Im Schlaraffenland mit Sonja Alhäuser

Ein Interview

Wenn der Name Sonja Alhäuser fällt, kommen einem vor allem aufwendige Butterskulpturen, künstlerisch angerichtete Buffets, Weinbrunnen und Zeichnungen, die eigentlich Rezepte sind, in den Sinn. Ihre duftende Installation Transvolut ist gerade noch bis April bei uns im Contemporary Food Lab Gallery Space zu sehen: Eine Installation aus Riesenpralinen.

Ihre Arbeiten sprechen nicht nur von der Vergänglichkeit des Irdischen oder der Ästhetik des Genusses. Sie weisen auch auf etwas hin, das heutzutage kaum noch Beachtung findet: Rituale. Wir haben mit Sonja drüber gesprochen wie Kunst, Essen und Rituale zusammenhängen und wie alles drei den Augenblick mit der Tradition verschmelzen lässt. Sonja beschäftigt sich vor allem mit Momenten und damit das Besondere und Heilige in Ihnen wahrnehmbar zu machen. Was könnte ein besseres Mittel sein als Essen, um Momente zu schaffen, zu zelebrieren und zu etwas Besonderem zu machen? Ihre Kunst ist magisch und immer mehr verstehen wir auch warum.

IMG_9682_02

CFL: Wie betrachtest du das Thema Verschwendung in Bezug auf Kunst, deine Arbeit?

Sonja: Ich benutze Nahrungsmittel um daraus etwas Neues zu schaffen. Für mich als Künstlerin gehört die Verwendung von Nahrungsmitteln zur Aussage meiner Arbeit. Die Verführung, das Können, die Möglichkeit, das Übergriffige ist mir bei meiner Arbeit wichtig. Ob die Schokoladenkugeln nun am Ende aufgegessen werden oder nicht, ändert nichts an der Arbeit. Aber natürlich – die Kugeln sind aus gutem Material und es wäre schön, wenn man sie hinterher nicht wegschmeißt. Und mir gefällt auch der Gedanke, dass die Kunst nicht nur in den Köpfen weitergetragen wird, sondern eben auch in Mägen. Man verinnerlicht die Arbeit mit einem Sinn mehr, dem Geschmackssinn. Jeder geht nach Hause, nimmt etwas mit, dem einem schmeckt es, dem anderen nicht.

CFL: Deine Kunst ist auf ihre Weise oft interaktiv. Sie lädt zu mehr als nur zum Betrachten ein, sie lässt Leute zusammen kommen. Wie bist du zu dieser Art von Kunstmachen gekommen?

Sonja: Für mich bedeuten die Arbeiten immer ein Stück Festkultur, ich bin als Künstlerin in die Rolle der Gastgeberin geschlüpft. Und ich denke, dass in jedem Künstler ein bisschen Gastgeber steckt. Die Gäste kommen, um zu schauen – die Arbeit macht man nicht für sich alleine, sondern um in Austausch zu treten. Aber speziell in meinem Fall ist dieses Phänomen vielleicht noch verstärkt durch meine Biographie. Bei uns zu Hause war immer viel Energie in der Küche. Es ist diese Energie die ich schätze, wenn Gäste zu Besuch kommen. Das habe ich als kleines Kind schon mitbekommen. Jetzt sind Ausstellungsvorbereitungen für mich wie Vorbereitungen für ein Fest. Bis zur Eröffnung, wenn es anfängt zu duften, kommt man in einen ganz speziellen Energiefluss hinein.

IMG_4645

CFL: Deine Art zu arbeiten resultiert also aus deiner Kindheit?

Sonja: Ja, zu einem sehr großen Teil. In meiner Kindheit waren Feste ein großes Thema. Ich habe unglaublich viele mitbekommen und viel mithelfen müssen. Es wurden extreme Mengen produziert für diese Feste – Schüsseln von Kartoffelsalat, kistenweise Gebäck. Das war für mich etwas zwischen Schlaraffenland und Horror, ich wusste als Kind gar nicht, was ich damit anfangen sollte. Wir waren ja weder eine Bäckerei noch eine Firma, sondern ein privater Haushalt! Ein ganz normaler Haushalt mit zwei Backöfen, drei Kühlschränken, zwei Gefriertruhen und ein paar Extra-Räumen, um alle Vorräte zu stapeln. Damit bin ich groß geworden und ich denke, das ganze kam von meiner Mutter. Ihre Familie wurde damals von ihrem Gutshof in Schlesien vertrieben und musste die gesamte Produktion einstellen. Aber meine Mutter hat die Familientradition auf ihre Weise weitergeführt. Sie hat mir immer diese Geschichten erzählt von Unmengen selbstgestampfter Butter, von Kühen, die gemolken, Pilzen die gesammelt, tausenden von Knödeln, die gerollt wurden. Und jetzt mache ich das auch irgendwie weiter – auf meine Art und Weise.

