Kaffee Bankrott:
Essen für Alle!

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Jeder kennt sie und dann doch wieder nicht richtig. Wenn man nach der Arbeit gerade in der S-Bahn ein Nickerchen einlegen will, reißen sie einen aus den Träumereien und jagen einem genau den Schrecken ein, den man als jahrelanger Schwarzfahrer tief in den Knochen sitzen hat. Jedesmal wieder denkt man, es wäre ein Kontrolleur und er würde sagen: „Fahrkarten bitte!“ Aber dann gehört die Stimme glücklicherweise einem Straßenfeger-Verkäufer, der mit seinem Spruch der Woche seine Obdachlosenmagazine verkaufen will. Diese Menschen können sehr lustig sein. Und sehr bedürftig. Oft beides. Ich habe schon etliche der Magazine gekauft. Die sind eigentlich auch recht lustig, aber nie so charmant wie ihre Verkäufer.

Wer sind diese Verkäufer?

Sie verkaufen das Obdachlosenmagazine Straßenfeger für 1,50 Euro, wovon sie 90 Cent behalten und 60 Cent in die nächste Ausgabe fließen. Ein recht gutes Prinzip, es erspart den Obdachlosen das Betteln und sichert ihnen das Nötigste.

Ich wollte schon immer wissen, wer diese Menschen sind und beschloss, es heraus zu finden. Also rief ich beim Straßenfeger und bei der Motz (einem weiteren Obdachlosenmagazin in Berlin) an und fragte, ob sie Hilfe bräuchten. Natürlich rannte ich offene Türen ein. Man lud mich zum Vorstellungsgespräch in die Prenzlauer Allee ins Kaffee Bankrott ein und ein paar Tage später machte ich meine erste Schicht in der Notunterkunft vom Straßenfeger. Das ist jetzt 5 Jahre her und es war eine sehr aufregende Zeit.

Ich lernte viele Menschen kennen, einige besser, einige nur flüchtig, wurde in der S-Bahn strahlend von den Verkäufern begrüßt und geneckt („Dit sieht ja viel besser aus als wassde jestern ahmbd anhattest!“) und verbrachte den ersten Weihnachtsfeiertag mit einer rumänischen Familie, die Kekse und Zigaretten mit mir teilten.

Außerdem lernte ich die Strukturen hinter dem Straßenfeger kennen. Der Verein hinter dem Magazin heißt mob e.V. und bietet weit mehr als nur das Magazin. Offensichtlich gibt es auch eine Notunterkunft mit damals 15 Betten (Inzwischen sind es 31). Außerdem: die Frostschutzengel, die Obdachlose rechtlich beraten und ihnen bei der Wiedereingliederung ins soziale System helfen, den Trödelpoint, eine Kleiderkammer mit Sachspenden und natürlich das Kaffee Bankrott.

Das Kaffee Bankrott ist ein sehr warmer Ort. Es steht den ganzen Tag über offen für Obdachlose und sonstige Gäste. Das Essen ist außergewöhnlich preiswert und es werden dort die Magazine für 60 Cent an die Verkäufer ausgegeben. Aber viele kommen auch einfach hierher, um ihre Zeit zu verbringen. Es ist ein wichtiger Treffpunkt.

Meine Zeit beim Straßenfeger endete nach drei Monaten, weil ich einen Vollzeitjob angenommen hatte und noch aus einem anderen Grund: mob e.V. musste aus dem Gebäude in der Prenzlauer Allee 87 raus, weil sie – so ungefähr die Erklärung – nicht mehr in das Viertel passten. Es waren minus 15 Grad Celsius in dem Winter und es brach mir das Herz.

Ein Jahr später hat mob e.V. einen neuen Standort gefunden, wo der ganze Verein seit 4 Jahren sitzt: in der Storkower Straße 139d, etwas weiter ab vom Schuss. Dort habe ich mich mit Rosi getroffen, jener Dame, die schon damals an der Theke im Kaffee Bankrott stand und habe mit ihr und Koch René über Essen gesprochen.

