Berlinale:
El Somni

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Wir verließen das Kino zu dritt in drei verschiedenen Zuständen, so dass es schwierig war, miteinander zu sprechen. Aber ohnehin ist es schwierig zu sprechen nach Filmen, die – egal auf welche Weise – mitgerissen haben.

El Somni, der Film über die Roca-Brüder reißt mit, fasziniert mit seiner Erzählung über ein außergewöhnliches Abendessen, ein Abendmahl, das nicht das letzte ist, sondern das erste sein könnte – in einem neuen Zeitalter für Essen und für Kunst. Der Film eröffnet uns neue Dimensionen von beidem, Essen und Kunst, indem er die Grenzen dazwischen verschwimmen lässt.

El Somni

Zu den Stars: Die Roca-Brüder, das sind Joan, Jordi und Joseph. Als Koch, Sommelier und Patîssier führen sie zusammen das Restaurant En Celler de can Roca, was gerade letztes Jahr im Ranking von San Pellegrino und Aqua Panna zum besten der Welt gekürt wurde.

Der Traum: Die drei hatten einen Traum, die Vision eines vollkommenen Gesamtkunstwerks, einer Oper für alle Sinne. Musik sollte mit Bild und Poesie verschmelzen wie bei Wagner, aber sie haben noch weiter geträumt: Geschmack zerfließt in Melodie, Farben und Formen zergehen auf der Zunge, Wein entführt zusammen mit säuselnder Poesie in andere Welten, Gerüche transportieren namenlose Erinnerungen. Wenn alle Sinne – eingeschlossen der gustatorische und olfaktische – feinstens auf einander abgestimmt würden, könnte eine Art von Wahrnehmung möglich werden, die so noch nie da war.

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Der Trip: 12 Gäste begeben sich auf eine Reise in Form einer Oper in 12 Akten, auf die ihnen wohl niemand auch nur gedanklich folgen könnte – denn niemand außer der 12 Auserwählten im letzten Mai hat jemals die Roca-Droge probiert. Der Oper liegt eine Geschichte zugrunde, ein Libretto, von dem jeder Akt ein Gang ist und jeder Gang eine Emotion. Wie schmeckt der Mond? Wie klingt das Weltall und wie fühlt es sich an, völlig entrückt zu sein? Der Mond schmeckt „erdig“, nach Trüffel und wird zu sich genommen mit den hypnotischen Melodien einer warmen Frauenstimme. Der Teller, eine Mondlandschaft, der Tisch und die Wände, Projektionsflächen für Videoanimationen, rauchige, nebulöse, unendlich weite. Von dort aus fällt man hinunter in die Frische eines sprudelnden Teiches, man isst sich durch die Welten von Liebe und Erotik und sogar durch den Tod. Die Wiedergeburt wird symbolisiert durch Sauerteigeis auf atmendem Brot. Und, ja: das Brot bewegt sich wirklich, es pulsiert passend zu den Herzschlägen, die im Raum erklingen.

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Der Film: Regisseur und Animationskünstler Frank Aleu gibt uns allen die Chance doch wenigstens einen kleinen Rausch zu bekommen. Gekonnt lässt er Inspirationen, Musen, Entstehungsprozess und das Abendmahl selbst zu einem Märchen für unsere Augen und Ohren werden. Wir verlassen das Kino träumend und mit wässrigem Mund und merken: Aleu hat durch unsere Imagination auch den Rest der Sinne angesprochen. Geschmäcker, Gerüche und Gefühle und das gleichzeitige Sehnen danach schwirren durch unsere Köpfe. Das Sprechen fällt schwer, vielleicht noch schwerer als sonst nach Filmen.

Das Fragwürdige: Wie figurativ-konkret muss man, kann man, darf man in der Darstellung von Emotionen werden, wenn man mitreißen (und nicht abschrecken) will. Mit figurativ meine ich beispielsweise die Projektion des Liebesaktes auf den Tisch während des ‘Liebesgangs’. Und so sehr man Aleu für seine Regie loben kann, muss man ihn doch für seine Animationen kritisieren. Fraglos wäre der erotisierende Effekt an dieser Stelle größer gewesen mit einer etwas subtileren Darstellung. Aber dazu kommt noch, dass das Computerpaar eher an die schlecht animierten Figuren eines Flugzeugsicherheitsvideos erinnerte. Während dessen ging die Musik, von Natur aus aphrodisierend, langsam in ein Stöhnen über, die Taubenbrust war unmissverständlich als Vagina angerichtet… Was sich eindeutig abschreckend anhören mag, bleibt im Fall der Roca-Geschichte jedoch zwiespältig. Denn hier stellt sich noch eine andere Frage: Wie tief lässt man sich auf die Regie der Gedanken und Gefühle ein? Wenn man sich vollkommen von den Rocas und ihren Musen führen lässt – und das ist ja ihr Ziel – könnte sich die Tauben-Vagina ganz natürlich-stimulierend bis explosiv in den Märchenverlauf einfügen. Und genau hier stellt sich die Frage, die wir Kinogänger leider nicht beantworten können: Welche Macht hat das Essen? Welche Rolle spielt der Geschmacksinn in dieser Situation? Ist er fähig, so starke Emotionen hervorzurufen, dass er die kleinen Geschmacklosigkeiten überdecken würde? Nach Pellegrinos Ranking gilt jedenfalls: Wenn dies nicht Joan, Jordi und Joseph mit ihrer Kochkunst schaffen, dann schafft es auch niemand anders auf der Welt.

El Somni

Offene Fragen: Die Rocas haben eine neue Art von Erlebnis geschaffen, vielleicht sogar von Erleben. Aber da sich hier alles um Oper und wagnerianisches Gesamtkunstwerk dreht, lässt uns doch eine Frage nicht in Ruhe. Wie steht es nun um das Verhältnis von Kochen und Kunst? Wird die Kulinarik mit dem Projekt nun endlich auf die Ebene der anderen Künste gehoben? Oder sollte man lieber andersherum fragen: Braucht die Kulinarik für sich betrachtet überhaupt den Austausch mit den anderen Künsten, um zu zeigen, dass sie Kunst sein kann? Das, was an Essen künstlerisch ist – das freie Kreieren und die geschmackliche Ästhetik – würde sich vielleicht ebenso gut entfalten können in seiner reinen Form, ganz ohne akustische oder optische Einflüsse.

Vielleicht geht es in dieser Oper aber auch viel weniger um Kunst als um das Essen – um den Akt des Essens, der durch die Kunst bis ins Paradies potenziert werden kann.

El Somni

Um sich einen Hauch von Bild zu verschaffen, hier der Link zum Trailer von El Somni:

http://www.elsomni.cat/en/

Text: Theresa Patzschke
Bilder: Trailer El Somni

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