Berlinale:
Le Semeur

afficheIn ihrem Film Le Semeur,  oder  Der Säer portraitiert Julie Perron den Künstler und Gärtner Patrice Fortier. Als Fortier vor Jahren von der Stadt aufs Land zog, mit der wagen Idee im Kopf, seine künstlerische Arbeit auf irgend eine Weise mit Landwirtschaft zu verbinden, entdeckte er seine große Leidenschaft: Saatgut. Er gab ihr nach und began, sich fast ausschliesslich dem Anbau fast vergessener Gemüse und Kräuter zu widmen, um mit deren Samen zu handeln und damit die Vielfalt alter Sorten vor dem Aussterben zu bewahren. Julie Perron lässt uns ein Stück mitgehen in dem zauberhaften Leben von Patrice. Sie zeigt auf extrem sensible und intensive Weise, wie er seine ganze kreative Schaffenskraft in die Pflanzen steckt und wie letztendlich das Gärtnern selbst künstlerische Züge annimmt.

Patrice hat eine außergewöhnliche Verbindung zur Natur und kann gleichzeitig sein elegantes Städter-Dasein nicht verleugnen. Er ist, wie Perron sagt, ein wahrer „Gentleman Farmer“. Dem Zuseher präsentiert sich ein Protagonist, mit Humor und Tiefe, mit Poesie und Intellekt, mit Stil und Lässigkeit, zweifelsfrei ein Glücksfund für jeden Dokumentar-Filmer. Doch nicht nur Perron hatte Glück mit Ihrem Protagonisten, auch Patrice hätte sich wohl keine großartigere Übersetzerin seiner Arbeit wünschen können. Es ist großes Kino, dass Perron geschaffen hat, ein künstlerisches Werk, das mit wunderschönen Bildern und wenigen Worten eine einfache Geschichte erzählt, die niemals langatmig wird und den Besucher auf angenehme und erfrischende Weise berührt.

Gemeinsam übermitteln die beiden eine Nachricht, die weit darüber hinausgeht, wie wichtig und schön der Erhalt der Vielfalt der Natur in den heutigen Zeiten der großflächigen Monokulturen ist. Le Semeur erzählt von den Früchten der Stille, für die vielen von uns, im allzu hektischen Alltag oftmals kaum noch Zeit bleibt, und von der reichhaltigen Ernte eines Lebens ohne die Angst auch ungeplante Wege einzuschlagen.

Wir haben mit Julie Perron gesprochen. Das Interview findest du unten.

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CFL: Patrice scheint eine außergewöhnliche Person zu sein. Wie hast du ihn kennengelernt? Und wie kam es zu der Idee, einen Film über ihn zu machen?

Julie: Eigentlich hatte ich gar nicht vor, einen Film über Patrice zu machen. Mein Plan war, einen Mosaikfilm zu drehen mit vielen Darstellern aus der ganzen Welt. Die Idee war noch nicht ganz klar, aber ich wollte reisen und es sollte um Essen gehen. Auf der Suche nach spannenden Personen habe ich Patrice durch einen gemeinsamen Freund kennengelernt. Ich mochte sofort, was er macht, und er sollte Teil meines Films werden. Aber dann hat er mich so fasziniert, dass ich bei ihm geblieben bin und ihn über vier Jahre begleitet habe.

CFL: Erzähl uns ein bisschen etwas über Patrice. Er ist Gärtner und er ist Künstler. Wie passt das zusammen? Wie lebt er das?

Julie:  Das ist gar keine so einfache Frage. Früher war Patrice Künstler in Montreal und dann hat er sich entschlossen aufs Land zu gehen und diesen Garten zu haben. Er wollte Kunst und Agrikultur verbinden. Jetzt versucht er eine Balance zu schaffen. Wenn er im Garten arbeitet, denkt er viel über die ganzen Kunstprojekte nach, die er im Kopf hat. Er hat zum Beispiel so eine Idee von einem Gemüsemarkt, auf dem jedes einzelne Stück Gemüse in einer Vitrine liegt, so dass man es betrachten kann wie ein Kunstobjekt. Aber er kommt nicht dazu, seine Ideen zu realisieren. Der Garten und seine Pflanzen sind für ihn wie Kinder! Er steckt all seine Zeit und Energie da rein. Deswegen war er auch so froh, dass wir diesen Film zusammen gemacht haben. Ihr müsst wissen, er ist sehr kreativ. Während der Dreharbeiten konnte er viele künstlerische Situationen herstellen.

