Marzahner Mühlenmagie

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An diesem Nachmittag erfuhr ich mehr als erwartet. Eigentlich hatte ich nicht erwartet, irgendetwas zu erfahren, denn ich war mir inzwischen nicht mehr sicher, ob die Mühle nicht nur ein Trugbild war. 3x war ich schon bei der Mühle gewesen und jedes Mal wurde mir der Zugang verwehrt, weil ich keine Verabredung mit dem Müller getroffen hatte und auch ein bisschen durch höhere Gewalt. *

Ich ging davon aus, dass die Marzahner Mühle, soweit sie existierte, ein Mysterium für mich bleiben würde. Aber diesmal war es anders. Ich hatte mich mit Jürgen Wolf, dem Müller verabredet und alles ging ganz einfach: Es stand nicht nur das Tor zum Mühlenberg offen, sondern auch die Tür zur Mühle selbst, die über eine steile Holztreppe zu erreichen war. Es war fast unheimlich einfach, aber bevor ich an Krabat denken konnte, stand vor mir der Müller, fast leuchtend. Das war wegen seiner Mehl-Aura, welche durch einen einfallenden Lichtstrahl begünstigt wurde, aber auch wegen der Energie, die der Mann unmissverständlich in sich trägt. Jürgen Wolf fing sofort an, mir alles zu zeigen und alles zu erzählen. Er war großzügig mit den Informationen über die Mühle und über sich selbst – zwei Schicksale, die eng miteinander verwoben sind. Heute Nachtmittag lernte ich einiges über Mühlen aber vor allem lernte ich eine weitere Geschichte der Generation der Wende kennen, des geteilten und wieder zusammengeführten Deutschlands; insbesondere dieser Stadt, Berlin. Und so konnte ich auch wieder ein bisschen mehr Licht in das Lebensgefühl hineinbringen, was auch die folgende, also meine eigene Genration so geprägt hat.

Ich erfuhr die Geschichte eines jungen Müllers, der bemerkte, dass die Mauer falsch herumstand. Dass der anti-faschistische Schutzwall seinen Todesstreifen auf der falschen Seite hatte. Diese Mühle war fake und real zugleich. Ein bisschen so wie die Zweiteilung des Landes.

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Man muss sich das Szenario so vorstellen: Eine historische Mühle steht auf einem Hügel neben einem ebenfalls historischen Dorf, Alt-Marzahn, und beides zusammen ist von Plattenbauten umgeben, die einem leicht den Eindruck von sozialistischen Hochseedampfern übermitteln können. Es war dieser optische Gegensatz, der mich immer wieder zu dem Ort hintrieb und der mich neugierig machte auf dessen Geschichte und dessen Jetzt. Es stellte sich heraus: Die Geschichte ist kurz. Die Mühle ist erst 25 Jahre alt. Der Hügel, auf dem sie steht, ist ebenfalls neu, er wurde im Osten aus dem Aushub und Resten von Bauruinen zusammengeschoben. „Die 70er Jahre waren eine Zeit des Wegschmeißens. Man hat in gesamt Berlin in der Nachkriegszeit etwa soviel gesprengt wie der Krieg vernichtet hat. Das erscheint unvorstellbar, aber es war so.“ So wurde auch eine ältere aber modernere Version dieser Mühle im Jahr 1978 abgerissen, obwohl sie den Krieg überlebt hatte. „Mühlen haben steten Frieden. Das ist ein altes Sprichwort und die Hintergründe sind einfach: Jeder braucht sie.“ Und deswegen wurden sie während der Kriege meist nicht zerstört – sondern in diesem Fall erst danach.

