Berlinale:
Die Geschichte der Störköniginnen

Bildschirmfoto 2015-03-04 um 15.35.14

Julie Cohen ist Meisterin darin, Geschichten zu erzählen, auch wenn wir nach dem Film nicht genau wissen, worum es eigentlich ging, oder gerade deshalb. Auf den ersten Blick scheint alles ganz eindeutig: Der Film The Sturgeon Queens (Die Störköniginnen) ist Portrait eines Fischladens in Manhattan, Russ & Daughters.

Er portraitiert aber auch die „Sturgeon Queens“, die Töchter von Joel Russ, die inzwischen 100 und 92 Jahre alt sind. Und er erinnert sich an deren stolzen Vater, der sich dafür entschied seinen Laden „& Daughters“ zu nennen, noch bevor der Begriff Feminismus populär wurde. Julie Cohen erzählt die letzten 100 Jahre der Familie Russ seit ihrer Einwanderung in Amerika und damit auch die Geschichten etlicher anderer Familien mit Migrationshintergrund. Behutsam greift sie das Thema Gentrifizierung auf oder einfach die Veränderung einer urbanen Gesellschaft über die Generationen hinweg. Natürlich geht es auch um hauchfein geschnittenen Lachs, um koscheren Hering und um Kaviar, den besten der gesamten Lower East Side. Alles fließt mühelos auf der Theke des Fischladens zusammen, einem magischen Ort, aufgeladen von Tradition und besucht von den hipsten New Yorkern der Stadt.

The Sturgeon Queens wurde auf der Berlinale im Rahmen des Kulinarischen Kinos gezeigt. Wir waren begeistert und haben uns mit der Regisseurin Julie Cohen getroffen, um mit ihr über den Film zu sprechen.

130215_PK_0372_IMG_FIX_1200x800

CFL: Wie ist es, in Berlin zu sein?

JC: Es ist wundervoll bisher. Ich bin zum ersten Mal auf der Berlinale und überhaupt zum ersten Mal in Deutschland. Berlin scheint mir ähnlich zu sein wie New York, sehr international.

CFL: Hast du schon etwas von der Berlinale mitbekommen? Hast du Vergleiche zu anderen Festivals?

JC: Die Größe ist natürlich sehr beeindruckend. Und vergleuchen mit anderen Festivals finde ich, dass sich die ganze Stadt sich mit der Berlinale stark identifiziert. Das trifft auf die meisten amerikanischen Festivals nicht zu. Vielleicht das Sundance, aber Park City in Utah ist längst keine so kosmopolitische Stadt wie Berlin.

CFL: In deinem Film geht es um die Geschichte eines Fischladens. Ist Essen für dich ein generelles Thema in deinen Filmen und in deinem Leben?

JC: Früher war Essen kein Thema in meinen Filmen, obwohl ich sagen würde, dass es immer eine große Rolle in meinem Leben spielte. Meine ursprüngliche berufliche Ambition war Köchin zu werden. In der High School habe ich bereits Dinner Parties und größere Events wie Bar Mitzvahs bewirtet. Mit 17 besuchte ich in Frankreich einen Sommerkurs eines zu der Zeit sehr berühmten französischen Kochs. Aber die anderen im Kurs waren älter als ich und kochten beruflich und sie haben mir meinen Traum ausgeredet. Sie erzählten mir, wie elend es wäre Koch zu sein und waren dabei sehr überzeugend. Nach dieser Sommererfahrung beschloss ich, dass Kochen vielleicht eher etwas ist, was ich privat machen sollte. Und dann wurde ich Journalistin und Filmemacherin.

CFL: Und jetzt wolltest du alles in einen Film bringen zusammenbringen – dein Interesse an Essen und dein Interesse an Dokumentation…

JC: Nein, eigentlich hatte ich meine persönliche Leidenschaft für Essen und gar nicht mit Film in Verbindung gebracht, bis dann der Film fertig wurde. Ich fühlte mich zu diesem Film vor allem durch die Menschen und die jüdischen Geschichte hingezogen udn weniger durch das Essen. Erst als ich später darüber nachgedachte, begriff  ich, was fpr ein wichtiger Teil meines Lebens in meinem Leben einnimmt. Normalerweile suche ich die Themen meiner Filme anhand der Charaktere, genau wie bei ⁄The Stugeon Queens. Ich beschloß ihn zu machen, als ich die zwei Hauptcharaktere des Films, Hattie und Anne Russ, für ein früheres TV-Format des öffentlich-rechtlichen Fernsehens New York interviewte. Ich fand sie so wundervoll und reizend, dass ich sie in einem eigenen Film zeigen wollte.

