt sich ähnlich wie der stetige Wassertropfen in die Kopfhaut sowjetisch Gefolterter unwiederbringlich in die Gehörgänge des Publikums ein und irritiert das Nervensystem. Aber das Stück endet im Leben und nicht im Tod, wie es jeder deutsche Komponist hätte enden lassen. Auf dem Weg vom Flughafen nach Moskau Zentrum sah ich viele von Peters Holzhütten durch das Fenster, bis ich im Vorbeifahren von der Schwermütigkeit der riesigen Plattenbauten am Stadtrand erschlagen wurde. Immer mal wieder wuchsen kleine Basiliken mit den wunderbarsten farbigen Kuppeln aus der Betonwüste. Von weitem ragten die Stalintürme als Ausdruck sozialistischer Utopie bis in die graue Unendlichkeit, die sich über Moskau ausbreitete. Dazwischen, tatsächlich Menschen, die lachten, aber genau wie die Volksmelodien von Schostakovitsch nichts mit Naivität zu tun hatten, sondern mit einer Mischung von Freude und Melancholie, die für uns im Westen schwer nachvollziehbar ist.

Gestern war ich im Heno Heno essen. Meine Kollegin Anna hatte mich darauf aufmerksam gemacht, dass der kleine japanische Imbiss, den es früher in der Kantstraße gab, wieder aufgemacht hat. Anna ist Berlinerin wie ich, was ein Wunder ist, denn normalerweise gibt es nicht so viele Berliner in einem Büro in Berlin-Mitte. Wir hatten beide reichlich gute Erinnerungen an den Laden und beschlossen mit ein paar Kollegen direkt nach der Arbeit hinzugehen. Ich konnte kaum erwarten, dass der Nachmittag herumging und dachte zurück an die Zeit, als ich noch brav Querflöte studiert habe und in Charlottenburg wohnte. Immer dann, wenn ich nicht bis 23 Uhr geübt habe (dann schloss die Uni) bin ich bei Heno Heno vorbei gegangen und habe mir zwei Onigiri bestellt für insgesamt 2,60 Euro. Manchmal bin ich auch extra dafür früher nach Hause gegangen. Die beiden Onigiri waren nicht nur sättigend und billig, sondern versetzten mich mit der einzigartigen Wärme eines perfekt ausgewogenen Umami-Geschmacks in das wohlige Gefühl, das einer suchenden, getriebenen und umtriebigen Studentin vermitteln konnte, dass alles irgendwann in Ordnung kommt.

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Als wir gestern endlich das Restaurant betraten, wusste ich nicht, was mich mehr beeindruckte. Die Einrichtung, oder die Köche und Kellner, die ein Strahlen in den Gesichtern hatten, das nichts mit japanischer Höflichkeit zu tun hatte, sondern mit der puren Freude darüber, dass der Laden so gut läuft. Dann ging es los. Wir versanken drei Stunden lang in der einzigartigen Wärme perfekt ausgewogener Umami-Geschmäcker, die uns vermittelten, dass alles in Ordnung war, hier und jetzt. Duftende Onigiri-Bälle, gefüllt mit kleinen Schätzen aus Pflaume oder Lachs, dampfende Guydon-Schüsseln mit hauchfeinen Rindfleischstreifen, pochiertem Ei und frisch eingelegtem Ingwer, seidige Udon-Nudeln mit Seetang und kräftige Soba-Curry-Nudeln aus Buchweizen. Wärmende Tees. Knackiges, fermentiertes Gemüse. Es hatte sich nicht viel verändert. Und doch einiges: Auf der Karte gibt es jetzt 7 statt 5 Gerichte und natürlich der Ort. Heno Heno ist jetzt nicht mehr in der Kantstraße, sondern in der Wielandstraße und es ist kein Imbiss mehr sondern ein kleines Restaurant.

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Wenn kleine Läden sich vergrößern wollen, passieren ja oft schreckliche Dinge mit ihnen und man muss schmerzlich feststellen, dass man sie nie wieder besuchen kann. Nicht so bei Heno Heno. Auf geniale Weise haben sie es geschafft, ihren Imbiss-Charakter in die Schickeria der Ku-Damm Seitenstraßen zu transferieren und Einfachheit mit Eleganz und Humor zu vereinen. Perfekt ausgewogen.

Ich war noch nie in Japan. Aber wenn Heno Heno nur halb so viel mit Japan zu tun hat wie Schostakovitsch mit Russland, muss Japan der Himmel auf Erden sein.

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Fotos: Anna Küfner

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