Berlinale:
Viel Gutes erwartet uns


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Viel Gutes erwartet uns”, so hieß der Eröffnungsfilm des Kulinarischen Kinos auf der diesjährigen Berlinale. Die Dokumentation nimmt uns mit nach Dänemark, auf eine Reise zum Thor Højgård Hof. Die Regisseurin Phie Ambo hat hier zwei Jahre verbracht. Sie porträtiert den Alltag des Bauern Niels (79) und seiner Frau Rita (53), die den Hof fast ohne fremde Hilfe bewirtschaften. Ihre Arbeit ist geprägt von biodynamischen Grundsätzen, die u.a. davon ausgehen, dass Mensch und Erde grundlegend mit dem Universum verbunden sind. Das Ergebnis sind hochwertige Lebensmittel, die auch das weltbeste Restaurant NOMA und viele andere der besten dänischen Köche überzeugt. Dennoch hat Niels Ärger mit den Behörden.

Phie hat an der National Film School of Denmark in Kopenhagen studiert. Sie begegnet dem Leben auf dem Hof mit großer Wärme und viel Respekt. Trotz all der Idylle, die der Film zeigt, schafft er es auch, die Härte der landwirtschaftlichen Arbeit abzubilden. Vor allem aber vermag es der Film den Hof selbst als ein kleines Universum darzustellen, in dem alles mit allem verbunden ist. Wir haben mit Phie gesprochen.

CFL: In einer der ersten Szenen des Films wird ein Kalb geboren und Niels bittet dich die Kamera stehen lassen zu lassen und mit anzupacken. Erzähl uns etwas dazu.

Phie: Das gehört zu den Dingen, die man eigentlich rausschneidet. Aber ich habe die Szene im Film gelassen habe, weil ich deutlich machen wollte, dass ich ein Teil des Hofes bin, dass ich mitanpacke und dass ich nicht nur objektiver Beobachter bin. Es war mir wichtig diesen „Vertrag“ mit dem Zuschauer direkt zu Beginn des Films zu schließen. Ich wollte klar machen, dass es sich nicht um einen Film handelt, der von einem objektiven Journalisten erzählt wird, sondern von jemandem, der mit diesen Leuten lebt und arbeitet. Um diesen Alltag erzählen zu können, musste ich auch daran teilnehmen.

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CFL: Wie groß war das Team, mit dem du gearbeitet hast? 

Phie: Es gab einige Makrofotos, die von einer anderen Fotografin gemacht wurden, meiner Praktikantin, es gab also nur mich und Maggie. Wir hatten beide unsere eigene Kamera, konnten uns also unabhängig voneinander auf dem Hof bewegen und sind dadurch kaum aufgefallen.

CFL: Wie bist du auf die Idee für diesen Film gekommen?

Phie: Ich habe meine jüngste Tochter bei einem Vorschulausflug auf den Hof begleitet. Als wir dort ankamen, habe ich sofort gespürt, dass es ein guter Ort für einen Film ist. Vor allem wegen dem Kontrast zwischen der Qualität, die dort entsteht und dem Aussehen des Hofes. Man sah sofort, dass es einem viel abverlangt, ihn zu bewirtschaften, er aber gleichzeitig Fleisch, Milch und Käse der Spitzenklasse produziert.

CFL: War es einfach Niels und Rita von deinem Vorhaben zu überzeugen?

Phie: Ich habe ihnen erzählt, dass ich mindestens zwei Jahre für den Film brauche. Und das passte gut zu dem Tempo, das die beiden auf dem Hof haben, sie müssen sich auch Zeit nehmen für das, was sie tun. Oft kam ich auf den Hof und habe gar nichts gefilmt. Weil nichts passierte, was ich hätte filmen können. Und das war ok, weil ich ja so viel Zeit hatte. Bei einer Dokumentation geht es ohnehin vielmehr darum, vor Ort zu sein und die Dinge zu beobachten. Mich hat fasziniert, dass Niels nie davon gesprochen hat, etwas zu „produzieren“. Er produziert keine Milch, sondern die Kühe geben ihm ihre Milch. Die Art und Weise wie er über seine Arbeit spricht, unterscheidet sich so sehr von dem, was wir eigentlich gewohnt sind. Er spricht nie über Effizienz oder darüber, wie viele Liter Mich seine Kühe geben. Es ist einfach eine ganz andere Art sich mit Begriffen wie Effizienz und Produktivität auseinander zu setzen.

CFL: Wie war es mit so vielen Tieren um sich herum zu drehen?