Anne & Hattie Russ

Anne & Hattie Russ

CFL: Ja, die beiden sind wirklich sehr stark im Film, obwohl du sehr viele Perspektiven und verschiedene Erzähler integrierst. Hattie ist 100 Jahre alt und Anne 92. Sie sind zwei der drei der Töchter von Russ & Daughters. Sie sind fantastisch.

JC: Ja und stell dir vor, sie hatten bis dahin noch nie ein Interview vor laufender Kamera gemacht! Aber sie hatten einfach so eine natürliche Verbindung zueinander und das hat man gesehen. Wahrscheinlich sind sie meinen Großeltern ähnlicher als deinen, aber ich denke, es gibt viele Menschen, die einen Bezug zu ihnen haben.

CFL: Ja, sie erzählen nicht nur eine Familiengeschichte und jene eines kleinen Lebensmittelgeschäfts, sondern auch die Geschichte vieler anderer Einwandererfamilien in den USA, nicht wahr?

JC: Absolut richtig. Besonders in New York fand der Film große Resonanz bei den Leuten, weil es bei vielen einen Teil ihrer Familiengeschichte anspricht, über den lange nicht gesprochen wurde. Erst seit Kurzem schauen die Menschen zurück und merken, dass sie wirklich stolz auf ihre Verwandten sind. Und sie haben allen Grund dazu. Der Film erzählt die Geschichte von jüdisch-russischen Einwanderern, die sich in der Lower East Side niedergelassen haben und unter elenden Verhältnissen leben. Joel Russ und seine Töchter gründeten den magischen Fischladen, der berühmt geworden ist und heute noch existiert. Innerhalb einiger Generationen schafften sie es zu einem viel komfortableren und besser situierten Leben. Meine Familiengeschichte ist der Russ’ Geschichte übrigens sehr ähnlich. Aber wenn du meine Großeltern fragen würdest, würden sie nicht wirklich über ihren Einwandererhintergrund sprechen wollen. Die Menschen sind nie stolz darauf, dass sie aus der Armut kommen. Selbst die heutigen gebildeteten und erfolgreichen jüdischen Kreise stammen von Familien, die vor drei oder vier Generationen sehr arm waren. Lange hat man sich dafür geschämt. Erst kürzlich, nachdem meine Mutter den Film einige Male gesehen hatte, erzählte sie mir beispielsweise , dass ihre Großmutter kein Englisch konnte, sondern nur Jiddisch sprach. Die Menschen schämten sich für so etwas.

20140317Sturgeon-1

CFL: Hat sich deine Familie auch in New York niedergelassen? Bist du eine richtige New Yorkerin?

JC: Ja, meine Vorfahren, Juden aus Ost-Europa wie die Russ Familie, wanderten auch nach New York ein. Aber nein, ich wurde nicht in New York geboren, denn meine Eltern zogen nach ihrem Studium nach Washington. Ich zog 1988 zurück nach New York.

CFL: In den 80ern muss New York City ein ziemlich verrückter Ort gewesen sein. In deinem Film berichtest du über die ganze Armut in New York während des letzten Jahrhunderts. Aber am beeindruckendsten fand ich die Bilder, die du aus den 80ern gezeigt hast – das waren ja kriegsähnliche Zustände!

JC: Als ich hinzog, begann sich die Situation bereits langsam zu verändern. Aber die Crack-Epidemie war noch im vollem Gange. Du hast ein Auto im Viertel herumfahren sehen, das zu allen Tageszeiten mit Crack gedealt hat. In der Stadt herrschte eine ganz andere Situation als heute. Lower East Side war etwa so, wie es in immer in den Filmen gezeigt wird, mit Graffiti und zerbrochenen Fenstern. Ich erinnere mich wie verwirrend es für meine Eltern war, als ich nach Brooklyn zog, das in ihren Augen eine Gegend war, aus der man wegraus wollte. Der Russ Laden ist in der Lower East Side von Manhatten, die im Grunde einfach nur auf der anderen Seite der Brooklyn Bridge liegt. Beide Viertel haben gemeinsam, dass sie für eine recht lange Zeit weder als glamourös noch gehoben galten. Die Menschen wollten dort einfach nicht wohnen. Und beide Viertel haben sich in super-hippe und super-junge Orte verwandelt und sind nun genau das Gegenteil von dem, was sie einmal waren. Erst vor etwa 15-20 Jahren begann das Revival und jetzt ist es so schön wie nie zuvor. Heute ist da alles einfach sehr teuer und glamourös.

