Charles Darwin:
Der irrtümliche Held der Vegetarier

Die Liebe zu allen lebenden Kreaturen ist die nobelste Eigenschaft des Menschen.”

- Charles Darwin, Die Abstammung des Menschen, Kapitel 4

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Dieser Satz wird häufig als Leitspruch für Vegetarismus, Veganismus und Tierrechte aus Darwins umfangreichen Werk entnommen; und so wird Darwin oft als einer der berühmtesten Vegetarierer der Geschichte zitiert. Doch er war wohl alles andere als das. So aß er nicht nur sein ganzes Leben lang Fleisch, seine frühen Essgewohnheiten würden ihn heute sogar eher zum Feind als zum Helden für Tierschützer machen.

Als unmotivierter Student vernachlässigte Darwin seine medizinischen und religionswissenschaftlichen Vorlesungen und verbrachte seine Zeit stattdessen lieber mit dem Sammeln und Inspizieren von Tier- und Steinproben. Seine Faszination für die Natur steigerte auch seinen Appetit. Während seiner Zeit an der Cambridge Universität war er nämlich ein begeistertes Mitglied des “Glutton Club” (“Vielfraß Club”), einer sich wöchentlich treffenden Gruppe, die sich zum Ziel gesetzt hat ganz außergewöhnliche Tiere zu essen – bestenfalls die, die noch nie jemand zuvor probiert hatte. Der Club aber verlor offenbar seinen Appetit und löste sich auf, nachdem sie faules Waldkauzfleisch gegessen haben – Darwin, ein akribischer Notierer, der für gewöhnlich ganze Bücher mit ausführlichen und detailiierten Beschreibungen füllte, beschrieb diese widerliche Eulenerfahrung schlicht als “unbeschreibbar”.

Doch Darwins Affinität und unersättliche Lust nach “ungewöhnlichem Fleisch” wurde dadurch nicht ernsthaft erschüttert, denn auf seiner berühmten fünfjährigen Reise auf der HMS Beagle schlug er gerne und ordentlich bei vielen exotischen und gar bedrohte Tierarten zu. Darwin trat diese Reise, die sein Leben radikal verändern sollte, 1831 als Teilzeit-Naturforscher an und beendete sie mit dem Ruf als herausragender Wissenschaftler und einer Sammlung von Daten und Beobachtungen, die seine Studien für das kommende halbe Jahrhundert anführten. In dieser Zeit aß er Tiere wie etwa Puma, Leguan, Gürteltier und vor allem Riesenschildkröten – etwas, was ihm und den Schiffsleuten so sehr mundete, dass sie 48 davon von den Galapagos Inseln aufluden, um sie unterwegs zu verspeisen.

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Doch eine besondere Mahlzeit auf seiner Reise mag Darwins Haltung zum Verzehr exotischer Arten verändert haben.

In Nordpatagonien hörte Darwin über eine seltene einheimische Vogelart des großen, flügellosen Nandu. Er war davon gefesselt, doch konnte keinen entdecken. Nachdem das Schiff ein paar Monate später weiter Richtung Süden segelte, sah er sich gezwungen diesen so schwer fassbaren Vogel zu vergessen. In der folgenden Woche, im Frühjahr 1834, schoss schließlich der Schiffskünstler einen Nandu, den die Crew zum Abendessen aß. Der Geschichte zufolge erkannte Darwin während oder kurz nach dem Essen, dass es sich dabei nicht um ein junges Exempel des gewöhnlichen Nandu handelte, sondern um eine ausgewachsene Version der kleineren, seltenen Art, von der er gehört hatte. Bekannterweise sammelte er daraufhin alles auf, was vom Gerippe übrig blieb und sendete es nach England zur Erforschung. Diese Art wurde später nach ihm als Rhea darwinii (Darwin-Nandu) benannt.

Die Begegnung mit dem Nandu brachte ihm nicht nur Stoff für eine gute Anekdote und einen nach ihm benannten Vogel, sondern sollte vielmehr einen gewaltigen Schritt für Darwins berühmteste Theorie bedeuten. Während seiner Zeit auf der Beagle ging er der damals vorherrschenden Annahme nach, dass sich Tiere nur in die überlegendere, perfekte Version ihrer eigenen Gattung entwickeln. In den späten 1830er hingegen, stark gestützt auf den Beobachtungen der zwei Nanduarten und vielleicht sogar den delikaten Riesenschildkröten, vermutete Darwin, dass sich eine Tierart über die Zeit so sehr anpassen kann, dass es sich in verschiedene Arten spaltet.

Kürzlich wurde eine Rezeptesammlung von Darwins Frau Emma, oder zumindest von ihren Köchen, veröffentlicht. Darin wird vermutet, dass Darwins Gepflogenheit exotische Tiere zu essen nur in seinen jungen Jahren stattfand, seine Essgewohnheiten nach der Rückkehr nach England und nach der Heirat sehr viel konventioneller waren. Das Kochbuch beinhaltet vorwiegend herzhafte, einfache Gerichte, ganz typisch für diese Zeit: Rind mit Zwiebeln statt geschmorter Leguan.

Das mag daran liegen, dass es selbst für das Budget eines renommierten viktorianischen Wissenschaftlers sicher nicht einfach ist, einen arbeitswütigen Darwin, einen Haushalt mit Bediensteten und insgesamt zehn Kindern zu ernähren; schwierig wird es, dabei auch noch exotische Zutaten zu integrieren. Oder es zeigt den Sinneswandel Darwins nach der Beagle Reise und dem Nandu-Vorfall. Er wurde zwar kein Vegetarier, drosselte aber sein Verlangen nach obskuren Tieren in der Einsicht, dass seine kulinarische Neugier seine weltbewegenden Entdeckungen zunichte machen könnte.

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Charles Darwins Geburtstag, der 12. Februar, wird als “Darwin Day” auf der ganzen Welt gefeiert. Eine Huldigung am Darwin Day, die immer mehr an Popularität gewinnt, ist das “Phylum Feast”: ein mehrgängiges Menü, dass aus so vielen verschiedenen Pflanzen- und Tierarten wie nur möglich besteht.

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