Phie: Das war ziemlich einfach, weil die Tiere daran gewöhnt sind, Menschen um sich herum zu haben. Auf einem industriellen Hof wäre das bestimmt eine ganz andere Sache gewesen, weil die Tiere dort so einen engen Kontakt mit dem Menschen nicht kennen.

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CFL: Niels arbeitet nach dem Grundsatz, dass Menschen und Erde mit dem Universum verbunden sind. Was bedeutet das genau? Kannst du das biodynamische Prinzip erklären?

Phie: Das biodynamische Prinzip ist von Rudolf Steiner inspiriert. Aber letztendlich ist es jedem Bauern selbst überlassen wie er dies interpretiert. Nehmen wir das Beispiel Unkraut. Unkraut lockert den Boden auf, man sollte es also nicht als Problem sehen, sondern das Augenmerk vielmehr auf die Vorteile richten. Aber die sehen wir nicht, weil wir so damit beschäftigt sind uns auf ganz bestimmte Pflanzen zu konzentrieren, auf Monokulturen und Effizienz. Wir sehen nicht das Ganze. Das ist also Teil eines ganz bestimmten Blickes auf die Welt. Wie viel müssen wir der Erde zurückgeben und wie viel können wir nehmen? Und was das ganze industrielle Zeitalter angeht, haben wir viel mehr genommen als gegeben. Wir haben uns an ein bestimmtes Leistungsprinzip gewöhnt, das nicht natürlich ist.

CFL: Für Niels ist diese Art der Landwirtschaft ein Konzept der Zukunft, da ist er sehr optimistisch. Bist du das auch?

Phie: Wenn man sich all die kleinen Bauernhöfe anguckt, die ihre Tiere mit dem füttern, was sie auch selbst anbauen, da muss nichts importiert werden. Und das ist von großer Bedeutung in Zeiten des Klimawandels, in denen möglichst wenig um die ganze Welt transportiert werden sollte – oft sind das ja genetisch veränderte Organismen. Man sollte mit den Nahrungsmitteln arbeiten, die man vor Ort anbauen kann. Und genau darum geht es beim biodynamischen Ansatz. Sogar Leute, die für industrielle Höfe arbeiten, sehen ein, dass es nur richtig sein kann, den Schwerpunkt auf lokal verfügbare Zutaten zu setzen und zwar überall auf der Welt.

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Nehmen wir als Beispiel Afrika, man sollte dort niemanden dazu zwingen irgendwelche Pestizide aus Europa zu verwenden, sondern man sollte mit den lokalen Gegebenheiten arbeiten. Das ist der eine Grund. Der andere sind all die Vorteile, die sich daraus ergeben, möglichst viele, unterschiedliche Nahrungsmittel zu haben. In der heutigen Zeit sind wir an Monokulturen gewöhnt und wir essen nicht mehr nach den Jahreszeiten. Bevor es die industrielle Landwirtschaft gab, war unsere Ernährung viel abwechslungsreicher und wir haben auch viele Dinge gegessen, die jetzt als Unkraut betrachtet werden. Viele Leute, die einen Garten haben, schmeißen einen Großteil von dem, was er ihnen gibt, weg, obwohl es sich um nahrhafte Zutaten handelt, aber sie erkennen das einfach nicht. Es geht also um einen ganz neuen Ansatz sich mit Lebensmitteln zu beschäftigen. Und zwar auch nicht so viel von nur einer Sache zu essen, sondern von vielen unterschiedlichen Dingen. Das ist auch gesund!

Diese Art der Landwirtschaft sorgt dafür, dass man einen ganz neuen Blick bekommt, für das, was man essen sollte, je nachdem in welchem Teil der Erde man lebt. Es ist eine Möglichkeit für eine wirtschaftliche Balance zu sorgen. Wenn die Menschen anfangen ihre eigenen Gärten zu bewirtschaften und das essen, was lokal angebaut werden kann, ist das eine sehr effiziente Methode, um sich gegen die großen Unternehmen zu wehren, die Geld machen, indem sie Lebensmittel herstellen, die nicht nahrhaft sind, sondern sogar schlecht für den Menschen und auch schlecht für den Boden. Biodynamisch zu denken kann ziemlich viel verändern und das Gute daran ist, dass wir alle sofort daran teilhaben können, es ist nichts, auf das wir warten müssen bis andere es tun. Es ist eine tolle Möglichkeit jedem Einzelnen ein Stück Verantwortung zurückzugeben und nicht auf Politiker zu warten, neue Gesetze zu entwerfen oder darauf, dass die großen Energieunternehmen irgendetwas verändern. Immer warten wir auf andere, etwas zu bewegen. Aber die Bürger, zumindest in Dänemark und auch in anderen europäischen Ländern, sind schon längst dabei etwas zu verändern, während die Politiker und die Industrie auf der Stelle treten. Sobald wir nach lokal und biodynamisch angebauten oder Bio-Produkten verlangen, wird es diese auch geben.

