Marco Polo, Bringer der Pasta

Mythos oder Wahrheit?

Es dürfte nicht überraschen, dass es der sagenumwobene Marco Polo war, auf den Italiens Nationalgericht zurück zu führen ist: Pasta. Der Legende zufolge entdeckte Polo die Nudeln als er durch China reiste, wo sie zu jener Zeit weit verbreitet waren. Beeindruckt von ihrem Geschmack, ihrer Beliebtheit und ihrer Hochwertigkeit, brachte er einige trockene Nudeln mit zurück nach Venedig. Wir alle wissen was dann passierte: die Italiener liebten Pasta und der Rest ist Geschichte.

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Aber auch wenn der Rest vielleicht Geschichte ist – die Geschichte selbst ist Blödsinn.

Lange bevor der 17-jährige Marco 1271 in die weite Welt aufbrach, wurde Pasta bereits in Italien gegessen. Auch wenn es schwierig zu sagen ist, seit wann genau es in Italien Pasta im heutigen Sinne gibt – es existieren doch zahlreiche Hinweise, dass Pasta-ähnliche Lebensmittel (zum Beispiel Weizenmehl und Wasser zu einem Teig gemixt und dann gekocht) die Menschen schon seit langer Zeit ernährten. Frittierte Teiglagen, lagana genannt, waren anscheinend ein beliebter Snack im Römischen Reich. Und in Sizilien wurden auf jeden Fall seit dem 10. Jahrhundert Nudeln gegessen, vermutlich durch arabische Händler eingeführt.

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Der Glaube jedoch, dass Marco Polo die Pasta nach Italien gebracht hat, ist immer noch einer der am weitesten verbreiteten Essensmythen. Wie kam esnun zu diesem Mythos?

Gerechterweise muss man sagen, dass der Mythos nicht von Marco Polo selbst in die Welt gesetzt wurde (oder von der Person, die seine Geschichten zu Papier gebracht hat). In seinem berühmten Schriftstück Die Reisen des Marco Polo wird Pasta gar nicht erwähnt, auch nicht in den ca. 150 Überarbeitungen, Versionen und Entwürfen, die sich alle voneinander unterscheiden. Man kann also mit ruhigem Gewissen sagen, dass Marco Polo selbst nie für sich in Anspruch nahm, der Erfinder der italienischen Pasta zu sein. Die Geschichte kommt vielmehr aus einer ganz anderen Ecke, die viel einflussreicher ist als Marco Polo, einer der größten Persönlichkeiten der europäischen Geschichte: Sie kommt aus der modernen amerikanischen Werbung.

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Marco Polo kehrte vor über 700 Jahren zurück nach Italien, aber die Idee, dass er auch die Pasta mit im Gepäck hatte, gibt es erst seit 100 Jahren. Die Geschichte kam mehr oder weniger aus dem Nichts und erschien zum ersten Mal 1929 in einem amerikanischen Magazin.

Anfang des 20. Jahrhunderts war Pasta unter italienischen Immigranten in Nordamerika extrem beliebt, aber die Hersteller von Pasta wollten ihren Markt erweitern und auch andere Gesellschaftsgruppen dafür begeistern. Eine Möglichkeit war, sich romantische Geschichten über die Herkunft von Pasta auszudenken. So kam es, dass die Vereinigung der amerikanischen Makkaroni-Hersteller 1929 einen Artikel in ihrem Magazin veröffentlichten, der berichtete wie Polo die Pasta von China nach Italien gebracht hat. Die Geschichte blieb im Gedächtnis. Genauso wie die Idee, dass Pasta lecker ist: die Vereinigten Staaten sind heute der größte Pastakonsument der Welt.

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Aber lasst uns Marco Polo nicht einfach aus der Pastageschichte streichen. Er ist eben nur einer von Tausenden, der in der mysteriösen Geschichte der Pasta vorkommt, die zu einem solch allgegenwärtigen und dennoch vielfältigem Lebensmittelphänomen wurde – und zwar nicht nur in Italien, sondern auf der ganzen Welt. Niemand weiß genau, wie dieses magische Phänomen entstand, nur dass eine ganze Menge Leute ihre Hände im Spiel hatten.

Die ausgedachte Marco Polo Geschichte hatte sicherlich ihren Anteil an dem Erfolg der Pasta – diesem schmackhaften Lebensmittel mit faszinierender Geschichte, die Gastgeber erzählen können, um ihre Gäste zu beeindrucken oder Kochbuchautoren nutzen, um ihre Seiten zu füllen.

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Aber vielleicht ist Polos Hauptanteil an der Geschichte der Pasta etwas mittelbarer. Pasta und Tomaten gehören zu den glücklichsten Essenskombinationen des Planeten und ihr Zuhause ist Italien.  Aber Tomaten kommen eigentlich aus Nordamerika. Man sagt, dass sie erst mit Christopher Colombus’ Rückkehr nach Europa kamen. Es wird sich auch erzählt, dass Christopher Colombus immer ein Exemplar von Marco Polo’s Reisen bei sich trug, weil es großen Einfluss auf ihn hatte und als große Inspirationsquelle für ihn diente. Vielleicht hätte Colombus ohne diese Inspiration sein Abenteuer über das Meer nie gewagt.

Würden die Italiener wirklich Pasta essen, wenn es Marco Polo nicht gegeben hätte? Ziemlich sicher sogar.

Würden sie die Pasta auch dann mit Unmengen von unglaublich deliziösen Tomatensaucen essen? Wahrscheinlich. Aber eventuell auch nicht.

Bilder: worldnewsdailyreportpastagentile, gessato, italia-eventi, wikimedia

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