CFL: …wie die mit er Perücke aus Angelicablüten?

Julie: Ja! Diese Angelicapflanzen gibt es massenhaft in seinem Garten. Sie sind ziemlich groß und stehen dort herum wie lauter Frauen mit aufwendigen Frisuren. Er guckt sie an und fängt an zu träumen. An einem Tag hat er beschlossen, sich selbst so eine Frisur zu machen aus vielen Angelicablüten. Wenn er mit dieser Perücke durch den Garten läuft, macht der Wind seine Arbeit und lässt die Samen durch die Luft fliegen. Das sieht wunderschön aus und hat eine Message: Die Natur funktioniert von ganz alleine, wir müssen nicht immer nachhelfen.

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CFL: Wie kam es überhaupt dazu, dass Patrice aufs Land gezogen ist? Oftmals sind es ja bestimmte Erfahrungen, die Leute zu einem solchen drastischen Schritt treiben, dazu, das Leben komplett zu ändern. Weißt du, wie es bei Patrice war?

Julie: Ja, bei ihm war es etwas sehr persönliches. Eine ihm sehr nahe Person ist auf ziemlich dramatische Weise gestorben. Er wollte schon lange in die Landwirtschaft gehen und diese Erfahrung war dann wie ein Zeichen für ihn. Auch hat diese Person wohl einmal von ihm geträumt und ihm gesagt: „Ich habe dich als Gärtner gesehen.“ Das war, als er noch sehr jung war.

Aber Patrice hatte schon immer eine Verbindung zur Natur. Er hatte schon seit den 80er Jahren einen Guerilla-Garten in Quebec City. Irgendwann hat er sich entschieden, einen Landwirtschaftskurs zu machen und dort hat er seine Leidenschaft für Samen entdeckt und wollte sich in diesem Feld vertiefen.

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CFL: Es muss ein sehr ruhiges Leben dort auf dem Land sein, viel leiser als in der Stadt. Wie war es denn für dich, dort so viel Zeit zu verbringen? Hat es dich irgendwie beeinflusst – als Mensch und als Filmemacherin?

Julie: Es hat mir vor allem viel Freude gemacht. Ich war vorher immer eher ein ‚City Girl’ und durch diese Arbeit habe ich eine Verbindung zur Natur in mir entdeckt. Diese Verbindung ist sehr wichtig. Besonders interessant ist tatsächlich das Verhältnis von Stille und Geräusch auf dem Land. Es gibt eigentlich viele Klänge in der Natur und die habe ich auch versucht, in den Film mit einzubringen.

CFL: Ja, die Sounds in deinem Film sind wirklich sehr beeindruckend, sehr atmosphärisch. Sie nehmen einen mit in eine andere Welt…

Julie: Ich wollte das Publikum in Patrices Kopf hinein lassen, wollte die Leute das hören lassen, was er hört, so dass man den Wind fühlt und die Insekten, so dass alles präsent ist. Die Geräusche haben wir teilweise auch mit Musik unterlegt, aber sehr subtil. Einmal haben wir auch Musik mit Samen gemacht! Es war zu einem Zeitpunkt als wir gerade gar kein Geld hatten. Alles entstand durch einen Zufall. Patrice hatte seine Hände in einen Sack mit Samen getan und das klang so schön. Also haben wir es auch mit anderen Arten von Samen probiert und zum Schluss hatten wir eine Samenparty! Das war sehr nützlich für den Film. Interessant war auch das Verhältnis von Stille und Sprache. In meinen vorigen Filmen ging es immer viel um Informationen, deswegen brauchten wir viele Worte. In Le Semeur geht es vor allem ums Fühlen. Und im Laufe der Dreharbeiten habe ich verstanden, dass ich auf eine andere Weise mit Patrice verbunden sein muss, als mit Worten. Überhaupt, in meinem Film gibt es kein Sprechen vor Minute 4:38. Ich weiß – das ist nicht gut fürs Fernsehen!