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CFL: Im Film hat Niels ständig Ärger mit den Behörden, weil seine Art der Tierhaltung nicht mit den Bio-Richtlinien übereinstimmt. Am Ende hat er nochmal Glück. Weißt du wie die Geschichte weitergegangen ist?

Phie: Ja! Weißt du, was nach dem Film passiert ist? Die Behörden haben ihm einen Brief geschickt und sich entschuldigt, gesagt, dass sie zu weit gegangen wären. Seit diesem Jahr ist seine Art der Landwirtschaft per Gesetz bewilligt, er wird jetzt sogar von der Regierung unterstützt. Vorher war es so, dass die Leute, die für den Gesetzgeber arbeiten, einfach auf den Hof kommen konnten und Dinge sagen konnten wie: du hast ein dreibeiniges Schwein und das ist ein Problem. Das ist tatsächlich passiert. Es ist nicht im Film zu sehen, weil ich es nicht gefilmt habe. Aber Niels hatte einmal ein dreibeiniges Schwein und es ist nicht vorgesehen, ein dreibeiniges Schwein zu haben. Denn laut Behörde kann ein dreibeiniges Schwein nicht an das Futter gelangen, das es benötigt. Aber dieses Schwein war genauso fett wie alle anderen auch, man konnte also sehen, dass es so viel Futter abbekam wie es wollte. Aber es musste auf der Stelle geschlachtet werden. Und dann wurde dieses Schwein der Regierung zum Abendessen serviert. Das ist so verlogen! Denn sie wissen, dass die Qualität, die Niels produziert, großartig ist. Das Ganze passt nur nicht zu den Regeln. Aber jetzt fangen sie an, diese Regeln zu ändern.

CFL: Wie kam es dazu? Hat dein Film einen Einfluss darauf gehabt? 

Phie: Ich glaube, ein Film kann etwas anstoßen, wenn es schon da ist. Dieses wachsende Bewusstsein, was wir essen und wo es herkommt, gibt es schon und die biodynamischen Bauern arbeiten schon seit vielen Jahren damit. Aber der Film hat es in die Öffentlichkeit getragen. Viele Menschen haben sich eine Meinung dazu gebildet, weil in Dänemark viele den Film im Kino gesehen haben, auch viele Entscheidungsträger. Ein Film kann nur Dinge verändern, wenn diese Veränderung bereits in Ansätzen da ist und nur noch einen kleinen Anstoß benötigt. 

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CFL: Niels sagt „Viel Gutes erwartet uns und wir können so viel Gutes tun.“ Er sieht sich als jemand, der gerade etwas Neues beginnt. Wer wird diese Idee in die Zukunft tragen? Gibt es schon Nachfolger?

Phie: Es gibt jetzt eine nordische Initiative, BINGN, für biodynamisch arbeitende Bauern im Norden. Es ist nämlich sogar in Dänemark so, dass man nichts über biodynamische Landwirtschaft lernt, wenn man zum Biobauern ausgebildet wird. Weil ihr ein sehr merkwürdiger Ruf vorauseilt, sie wird beinahe als Sekte, religiöse Sekte wahrgenommen. Die Menschen wissen nichts darüber und das ist auch einer der Gründe, warum ich es für so wichtig hielt, diesen Film zu machen. Um zu zeigen, was biodynamische Landwirtschaft eigentlich ist, so dass sich jeder seine eigene Meinung bilden kann. Aber zuallererst musste man zeigen, dass es sich nicht um irgendeine verrückte Sekte handelt, sondern dass es wirklich darum geht sich mit der Natur zu beschäftigen und auch dementsprechend Landwirtschaft zu betreiben.

CFL: Niels erzählt von einer besonderen Verbindung zwischen Tier und Mensch und dass auch er von den Tieren lernt. Was hast du von den Tieren gelernt während deiner Zeit auf dem Hof?

