Permakultur:
Echtes Essen, Echte Landwirtschaft und Echtes Leben

Wer nachts im Schlafsack Sterne zählen und quakenden Fröschen zuhören möchte, glückliches Gemüse ernten und die beste Joghurtsuppe der Welt genießen will, sollte dorthin: auf die Narköy Farm in Kandıra. Dort erlebt man mit den herzlichsten Menschen der Türkei, wie Permakultur funktioniert. Die Permakultur, die Erschaffung naturnaher Kreisläufe, bildet den Boden dieser Farm, die gleichzeitig Schulungscenter, Hotel und Restaurant ist. Vor allem aber ist Narköy ein Ort, der zeigt, wie friedlich Natur und Mensch zusammenleben können.

Die „Mutter“ der Farm, Nardane Kuşcu, trifft man meist inmitten ihrer Schätze, den Pflanzen. Dann blitzt zwischen Bohnen und Rucola weißes Haar hindurch und ein strahlendes Lächeln einer bezaubernden Frau, die man sehr gerne um weisen Rat fragt. Wir haben mit ihr gesprochen.

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CFL: Wie ist es zu der Idee Narköys gekommen?

K: Wir haben das Land von Narköy vor sieben Jahren gekauft, aber die Idee dazu gab es schon lange zuvor. Ich hatte den Traum ein solches Permakultur Center zu gründen, weil Essen nicht mehr richtiges Essen ist, Schulen und Bildungssysteme von der Natur getrennt sind. Das ist sehr ungesund, sowohl für uns als auch für die Welt.

CFL: Worum geht es bei Permakultur?

K: Bei Permakultur geht es um das Gestalten nachhaltigen Lebens durch Beobachtung der Natur und der Welt, in der wir leben. Dieser Anspruch gilt nicht nur für den ländlichen, sondern auch für den urbanen Raum. Ziel ist es, nachhaltige und autarke Kreisläufe zu schaffen. Dafür ist es nötig, die Natur und ihre Gesetze zu verstehen. Permakultur wird häufig mit Landwirtschaft verbunden, doch es geht auch um unser Sozialleben, unsere Jobs, unsere Beziehung zu anderen Lebewesen und um Natur, Freude und Glück.

CFL: Wie kann man sich Permakultur außerhalb der Landwirtschaft vorstellen?

K: Es ist ein ganzheitliches Konzept. Zum Beispiel sind Permakulturgärten sehr einfach in Wohnungen, Stadtgärten, Schulen oder Firmen zu realisieren. Es ist wirklich nicht schwer, eigenen Küchenabfall zu kompostieren, daraus Erde zu machen und Gemüse und Kräuter darauf zu pflanzen. Und während wir das tun, können wir unsere Nachbarn, alte Menschen, Kinder, einfach alle miteinbeziehen. Wir können alle voneinander lernen, wie wir unser Essen selbst anbauen, wie wir miteinander umgehen und wie wir gemeinsam ein Bewusstsein für Natur und Recycling entwickeln. Man nennt so etwas “Öko-Therapie”, was unserem Geist und unserer Seele sehr gut tut.

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CFL: Du hast mir erzählst, dass deine Eltern damals eine Farm hatten. Hat dich das stark beeinflusst?

K: Ich wurde auf einer Farm geboren. Zu dieser Zeit gab es keine Bio-Siegel, denn es gab keinen Grund dafür. Permakultur war für unser Leben selbstverständlich. Mensch und Tier lebten zusammen in einem funktionierenden Kreislauf; Nachbarn halfen sich gegenseitig. Meine Großmutter säte Samen für “Wölfe, Vögel und für uns” (eine türkische Redewendung). Wir verwendeten unsere eigene Saat. Wir verwendeten kein Plastik und produzierten keinen Abfall: Alles wurde auf irgendeine Weise weiterverarbeitet. Wir buken unser eigenes Brot und stellten unseren eigenen Käse her. Wie haben Wassermelonen und Tomaten in Baumwollfelder gesät, damit die Arbeiter dort davon essen konnten. Wir mussten unsere Felder nicht bewässern. Wir haben im See gefischt. In der Nacht haben Kinder Geschichten gehört, im Sommer unter den Sternen geschlafen und Erwachsene über den Sternenhimmel befragt. Wir wussten, wie es ist, Träume zu haben. Unsere Eltern sagten immer: “Wenn du keinen Traum hast, dann hast du keine Arbeit.” Daher rührt Narköys Philosophie.

CFL: Du wolltest also zurück zu deinen Wurzeln?

K: Als “Marshall Aid” in die Türkei kam, begannen die Menschen”Gift” auf die Felder zu sprühen, sie wollten mehr produzieren, um mehr zu verkaufen. Ich kann mich an viele Menschen erinnern, die dadurch vergiftet wurden und starben. Glückliche und gesunde große Bauernfamilien brachen auseinander. Kinder gingen zum Spielen nicht mehr auf die Felder. Das alles machte mich stutzig und ich erinnerte mich an die “echte Landwirtschaft” zurück. Ich ging auf die Suche nach “echtem Essen” und folgte meinem Traum.