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CFL: Was ist Kamouraska eigentlich für ein Ort? Wo liegt es und wie ist das Klima?

Julie: Kamouraska ist eine Region mit lauter kleinen Dörfern, etwa 400 km nord-östlich von Montreal. Es ist sehr windig dort, deswegen bleibt im Winter kein Schnee liegen. Im Sommer wird es relativ warm, zwischen 25 und 30 Grad. Für eine Reihe von Gemüsesorten sind das gute Bedingungen. Die Region war auch ursprünglich eine traditionelle Gemüseanbaugegend, aber jetzt gibt es da vor allem industrielle Milchbetriebe. Oder Mais, viel genmanipulierter Mais. Deswegen kann Patrice auch keinen Mais anbauen, wegen der Fremdbestäubung. Das Saatgut würde sofort verdorben werden.

CFL: Und mit dem Saatgut verdient Patrice eigentlich sein Geld, richtig?

Julie: Ja, sein bescheidenes Einkommen. Er wohnt drei Monate im Jahr in der Stadt – von Januar bis Ende März. Dort geht er auf Messen und verkauft sein Saatgut. Er hat ein interessantes Klientel, Leute jeden Alters. Vor allem gibt es aber immer mehr junge Leute, die sich für die ganze Thematik interessieren: Altes Saatgut, biologisches Essen… Das Bewusstsein wächst immer mehr in der Gesellschaft. Es gibt viele urbane Gärten in Quebec – und im Übrigen auch ein Food Lab! Sie haben ein Restaurant und eine Galerie. Die Leute wollen gut essen und wissen woher das Essen kommt.

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CFL: Wie ist denn die Essenskultur bei euch? Was habt ihr für eine Küche in Kanada?

Julie: Die Küche in Quebec ist ein Mix aus französischer und alter indianischer Küche. Die Ureinwohner haben die französische Küche sehr beeinflusst, weil sie den Franzosen geholfen haben zu überleben. Sie haben ihnen gezeigt, wie man was anbaut und kocht. Diese Küche sind wir gerade dabei wiederzuentdecken. Denn natürlich, abgesehen davon gibt es bei uns viel Fast Food, wie bei unseren Nachbarn.

CFL: Und deine eigenen Essensangewohnheiten? Hat der Film etwas bei dir verändert?

Julie: Nicht so sehr. Ich habe immer gut gegessen, ich mag kein Fast Food. Einmal, als Kind habe ich eine Coca Cola probiert und ich habe geweint. Es war schrecklich! Nein, ich achte auf mich und ich liebe kochen. Am Set habe ich immer gekocht und alle sind zum Essen zusammen gekommen. Das ist sehr wichtig für mich. Wenn jemand nicht essen will… – wird er gefeuert! Ich vertraue Leuten nicht, die nicht essen.

CFL: Zum Schluss noch: Würdest du sagen, dass Patrice politisch ist?

Julie: Ja, auf eine Art schon. Aber er ist nicht derjenige, der Demonstrationen anführen würde. Er handelt lokal und denkt global. Er macht einfach, er braucht nicht laut zu werden. Ich hoffe, dass ich seine Botschaft mit meinem Film ein bisschen verstärken kann, ihm ein Echo geben kann. Es ist klar, dass man mit einem Film nicht die Welt verändern kann, aber vielleicht schafft man es, einige Leute zu inspirieren. Und zum Schluss, funktioniert es doch so, die Welt zu verändern. Jeder macht seine kleinen Dinge.

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Interview: Ludwig Cramer-Klett
Bilder: julieperron.net, berlinale.de

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