SonjaII

CFL: Du machst es mit deiner Kunst, einer Kunst, die fast Performance oder Theater ist und bei der sowohl Künstlerin als auch Publikum Akteure sind.

Sonja: Das liegt daran, dass ich immer auf der Suche nach dem bin, was man eigentlich nicht gut greifen kann. Es ging schon ziemlich früh darum, Momente zu schaffen, Lebensausschnitte und Befindlichkeiten zu zeichnen. Geschmack oder ein Erlebnis ist schwer greifbar, aber du kannst Momente schaffen. Worum es in meiner Arbeit aber vor allem auch geht sind Rituale. Ich vermute ja, dass es so etwas gibt wie eine Sehnsucht nach Ritualen. Was ich also mache, ist in Kreisläufen Sachen herauszugeben, die aufgegessen werden. Das wird wiederholt und wird zum Ritual.

Auch die Auseinandersetzung mit diesem Thema stammt aus meiner Kindheit. Zum einen war man ohnehin sehr viel saisonaler geprägt als dies heute der Fall ist, zum anderen waren meine Eltern sehr religiös und in der Gemeinde engagiert. Die Feste für die wir zuhause soviel vorbereiteten, waren oftmals alljährliche kirchliche Feiertage. Plätzchen- und Kuchenbacken für Weihnachten, Knödelformen für Gemeindefeiern, Einwecken und Marmeladenkochen im Sommer, alles wurde zu einem alljährliche Ritual.

transvolut_30

CFL: Was ist ein Ritual für dich? Wo liegt der Unterschied zur Tradition?

Sonja: Die Verbindung zur Tradition ist ein wichtiger Punkt, aber Rituale bedeuten mir viel mehr als Traditionen. Traditionen sind wunderbar, aber manchmal ist es auch Zeit sie zu brechen. Weihnachten ist zum Beispiel eine Tradition, aber ich kann mir meine eigenen Rituale dazu überlegen. Ich kann mir aber auch jenseits von allen Traditionen Rituale erschaffen. Rituale bedeuten für mich, Energie und Liebe in den Moment  hineinzugeben. Sie wiederholen sich und man kann sich darauf freuen. Sie machen Punkte und Ausrufezeichen in diesem unstrukturierten Leben. Sogar in die Kirche zu gehen, fand ich früher ganz schön, denn diese Wiederholung hat mir eine Struktur gegeben. Und wenn das wegfällt, dann schafft man sich halt eigene Rituale. Wenn ich Gäste bei mir zu Hause einlade, ist das auch ein Ritual. Man kann es als Ritual sehen, wenn man will. Man muss sich natürlich darum kümmern, dass daraus eins wird.

CFL: Und man muss es wiederholen?

Sonja: Ja genau! Und ich gebe auch den Leuten die Möglichkeit, die Rituale für sich zu wiederholen. Ich habe zum Beispiel einen Kasten entwickelt, mit dem man kleine Eisfiguren herstellen kann. Zu Hause benutze ich ihn, damit ich meinen Freunden diese Figuren in die Sektschalen tun kann. Sie schmelzen dann weg in den Drinks und der Mann trinkt die Frau und andersherum. Wenn ich diesen Kasten verschenke, verschenke ich eine Einladung ein Ritual zu machen. Und dann gibt es natürlich Rituale, die nur einmal stattfinden, wie zum Beispiel die Hochzeit. Aber sogar die Hochzeit darf ja öfters passieren. Das wichtigste ist, dass man in dem Moment des Rituals wirklich daran glaubt, sonst machen Rituale keinen Sinn.

SonjaIII

CFL: Braucht der Mensch seine Rituale? Braucht er Wiederholung?

Sonja: Ja, diese Wiederholung gibt einem auf eine Art Sicherheit, ein Zuhause. Wenn ständig alles neu ist, muss man sich immer wieder neu erfinden. Aber bei Ritualen kann man sich immer wieder dessen vergewissern, was einem gut tut, was man mag. Das ist mir auch sehr wichtig bei der Selbstentwicklung von Ritualen: Man erarbeitet die Rituale aus der eigenen Erfahrung und auch aus Vorlieben. Sie sind frei erfunden, mit Anleihen an das, was man schon kennt. Man nimmt es eben dazu, weil man es so schätzt. Es ist wichtig zu überlegen: Welche Momente möchte ich wirklich feiern und konzentrieren und bewusster erleben?

CFL: Gibt es da vielleicht ein Bedürfnis nach Neudefinition? Du hast vorhin auch vom Kirchgang gesprochen, einem religiösen Ritual. Entstehen Rituale eventuell auch aus Mangel oder Kritik an einer bestehenden religiösen Struktur?