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CFL: Warum kommen die Menschen zu Narköy?

K: Wenn Menschen von der Natur getrennt sind, beeinträchtigt das nicht nur die Gesundheit, sondern auch das Selbstbewusstsein und die Kreativität. Wir fühlen uns einsam. Wir haben das Gefühl der Leere, obwohl wir alles besitzen können, was wir wollen. Wir zerstören unsere Umwelt, manchmal unwissentlich, weil wir verlernen das große Ganze zu sehen. Nur wenn wir im Frieden mit der Natur sind, können wir Frieden mit anderen Menschen schaffen. Wir erkennen, dass wir ein wichtiges Element des großen Ganzen sind und dass wir genauso eigenständig sind wie ein Samenkorn. Die Menschen kommen zu Narköy, um sich selbst zu finden, ihre Fähigkeiten mit Freude in einer natürlichen, echten Umgebung zu entdecken, um in einer gesünderen, besseren Weise das tun zu können, was sie tun und um einen aufrichtigen Weg zu finden miteinander zu leben. Ist das nicht die Bedeutung von “ökologisch”?

CFL: Dein Ziel ist also …

K: … eine Brücke zwischen Mensch und Natur zu sein.

CFL: Wieso habt ihr euch für die Region Kandıra entschieden?

K: Kandıra ist nah genug, um die Stadt zu erreichen und weit genug von der Stadt, um Natur zu erleben. Wir haben Glück, denn Kandıra ist ein Ort, das an seinen Traditionen festhält, die Menschen leben ruhig und “langsam”. Und es ist außer Reichweite der Industrieverschmutzung. Hier leben kleine Bauernfamilien und Permakultur ist ein natürlicher Teil ihres Lebens. Alle Mitarbeiter Narköys kommen aus der Nachbarschaft und es ist uns eine Freude mit ihnen zuarbeiten. Wir helfen den Menschen Geld zu verdienen ohne ihre Traditionen, ihre Felder und regionalen Werte zu beeinträchtigen. Wie wollen Kandıra dabei unterstützen, eine “entschleunigte Stadt” zu bleiben. Dabei haben wir auch den Bürgermeister und die Behörden auf unserer Seite.

CFL: Ihr engagiert euch in Kandıra auch außerhalb der Farm, nicht wahr?

K: Narköy liegt neben einem Wald, den ich “Großmutter” nenne. Die heimischen Pflanzen und Bäume sind sehr wichtig für mich. Wir versuchen das Beste, um die Diversität des Waldes zu erhalten. Wir gehen auch mit unseren Gästen in den Wald, damit sie ihn kennenlernen und um sie auf den Waldschutz aufmerksam zu machen. Wir bieten ihnen auch an eine Nacht im Wald zu verbringen, im Herzen der Natur. Das hilft den Menschen ungemein, der Natur näherzukommen.

CFL: … der Natur und den Tieren!

K: Uns liegt auch sehr viel an den Tieren des Waldes. Manchmal schlafen sogar Rehe in unseren Feldern. Wir haben einen Bereich, den wir tagsüber als Open-Air Klassenraum benutzen. In der Nacht kommen die Rehe, um hier zu schlafen, von unseren Bohnen zu essen und von unserem Becken zu trinken. Natur hat ihre eigene Logik und wir sind alle miteinander verbunden. Wir versuchen diese Balance für ein nachhaltiges Leben zu erhalten.

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CFL: Diese Region ist noch nicht sehr touristisch, was ich hier sehr charmant finde. Da ihr auch ein Hotel führt, welche Rolle spielt Narköy im Tourismus?

K: Narköy spielteine wichtige Rolle, um diese Region zum “Öko-Tourismus” zu führen. Das hilft einerseits die Diversität des Tourismus zu wahren, als auch ökologisch nachhaltigen, “grünen” Tourismus zu entwickeln. Wir sind glücklich, für den Öko-Tourismus zu arbeiten, der das ganze Jahr überdauert und unseren Nachbarnzu einem ganzjährigen Einkommen verhilft.

CFL: Neben eurem Tagesgeschäft realisiert ihr auch viele Projekte. Kannst du uns etwas darüber erzählen?

K: Was wir hier haben, ist sehr kostbar. Um das Bewusstsein dafür weiterzugeben, legen wir in Schulen Permakultur-Gärten an, damit Kinder lernen, woher unser Essen kommt. Außerdem laden wir das ganze Jahr über Menschen als aller Welt ein, Studenten, Künstler, Organisationen, um mit ihnen zu kochen und zu zeigen, was wir hier machen.

CFL: Ihr bietet auch Workshops für Unternehmen an. Was kann die Wirtschaft von Permakultur lernen?

K: Permakultur betrifft nicht nur Landwirtschaft, sondern ist eine Lebensphilosophie. Nachhaltige Wirtschaft ist Teil davon. Ein wichtiger Ansatz, den die Wirtschaft von Permakultur lernen kann ist “solution partnership” anstatt wilder Wettbewerb. In unseren Unternehmen-Workshops nutzen wir die Farm, die Küche und den Wald als Traningsgebiete. Wir nehmen uns die Natur als Vorbild und transferieren ihr System in die Wirtschaft, um nachhaltige Businessmodelle zu entwickeln.

