Mussolini, Unterdrücker der Pasta

arriva pezzo da festival torino foto IL CORPO DEL DUCE

Benito Mussolini ist nicht gerade als Gourmet bekannt. Chronische Magengeschwüre machten es ihm schwer, täglich mehr als ein paar Früchte und warme Milch zu sich zu nehmen. Tatsächlich verbrachte der italienische Kämpfer, wie er sich selbst sah, nicht mehr als ein paar Minuten am Tag damit zu Essen. Doch wenn Mussolini keinen sonderlichen Wert aufs Essen legte, hätte er sich vielleicht lieber ein anderes Land zum diktieren suchen sollen, als das Pasta-verrückte Italien.

Mussolinis faschistisches Regime beschloss, dass die Italiener in ihrer zukünftigen Ideal-Gesellschaft ihre Essgewohnheiten ändern müssten und erklärten die Pasta, im Zuge ihrer neuen Ernährungsideologie, zum Staatsfeind Nummer Eins. Zu diesem Zeitpunkt wurde Mussolini indirekt auch durch die Künstler des italienischen Futurismus unterstützt, die behaupteten, Pasta mache die Menschen schwach und faul – also nicht gerade die Idealen Soldaten für den groß angepriesenen Krieg. Mussolinis Groll auf Pasta war jedoch weniger ideologisch als politisch begründet: Italien musste unbedingt seine starke Abhängigkeit von importiertem Weizen aus dem Ausland überwinden.

Weizen wurde im Zwischenkriegs-Italien bereits im großen Stil angebaut, doch die schiere Menge an Brot und Pasta, die hier verschlungen wurde, zwang das Land, zusätzlich riesige Mengen zu importieren, um ihren Appetit zu befriedigen. Der Brotkonsum war bereits problematisch, doch bei weitem noch nicht so stark wie bei der Pasta, da der fürs Brot geeignete Weizen weitflächig im eigenen Land angebaut werden konnte. Der Großteil der Pasta wurde allerdings aus Hartweizengrieß hergestellt, und dieser wuchs nirgendwo ausser in ein paar kleinen Regionen in Süditalien. Tatsächlich verzehrte Italien für eine lange Zeit mehr Hartweizen als es selbst produzierte, und musste sich so auf ausländische Importe verlassen.

Die Abhängigkeit von ausländischen Produkten, war Mussolini jedoch ein Dorn im Auge. Er träumte von einem starken, unabhängigen Italien, das sich selbst versorgt und frei von jeglicher Einmischung von ausserhalb ist. Ganz zu schweigen von seiner zunehmend aggressiven Außenpolitik, die Italien immer mehr freundlich gesinnter Handelspartner beraubte.

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Für Mussolinis Problem gab es verschiedene Lösungen:

1) Weniger, oder gar keinen Weizen mehr essen.

2) Mehr Weizen produzieren.

3) Insgesamt weniger essen.

Zum Unglück der meisten Italiener, stellte sich der dritte Weg als der praktischste heraus.

Mussolini probierte die erste Methode und ermunterte die Bevölkerung, weniger Weizen zu essen. Dafür bewarb er andere anbaubare Nahrungsmittel wie Reis und Gemüse, mithilfe von kostenlosen Proben, Landwirtschafts-Messen und anderer Propaganda. Zudem führte er höhere Importgebühren für Weizen ein, in der Hoffnung die Italiener würden sich angesichts des steigenden Preises nach Alternativen umsehen oder die Produktivität erhöhen.

Auch die zweite Methode, die Weizenproduktion zu erhöhen, blieb nicht unversucht. Er zwang Bauern ihr Ackerland, das eigentlich für anderes verwendet wurde, zu Weizenfeldern zu machen. Als Belohnung für besonders hohe Erträge, winkten den Landwirten finanzielle Prämien und Geschenke in Form von moderner Technologie.

Das Ergebnis? Ein nahezu gänzlich unterbundener Weizenimport, kombiniert mit einer nur moderat erhöhten Produktionssteigerung. Die Preise für Weizen schossen in den Himmel.

Doch die Leute aßen weiterhin Pasta. Sie versuchten das Beste aus dem teuren und spärlichen Weizen zu machen, zum Beispiel vermischten sie den Hartweizengrieß mit anderen Mehlsorten um Pasta herzustellen. Der Grund dafür mag wiederum gewesen sein, dass alle restlichen Lebensmittel – besonders Fleisch – teurer wurden, weil das Ackerland auf dem sie vorher produziert wurden, nur noch der Weizenproduktion diente.

Der durchschnittliche Italiener begann also tatsächlich weniger Pasta zu essen. Allerdings nicht aus dem freiem Willen, eine faschistische Utopie zu verwirklichen. Es war einfach nur deutlich schwerer an Essen heranzukommen. Mussolinis Politik war gescheitert.

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In den Jahrzehnten nach Mussolinis Tod im Jahr 1945, manifestierte sich Pasta in seinem Ruf als Italiens Nationalspeise. Vielleicht war dies eine bewußte Reaktion, eine Gewohnheit, weitergegeben von Italienern, die sich dem hingaben, was ihr vormaliger Autokrat ihnen wegnehmen wollte. Vielleicht war es aber auch der Wirtschaftsboom im Nachkriegsitalien, der Produktion und Vertrieb im großen Maßstab ermöglichte, und Pasta in Supermärkte im ganzen Land brachte. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Pasta einfach so verdammt gut schmeckt.

Was auch immer der Grund ist, eines ist klar: Es braucht mehr als eine Kombination aus verheerendem Krieg, unbeugsamem Diktator, Volksverarmung und der nahezu totalen Absenz von allen Pasta-Zutaten, um Italiener davon abzuhalten, Pasta zu essen.

Quellen: Dickie, John. ‘Rome 1925-1938: Mussolini’s Rustic Village’ in Delizia: The Epic History of Italians and their Food (London: Hachette, 2009), chapter 14. Und: www.encyclopedia.com

Food Fotos: Trattoria Don Ciccio

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