Sonja: Ich denke schon. Das was durch die Tradition kommt, funktioniert oft symbolisch und kommt nicht von Innen heraus. Wie es auszusehen hat, ist schon vorgegeben. Ich kenne viele sakrale Rituale, weil ich auf einer Klosterschule war. Diese Rituale habe ich durchaus schätzen gelernt, also ich will sie nicht alle verwerfen. Aber bei den Kirchenritualen, fehlt mir ganz einfach oft der Spaß. Bei meinen eigenen Ritualen ist das ganz wichtig – Lebensfreude, Sexappeal. Das habe ich an anderen Stellen vermisst. Ja, also Rituale sind durchaus eine Suche nach etwas, vielleicht auch nach Konzentration. Vor den Ritualen gibt es ja auch immer dieses Leisewerden, sich auf den Moment konzentrieren, sich selber wirklich wahrnehmen. Das ist ja fast sakral. Wenn ich diese kleinen Figuren in den Sekt reinschmeiße, fühle ich mich fast wie eine Priesterin. Eine lustige Priesterin! Aber natürlich – so etwas passiert natürlich aus einem Manko, aus einer Suche heraus.

SonjaVII

CFL: Vielleicht ist das ganze ja eine Anerkennung der Wichtigkeit von Ritualen und gleichzeitig die Hinterfragung von Traditionen. Also auch eine Emanzipation von Dogmen? Leben wir in einer Zeit, in der wir uns die Welt wieder neu gestalten und Strukturen neu ordnen?

Sonja: Ja und genau darin liegt eine große Chance. Die Frage ist jetzt nur: Was macht man mit dem Freiraum? Es könnte natürlich auch passieren, dass die Lücken wieder durch Altes gefüllt werden. Aber da sind jetzt die Künstler gefragt! Sie haben gerade heute so viele Möglichkeiten und Nischen. Diese Nischen müssen aufgefüllt und angefüllt werden. Und dafür braucht man echt gute Ideen. Künstlerisches Denken ist hier sehr wichtig, weil es, sagen wir, bedürfnisorientiert und nicht marktorientiert ist.

SonjaVIII

CFL: Wie stehst du zu dem Gemeinschaftsaspekt von Ritualen? Gerade bei Ritualen, die sich bereits als Regeln und Traditionen etabliert haben, spielt die Gemeinschaft eine große Rolle.

Sonja: Das Gemeinschaftsstiftende an Ritualen ist eigentlich fast das schönste daran! Das finde ich auch weiterhin wunderbar an der Kirche. Wenn 100 Leute gemeinsam ein Lied singen, hat das eine unheimliche Kraft – im Guten wie im Schlechten, wenn man mal an diese Massensituationen denkt. Aber man kann auch einfach mal genießen, dass man sich nicht nur individuell fühlt, sondern in der Gemeinschaft. Es geht ums Empfinden. Es fühlt sich wirklich anders an, etwas in der Gemeinschaft zu fühlen, sich mit vielen zu freuen. Gerade für mich als Künstlerin ist das vielleicht besonders schön. Denn, so frei und individuell man als Künstler meistens ist, fehlt einem manchmal das Gemeinschaftliche. Deswegen liebe ich auch große Essen, vor allem, wenn alle das gleiche essen. Wenn zum Beispiel ein Braten, der für alle da ist, geteilt wird. Aus dieser Idee des gemeinsamen Essens ist auch einmal eine Arbeit entstanden: Tische, die nur funktionieren, wenn man zusammen daran sitzt, wenn man zusammen Oliven isst. Die Kerne muss man auf bestimmte Stellen legen. Das ist wie ein Spieleakt und Spiele haben ja auch etwas Rituelles. Aber auch, wenn man nur zu zweit ist, kann man teilen – die Schärfe einer Peperoni zum Beispiel. Das habe ich in einer Zeichnung festgehalten: Zwei machen das Gleiche und fühlen die gleiche Wirkung. Man könnte eigentlich sagen, dass meine Arbeiten Anleitungen für Rituale sind. Oder einfach Erinnerungen daran, dass es bestimmte Rituale gibt.

Sonja

 CFL: Was bist du also? Eine Prophetin, die die Menschen zur Freiheit ermahnt, ihre eigenen Rituale zu setzen oder bist du die nächste große Religionsstifterin?

Sonja: (lacht) Oh Gott! Ich will keine Religion stiften, aber das erste gefällt mir sehr gut. Sich selber überlegen: Was ist ein Ritual für mich und wo kann ich andere einbinden? Das dann wiederholen. Meine Rituale darf man im Übrigen gerne benutzen. Die finde ich schon richtig gut.

Interview: Ludwig Cramer-Klett

Kommentare

Lass einen Kommentar

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.