IMG_5206Ausblick aus der Mühle

Die aktuelle Marzahner Bockwindmühle ist die 4. Mühle am 3. Standort mit Herrn Wolf als 11. Müller. Die erste Mühle wurde 1815 in Marzahn gebaut und zweimal durch modernere ersetzt. Das aktuelle Mühlenprojekt wurde bereits 1982 in Planung gegeben zwar als Bildungs- und Prestigeprojekt der DDR, die sich immer gegen die BRD behaupten wollte. Ganz nach dem Motto: „Wer ist die schönere Stadt Berlin im ganzen Land?“ Die Mühle und das Dorf sollten als Agrar- und Handwerksmuseums Ost-Berlins dienen, dessen Fertigstellung  aber durch verschiedene Umstände ins Stocken geraten war. Erst nach der Wiedervereinigung wurde 1994 der Originalnachbau der ersten Mühle von 1815 mit den Mitteln vom „Aufschwung Ost“ errichtet und vom Bezirksamt Marzahn eine Müllerstelle eingerichtet. Das Museumsprojekt selbst wurde jedoch vom Agrar- und Handwerksmuseums Berlin-West gänzlich „aufgefressen“, ganz so wie es damals üblich war im Rahmen des „Ost-West-Kannibalismus“, so der Müller. Historische Funde aus Marzahn kann man jetzt also in der Domäne Dahlem bestaunen. Es gibt allerdings noch mehr zu finden. Jürgen Wolf geht eigenhändig auf dem alten Mühlenhügel auf der anderen Seite des Dorfes Ausgrabungen von alten Maschinenteilen machen, die er in seiner Mühle ausstellt.

Archäologe ist nur eine weitere Identität vom Müller. Eine andere ist Tischler. Jürgen Wolf ist gelernter Müller und gelernter Tischler, was er beides in seinem heutigen Job vereint. Das gesamte Mahlsystem in Inneren der Mühle hat er – als Tischler – selbst gebaut. Dabei ging er kreativ vor, es mussten multiple Funktionen gewährleistet sein: Die Mühle sollte mahlen können, um Mehl herzustellen, und gleichzeitig eine „Showmühle“ sein, die Schulklassen und anderen Interessierten Einblick in den Beruf des Müllers gewähren. Sie ist jetzt ein „produzierendes Museum“. Es gibt überall kleine Fenster in die Maschinerie eingelassen, sodass man die Zuschauer sehen können, wie das Getreide gemahlen und gesiebt wird, und wo das Mehl, die Schale und der Gries herauskommt. „Eine Spezialität der DDR war es ja, während der Produktion umzubauen. Das ist auch meine Spezialität. Das kann ich jetzt ausspielen.“ Pro Jahr kommen 10.000 Besucher in die Mühle. Früher waren es 30.000, aber jetzt sind die Veranstaltungen umfangreicher geworden. Sie sind immer ausgebucht. „Der Bildungsbedarf ist riesengroß und so gestalte ich die Mühle. Das ist ein Betrieb – der wächst mit seiner Kundschaft. Ich bin Dienstleister.“ Und das anscheinend mit Leib und Seele. Bis heute müssen alle Mittel für die bauliche Erhaltung und Entwicklung der Mühle als Mühlenverein selbst erwirtschaftet werden, denn die Stadt hat dafür kein Geld übrig. So beliebt es spannend, denn das Publikum kann man nicht “planen” und alltäglich gilt: “Die Mühle dreht sich nicht vom gestrigen Wind!”

IMG_5220Der Müller unter dem großen Mahlsystem der Mühle

In der Mühle gibt es zwei Mahlsysteme: Das eine ist das große, tatsächlich noch von den Mühlenflügeln betriebene System und das andere ist ein etwas kleineres, durch einen Elektromotor betriebenes System, denn heutzutage kann man sich nicht mehr auf die Windkraft verlassen – dafür ist auch die Stadt viel zu dicht dran und stoppt den Windfluss. Nichtdestotrotz drehen sich die Flügel an 200 Tagen pro Jahr. Bei starken Winden und Orkanen muss der Müller mit den Mühlenflügeln gegensteuern, damit der Wind die Mühle nicht umhaut. Es ist tatsächlich wie auf einem Schiff! Deswegen darf ein Müller auch nie weiter als 200 Meter entfernt von der Mühle wohnen. Und das wiederum ist der Grund, weshalb Herr Wolf in ein Haus im historische Dorf gezogen ist.  Es wurde ihm als Dienstwohnung zugeteilt.