Bankrott

Als Rosi den Job vor 10 Jahren übers Jobcenter bekam, war ihre einzige Bedingung, dass sie nicht kochen wollte. Das half nichts: Sie wurde trotzdem erstmal Küchenhilfe und fand es gar nicht so schlecht. Sie mochte schon immer die Mischung des Klientels. Es kommen ja nicht nur Obdachlose ins Kaffee Bankrott sondern auch andere Gäste, die einfach bedürftig sind. Das müssen sie allerdings nicht beweisen, damit sie Essen bekommen. Jeder kann kommen. Und jeder hat andere Gewohnheiten: „Zum Beispiel dieser Mann dort hinten mit der Mütze ist Zeitungsverkäufer. Der kommt her, um seine Zeitungen zu kaufen. Und wenn er dann noch genug Geld hat, kauft er sich noch etwas zu essen oder trinkt einen Kaffee, und dann geht er wieder.“

Am Anfang nach dem Umzug blieben ihnen wohl die Gäste aus, denn niemand wusste, dass es überhaupt ein neues Kaffee gab und wo es war. Das war nicht nur für die Obdachlosen ein Problem, sondern auch für das Kaffee selbst. Dieses wird nämlich nicht subventioniert, sondern finanziert sich lediglich über den Verkauf des Essens und der Möbel im benachbarten Trödelpoint. Aber irgendwann machte die Kunde von der Neueröffnung ihre Runde durch die Stadt.

Eine Sache stört Rosi am neuen Standpunkt. Es gibt einen Fernseher. Der wurde von Andreas Dölling zur Fußball WM gespendet. „Das verändert einiges. Teilweise sitzen die Leute nur da und starren auf den Bildschirm, anstatt sich zu unterhalten. Der Fernseher ist den ganzen Tag an. Schon ein bisschen schade.“

René hat, bevor er anfing im Kaffee Bankrott zu arbeiten, schon in der gehobenen Küche gekocht. Aber dann wurde ihm klar: „Der Koch wird immer ausgebeutet und deswegen sag ich: Dit mach ich nich mehr mit.“ Und hier? „Hier beutet man sich selber aus. Aber ich koche lieber für arme Leute als für reiche Leute. Die haben ja genau das gleiche Recht, vernünftiges Essen zu kriegen.“

Eingekauft wird bei Lidl, Penny, Kaufland, immer da, wo es Sonderangebote gibt. Das Prinzip, welches in der Gastronomie üblich ist – nämlich Einkaufspreis x 3,5 – funktioniert im Kaffee Bankrott natürlich nicht. Ein Gericht mit Kartoffeln, Fleisch und Gemüse kostet hier 2,50 Euro! Manchmal muss das innerhalb der Woche wieder ausgeglichen werden mit kostengünstigeren Gerichten wie Senfeiern. Einmal pro Woche kriegen sie eine Spende von der Tafel. Das sind dann aber eher Trockenprodukte wie Mehl oder Nudeln und kein Fleisch. Fleisch jedoch brauchen die Leute für das Leben auf der Straße. „Das verlangen die richtig.“

René versucht immer schon am Wochenende ein Menüplan für die Woche zu erstellen. „Aber der ist aber meistens schon am Mittwoch hinfällig. Weil wir für unser Budget oft nicht das kriegen, was ich mir ausgedacht habe. An sich machen wir sowieso jeden Tag den Speiseplan neu. Aber ich finde es wichtig, dass Anfang der Woche schonmal etwas da steht für unsere Gäste.“

Als ich nach dem Lieblingsessen der Gäste fragte, kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen: „Wurstgulasch. Den könnte ich jeden Tag machen. Wurstgulasch und Schnitzel. Was die Deutschen ja so gerne essen. Und warum sollten Wohnungslose anders drauf sein als der Bürgerliche und der Stinkreiche? Die mögen ja alle das Gleiche. Wir sind ja schließlich alle in der gleichen Gesellschaft aufgewachsen. Und glücklicherweise wird man ja heutzutage nicht mehr obdachlos geboren.“

Und die Küchenausrüstung, ist die ok?

Naja, wir könnten natürlich noch so einiges gebrauchen, aber ja: Jede Küche ist zu klein!

Bildschirmfoto 2018-01-18 um 10.45.19Gäste in der ersten Version des Kaffee Bankrott in der Schliemann Straße in den 90ern

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