sturgeon-queens

CFL: Wir haben eine ähnliche Situation in Berlin. Viele Leute werden nostalgisch wenn sie an die Zeit denken, als alles noch wirklich wild war. Die laufende Gentrifizierung ist für die meisten ein dunkles Thema. Am Ende des Films zeigst du, wie Josh und Niki aus der jüngsten Generation der Familie Russ planen den traditionellen Laden zu erweitern und ein Russ & Daughter’s Café zu eröffnen. Ist das ein Grund nostalgisch zu werden oder sich zu freuen?

JC: Ich glaube, sie machen ihre Sache wirklich gut. Inzwischen haben sie das Café eröffnet und es läuft gut. Sie schaffen es tatsächlich, faszinierende Kombinationen aus der Situation zu kreieren. Der Fischladen sieht immer noch sehr altmodisch aus und das Café baut auf diesem alten Design auf. Wenn du hineingehst, kannst du ganz klar sehen, dass das ein sehr cooler Ort ist, trotz der vielen nostalgischen Elemente. Sie spielen damit. Und das trifft ebenso auf das Menü zu. Die verschiedenen Gerichte basieren auf unzeitgemäßen Zutaten, die Erinnerungen an das Brunchen mit meinen Großeltern wecken. Aber was wir damals aßen, war eigentlich ziemlich schlecht. Aber heute haben die jungen Köche in dem neuen Café die alten jüdischen Gerichte als Grundlage genommen und herausgefunden, wie sie wirklich gut schmecken können. Das ist auf jeden Fall ein Grund sich zu freuen!

Niki & Josh Russ

Niki & Josh Russ

CFL: Du hast den Film mit deiner eigenen Produktionsfirma produziert. Sie heißt “Better than Fiction”, das gefällt mir. Du bist auch Journalistin und weißt, dass das Leben die besten Geschichten schreibt. Magst du Fiktion trotzdem?

JC: Ja, ich mag Fiktion. Ich lese Romane und schaue Fictionfilme. Aber meistens mag ich in jeglicher Kunst und sogar in der Musik die Formen, die irgendwie dokumentarisch sind. Ich liebe zum Beispiel Fotografie. Bruce Springsteen hat ein Album, das “The Ghost of Tom Joad” heißt. Es ist Musik, aber es ist beinahe ein dokumentarisches Album. Springsteen zog durchs Land und interviewte Menschen. Jeder Song erzählt eine Geschichte von ihnen auf eine sehr reale Weise. Das mag ich wirklich sehr.

CFL: Zu dokumentieren bedeutet ja auch irgendwie eine Geschichte zu erzählen…

JC: Absolut. Was du in einer Dokumentation zeigst, ist wirklich nicht die Realität. Es ist ein Puzzle von dem, was der Regisseur wahrnimmt. Du verfolgst etwas eine Zeit lang und fügst es dann in einer Handlung zusammen. Das ist keine objektive Betrachtung einer Sache, sondern die Betrachtung des Filmemachers dieser Sache. Das ist auch einer der Gründe, warum ich meine eigene Stimme im Film verwende und manchmal das Mikrofon oder die Kameras zeige. Ich will, dass das Publikum sieht, dass es sich um meine eigene Perspektive handelt.

CFL: Denkst du, dass Dokumentationen auf eine Art eine Verbindung zwischen Journalismus und Fiktion sein können?

JC: Die Wahrheit ist, dass selbst ein Journalist seine Geschichten zusammensetzt. Das ist auch genau das, was Leuten häufig an Journalismus missfällt, die subjektive Betrachtungsweise. Aus irgendeinem Grund ärgern sich Menschen bei Dokumentationen viel weniger. Aber eine Dokumentation zu machen ist eigentlich genau der gleiche Prozess. Mit Dokumentationen hast du für gewöhnlich mehr Zeit und wahrscheinlich wählst du ein anderes Thema, aber es ist fast das gleiche Verfahren. Ich finde es amüsant, dass die Leute genau das an Journalismus hassen, was sie bei Dokumentationen lieben. Vielleicht sollten sie ein bisschen ehrlicher zu sich sein.