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CFL: Inwiefern spiegelt eure Beziehung zum Essen eure Haltung zum Leben und zur Umwelt wider?

K: Essen ist nicht nur Treibstoff für Körper und Geist, sondern auch für unsere Seele. Wenn wir gemeinsam arbeiten, dann essen wir auch gemeinsam und teilen dabei nicht nur unser Essen, sondern auch unser gesellschaftliches Leben. Das Essen und der Esstisch bilden das Herz von Narköy. Wir kochen nach traditionellen türkischen Rezepten, kreieren auch Neues oder entdecken neue Rezepte aus der Heimat unserer Freiwilligen. Wir lieben es mit Freude zu essen und uns dabei kulturell auszutauschen. Diese Welt ist die Heimat aller und ich denke, einer der wesentlichen Rechte aller Wesen ist in zu Frieden zu leben und gemeinsam die Zukunft zu gestalten. Dafür ist es sehr hilfreich uns gegenseitig in die Augen schauen zu können, unsere Herzen zu berühren und Zeit miteinander zu verbringen.

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CFL: Das Hotel und Restaurant hat eine sehr interessante Architektur. Wie zeigt sich darin die Permakultur?

K: Narköy wurde nach langjähriger Recherche von einem internationalen Team entwickelt und realisiert.Leiter war Architekt Emir Drahşan. Der Fokus lag darauf, wie wir erneuerbare Energien auf effiziente Weise nutzen können. Auch die Materialität und die räumliche Verbindung zur Natur spielten eine Rolle. Narköys Architektur dreht sich um den Menschen und um die Wahrnehmung unsereins, anderer Lebewesen und der Natur. Außen-, Innen- und Landschaftsarchitekturfunktionieren als eine geschlossene Einheit, die sich gegenseitig ernährt und gemeinsam auf ein Ziel hinarbeitet: Bewusstsein schaffen und die Menschen aktiv in ökologisches Denken involvieren. Jeder kann Einfluss auf die Welt ausüben, anstatt nur passiver Betrachter zu sein; wir müssen uns darum nur darüber bewusst werden. So können wir mit täglichen, kleinen Handlungen die Welt auf positive Weise verändern.

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CFL: Wie kommt das im Hotel zum Tragen?

K: Es gibt keinen Room Service, dafür eine essbare Landschaft: Du musst aufmerksam gegenüber den Pflanzen um dich herum sein und kannst eine Pepino, eine Feige oder andere Frucht, je nach Saison, aus dem Garten für einen Mitternachtssnack pflücken.

Es gibt keine Klimaanlage aus gesundheitlichen Aspekten und weil wir versuchen, den CO2 Ausstoß so niedrig wie möglich zu halten. Aber die Gebäude und Fenster sind so konstruiert, dass wir ein Maximum an Isolation erhalten, um ein Maximum an Komfort in den Räumen zu bieten. Wir haben sehr viele recyclelte und upcyclelte Möbel aus Material, das bei den Bauarbeiten überblieb, wie etwa unsere Rezeption: Das war damals unser Container-Büro während der Bauphase.

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CFL: Permakultur heißt langfristiges Denken und Nachhaltigkeit. Wie sieht Narköy in 20 Jahren aus?

K: In 20 Jahren möchten wir auch autark in der Energieversorgung sein wie wir es heute mit dem Essen sind. Ich hoffe, es werden immer mehr junge Leute bei uns mitmachen, denn schließlich geht es um ihre Zukunft. Wir wollen weiter gesunde Bildung, Wirtschaft und Ökologie betreiben. Wer weiß, vielleicht sind wir bis dahin als „Lebensschule“ nicht mehr nötig, weil die Menschen endlich nach ihren Träumen leben.

CFL: Wenn du wählen könntest, wärst du lieber tot oder würdest gerne ein bisschen länger Leben als gesunde Pflanze oder als gesundes Tier? Und welche Pflanze oder Tier wärest du dann gern?

K: Die Lebensqualität ist viel wertvoller als die Quantität. Ein Tier oder eine Pflanze zu sein ist beides wundervoll. Es gibt eine spezielle Shamanentechnik, die ich ab und zu anwende. Sie ermöglicht mir in andere Lebewesen einzufühlen und führt mich in meinem “menschlichen” Leben, zeigt mir, wie ich mit anderen Wesen kommunizieren kann. Wenn ich eine Pflanze wäre, dann wäre ich gerne eine Dactylis Glomerata. Wenn ein Baum, dann ein Buche, wenn ein Tier, dann eine Falke.

Ich denke, der Mensch erfährt Leben und Tod mit jedem Atemzug, jeden Tag. Auch wenn ich manchmal von dieser Welt gelangweilt bin, denke ich, dass es keinen großen Unterschied zwischen Leben und Tod gibt. Wir werden in jedem Fall sterben, wenn wir unseren Auftrag erfüllt haben. Ich hoffe, mein Körper wird eine wunderbare Transformation erleben, zu Kompost und Erde werden und ich hoffe, dass Pflanzen auf mir wachsen werden.

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