Früher wohnte Herr Wolf in Prenzlauer Berg und arbeitete in der Osthafenmühle, wo er mit seinen Kollegen das Mehl für 1,5 Millionen Menschen gemacht hat. Es war die größte Mühle Berlins. Der Speicher an der Oberbaumbrücke ist das Einzige, was von der Osthafenmühle übriggeblieben ist, der Rest ist abgerissen. Aus Instinkt und nicht aus Verstand verließ Müller Wolf den Betrieb mit der Wende – und bekam Recht. Die Osthafenmühle wurde stillschweigend verkauft und stillgelegt. Nach allem, was im Osten zweifelhaft und unbequem war, wehte nun, nach der Wende der harte Wind der Treuhand und des unerbittlichen Konkurrenzkampfes des Kapitalismus. „Die BSR konnte streiken und hatte nach zwei Wochen stinkender Stadt das Westgehalt. Bei den Müllern war das anders. Da kamen die aus dem Westen mit den großen Mehltankern. Und da fragt man sich als junger Mensch: Welchen Wert hat denn deine Arbeit als Müller im Gewerblichen noch? Ich wusste auch, dass unsere Technik im Osten 20-30 Jahre rückständig war gegenüber der im Westen. Wir waren wenige, aber man kannte sich aus.“ Und so traf Herr Wolf die Entscheidung, über die ihm heute viele dankbar sind: „Ich befasste mich mit der bildungstouristischen Strecke, der musealen Seite. Das lebe ich, ich komme aus einer alten Müllerfamilie, die seit Jahrhunderten in diesem Sektor arbeitet.“ Er nahm eine  ABM- Stelle in Sachsen an, die ihm erlaubte, sich nebenbei auf einen neuen Lebensabschnitt vorzubereiten, jenen als Fachberater für Mühlenbau. „Die Wende war ja auch ein Abenteuer! Es bedeutete Freiheit, man konnte sich selbstständig machen! Auch für die Wessies war es ein Abenteuer – da hat man sich vereint im Geiste getroffen.“

Herr Wolf ist jetzt beim Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf angestellter Müller, Tischler, Archäologe, Lehrer und – Vermähler, oder besser gesagt, Vermehler: Auf der Mühle kann man auch heiraten. Sie ist „das erste offizielle Mühlenstandesamt  in Berlin-Brandenburg.“ 2009 hat Herr Wolf eigens dafür die von weißen Rosen umrankte Hochzeitstreppe im Nordwesten des Mühlenhügels gebaut. Das erste Ehepaar, das 1997 verheiratet in der Mühle wurde, ist immer noch zusammen.

Ein gutes Zeichen!

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* Mein erster Besuch war im Frühling. Ich war verliebt und bin nach einer durchzechten Nacht in die M8 gestiegen, um an den Stadtrand zu fahren. Die Mühle ragte empor zwischen den Plattenbauten und meinen hormon-bestäubten Phantasien. Ich nahm sie hin, aber in diesem Moment hätte ich alles hingenommen. Mein zweiter Besuch war im tiefsten Winter. Ich wollte sehen, ob die Mühle wirklich existierte, aber es war so kalt, dass mein Atem gefrierte und ich alles nur durch einen weißen Nebel hindurch sah. Alle Geräusche und alles Lebendige wurde von der Kälte verschluckt. Surreal. Mein dritter Besuch war diesen Sommer während einer der unerträglichen Hitzewellen. Mein Begleiter bekam einen Kreislaufkollaps und wir zogen es vor, in der klimatisierten Tram zu bleiben und zum Stadtrand zu fahren.

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