Phie: Menschen neigen dazu, Tiere zu vermenschlichen, ihnen die gleichen Gefühle wie Menschen zuzuschreiben und das wird dann auch zu dem Argument, warum man sie nicht essen darf. Niels ist Vegetarier, aber er hat grundsätzlich nichts gegen das Essen von Fleisch. Was sehr deutlich wurde während meiner Zeit auf dem Hof, war der Unterschied zwischen Tier und Mensch. Es gibt da einen großen Unterschied wie wir durchs Leben gehen, wie wir Dinge entscheiden. Niels erklärt das in der Szene, in der das Kalb geboren wird und die Kuh vor Schmerzen brüllt. Wenn sie das draußen auf dem Feld gemacht hätte, hätte die Herde sie getötet. Oder wenn eine Kuh zum Beispiel in einen Fluss fällt und in Panik brüllt, dann sagen die Leute Dinge wie ‚Oh, guck mal, die anderen Kühe kommen, um ihr zu helfen’. Aber nein, sie kommen, um sie zu töten. Weil sie sicher gehen wollen, dass die Herde keine Raubtiere anlockt. Manchmal romantisieren wir Tiere viel zu sehr. In meinem Beispiel geht es den Kühen um die Herde, die soll beschützt werden. Wenn also eine von ihnen in Not gerät und brüllt, wird sie getötet. Das unterscheidet sich sehr von der Art und Weise wie wir Tiere oft betrachten. Wir neigen dazu, uns selbst in ihnen zu sehen. Und ich finde, das wird den Tieren überhaupt nicht gerecht.

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Die Leute von den Behörden, die Niels damit drohten ihm seine Lizenz Tiere zu halten zu entziehen, das sind Leute, die sich für die Einhaltung von Tierrechten einsetzen. Aber sie gucken nicht auf die Bedürfnisse des Tieres, sondern auf ihre eigenen. Es ist also sehr wichtig, sich nicht mit den Tieren zu identifizieren, sondern auf ihre Bedürfnisse zu achten, alles andere kann viel Schaden anrichten. Es ist auch eine sehr egozentrische Art sich unserer Umgebung anzunähern. Ein Tier wird von seinen Instinkten geleitet. Wenn man diesen Unterschied zwischen Tier und Mensch begreift, dann muss man einsehen, dass wir eine noch viel größere Verantwortung haben.

CFL: Nils spricht von seinem Hof als Kunstwerk, das ihn inspiriert. Wie hat es dich inspiriert?

Phie: Ich wollte Zeit an einem Ort verbringen, wo ich nicht um eine bestimmte Uhrzeit irgendwo sein muss. Und das hat mir sehr gut getan, weil es die Dinge ins rechte Licht rückt. Wir sind so damit beschäftigt effizient zu sein, wir wollen so schnell wie möglich so viel wie möglich schaffen und manchmal müssen wir uns einfach stoppen, weil dabei nichts Gutes entsteht. Wenn ich mir angucke wie ich vor diesem Film an meine Arbeit rangegangen bin; ich wusste, dass ich irgendwie runterkommen muss, langsamer werden. Ich musste einfacher und langsamer arbeiten. Ich war auch nicht besonders glücklich mit dem Film, den ich zuvor gemacht habe, es fühlte sich alles viel zu schnell an. Damit mir meine Möglichkeit der Inspiration nicht ganz abhanden kam, musste ich mich zurückziehen. Ich habe zunächst niemandem von meinem Film auf dem Hof erzählt, weil ich wirklich eine Atmosphäre für mich schaffen wollte, wo ich die Dinge einfach auf mich zukommen lassen konnte und meinen Drang, Dinge zu kontrollieren, verlieren konnte.

CFL: Hat dich das über die Entstehung des Films hinaus verändert?

Phie: Mein Mann und ich haben eine Schule für Kinder gegründet, wo diese Sicht auf Wirtschaft und Gesellschaft unterrichtet wird. Denn so viel von dem, was Kinder in der Schule lernen, basiert auf diesem wirtschaftlichen Gedanken, der von Effizienz geprägt ist. Und wenn man das erstmal realisiert hat, muss man sie eigentlich von der Schule nehmen. Wir konnten unsere Kinder aber nicht einfach zu Hause unterrichten, also haben wir eine Schule gegründet, die Green Free School.

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CFL: Welche Resonanz wünscht du dir von den Zuschauern, möchtest du etwas bestimmtes mit dem Film auslösen?

Phie: Ich möchte meinem Publikum die gleiche Erfahrung ermöglichen, die ich auch gemacht habe als ich auf die Farm kam, sich mit allen Sinnen der Natur zu öffnen. Da gibt es so viel zu erleben, so viel Ruhe und gute Dinge. Wenn man realisiert wie viel Schönheit die Natur zu bieten hat, dann fängt man auch an, mehr auf sie aufzupassen.

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