Maggie Gyllenhaal

Maggie Gyllenhaal

CFL: Du hast eine sehr interessante Art gewählt, dem Publikum die Russ & Daughters Geschichte zu erzählen. Neben den vielen Interviews mit den verschiedenen Charakteren lässt du eine Gruppe von älteren Kunden das Filmskript vorlesen. Diese Lese-Sessions wurden ein Teil der Geschichte. Du zeigst diese Szenen immer wieder, anstatt die Leser einfach nur aus dem Off sprechen zu lassen. Warum diese Methode?

JC: Manchmal mache ich Dokumentationen, die überhaupt kein Skript haben. Aber diesmal wusste ich, dass ich ein Skript brauchte wegen der Bilder, die ich zeigen wollte. Manchmal fühlen sich Dokumentation mit vorgeschriebener Handlung sehr steif und ernst an. Ich befürchtete, dass dies dem Film den Spirit nehmen würde, den der Laden hat. Es gibt ein jiddisches Wort, “hamisch”, was in etwa “unfancy” heißt. Ich wollte, dass sich der Film sehr hamisch und möglichst wenig fancy anfühlt. Also kam mir die Idee, die älteren Kunden die Handlung erzählen zu lassen. Ich habe nur Leute gefragt, die 80 und älter und seit langem bei Russ Kunden waren. Ich wusste nicht, hätte nie gedacht, dass es so gut laufen würde, sie haben es echt toll gemacht. Ich sagte der Crew, dass sie, weiter filmen sollen, egal was passieren würde. Natürlich passierten Fehler und wenn ein Fehler lustig war, packte ich ihn in den Film. Ich war wirklich überrascht über die vielen Gedanken und Gefühle, die diese Damen und Herren hineingaben. Sie haben das Skript wirklich verstanden. Einige von ihnen waren so gut – sie hätten professionelle Synchronsprecher sein können.

Reading Session

CFL: Ich habe jetzt noch drei weitere Fragen, unsere typischen Contemporary Food Lab Fragen. Die erste ist: In welches Restaurant würdest du jemanden ausführen, um dieser Person deine Liebe zu zeigen? Und in welches Restaurant würdest du jemanden ausführen, um ihn zu beeindrucken?

JC: Um jemanden zu beeindrucken, würde ich ihn ins Del Posto ausführen, ein modernes italienisches Restaurant in New York. Das Essen ist dort wirklich großartig und sehr durchdacht. Das Minimum ist ein Fünf-Gänge-Menü. Das Restaurant ist riesig, was sehr ungewöhnlich in New York ist. Beeindruckend ist es aber auch deswegen, weil es einfach sehr teuer ist. Liebe zu zeigen ist viel komplizierter. Ich will jetzt nicht Russ & Daughters sagen, weil das einfach zu naheliegend ist, obwohl es tatsächlich in Frage käme.Hmm… Was ist die dritte Frage? Auf die Liebe komme ich danach zurück.

CFL: Die dritte Frage ist sogar noch komplizierter. Sie ist von Max Frisch: Wenn du wählen könntest, wärst du lieber tot oder würdest du gern ein bisschen länger leben als gesundes Tier oder eine Pflanze?

JC: Das ist einfach! Wer würde den Tod wählen, wenn man als Tier weiterleben könnte? Ich würde vielleicht sogar generell das Leben als Tier dem Leben als Mensch vorziehen. Ich bin ein großer Hundeliebhaber. Mein Mann und ich haben einen Hund und von meinem Standpunkt aus scheint mir sein Leben viel wünschenswerter als unseres. Er entspannt, wann immer er will, sitzt in der Sonne und bekommt Massen an Liebe. Er scheint eine endlose Neugier an Dingen zu haben, die grundsätzlich uninteressant sind. Er hat ein wirklich gutes Leben. Ich würde jederzeit mit ihm tauschen. Eine Pflanze zu sein scheint mir, um ehrlich zu sein, etwas langweilig. Und ich denke, wenn ich jemandem meine Liebe zeigen möchte, würde ich für ihn kochen statt ihn in ein Restaurant auszuführen. Ich denke, es gibt nichts, das der Liebe näher kommt, als ein Gericht zu kreieren und es von Herzen anzubieten.

Joel Russ with his three daughters Anne, Hattie and Ida

Joel Russ with his three daughters Anne, Hattie and Ida

Kommentare

Lass einen Kommentar

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.