Hydroponik – was auf der Erde los ist

Hydroponics_2Mit der in die Höhe schnellenden Anzahl der Bevölkerung, stehen Wissenschafter und Landwirte dauerhaft vor der Frage, wie man auf geringem Raum und in kürzester Zeit, so viel wie möglich produzieren kann. Spezialisten auf diesem Gebiet findet man vor allem in Holland, einem der größten Gemüseproduzenten der Welt, mit einer unfassbar kleinen natürlichen Anbaufläche. Es ist also nicht verwunderlich, dass die Niederlanden auch auf dem Gebiet der erdelosen Landwirtschaft, der Hydroponik, ganz vorne mit dabei sind.

Hydroponik ist Pflanzenzucht bei der die Pflanze nicht durch Erde ernährt wird, sondern durch eine flüssige Nährstofflösung: Salatköpfe werden in ein Substrat aus Styropor oder Mineralwolle gepflanzt um sie zu stabilisieren. Ihre Wurzeln werden vollkommen mit einem Gemisch aus Wasser und Düngemittel bedeckt – entweder hängen sie in einem Becken (Deep Water Culture) oder in Kanälen, die ständig von einer zirkulierenden Nährlösung durchflossen werden (Nutrient Film Technique).

nutrient-film-technique

Dry Hydroponics – ein Anbausystem für die Industrie

Dry Hydroponics ist eine holländische Firma, die sich mit ihrem patentierten Dry Hydroponics System auf den erdelosen Anbau von Salaten, Kräutern und Blumen spezialisiert hat. Die Konstruktion (Deep Water Culture) führe laut Hersteller dazu, dass die Pflanzenblätter von einem wachstumsförderndes Mikroklima umgeben sind, dass sich auf die Gesundheit und den Geschmack auswirke. Das luftige Design der Anlage und die Isolierschicht zwischen Salatkopf und Wasser hält die Blätter trocken, daher der Name Dry Hydroponics. Gewisse Krankheiten wie Schimmelpilze seien deshalb unwahrscheinlicher. Was Dry Hydroponics unter wachstumsförderndem Mikroklima versteht – immerhin kann das System auch außerhalb des Glashauses eingesetzt werden – wird nicht erklärt. Tatsächlich sehen die dicken, knallgrünen Blätter fast künstlich aus und jeder Salatkopf gleicht dem anderen. Diese Supermodelle können sofort verpackt werden, sauber bzw erdelos sind sie schon.

Dry Hydroponics rühmt sich mit dem Attribut Nachhaltigkeit: Denn das verwendete Wasser bleibt im geschlossenen System und auch Düngemittel können nicht in der Erde versickern, sprich man brauche davon weniger. Die Nutzung der Anbaufläche werde optimiert, denn der Abstand des Setzbestandes könne geregelt werden, und man braucht auch keine Erde. Energie, glaubt man Dry Hydroponics, könne effizent genutzt werden, da eine Produktionssteigerung nicht mehr Energie bzw fossile Brennstoffe benötige.

nutrient-film-technique

Kritische Stimmen

Interessant ist Hydroponik vor allem für industrielle Betriebe, die in kurzer Zeit auf höchst effiziente Weise, und möglichst automatisiert produzieren wollen. Ein Eingreifen von Menschenhand sei laut Dry Hydroponics nicht nötig. Dem entgegensetzen muss man, dass die Pflanze ohne Technik und Überwachung, nicht fähig wäre zu wachsen. Auch wenn einiges für erdelose “Landwirtschaft” spricht, so ist der Aufwand doch kein geringer.

Laut dem Agraringenieur Jörg Planer ist die exakte Dosierung des Wasser-Düngergemisches essentiell für den Anbauerfolg. Zwar würden Kosten für Wasser und Dünger geringer ausfallen, die technische Ausstattung der vollautomatisierten Flächen sowie die ständige Kontrolle der Nährlösung ist jedoch teuer.

Abschließend sollte noch erwähnt werden, dass man weniger von Natur und dessen Wachstum versteht, als von Befürwortern von Hydroponik oder auch Gentechnik behauptet wird. Laut Michael Pollan haben zum Beispiel in Erde gewachsene Karotten hundert Mal mehr Wertstoffe als jene aus Nährstofflösungen. Grund dafür mag sein, das wir nicht alle Inhaltsstoffe der Karotte kennen. Früchte, die nicht alle notwendigen Nährstoffe bekommen, durch unzureichende Nährlösungen, können auch nicht viele komplexe Inhaltsstoffe haben, so die Theorie. Dies mag auch der Grund sein, warum Biogemüse nicht in Nährlösung angebaut werden darf – die Nährstoffe müssen laut Gesetz aus der Erde bezogen werden.

Gabriele Sorgo, Dozentin für Kulturgeschichte an der Uni Graz erläutert:” Essen heißt, sich einzubetten und in Austausch zu treten mit der Umwelt. Das ist eine sehr komplexe Interaktion. Die beste und gesündeste Variante für Menschen ist es, Früchte aus gutem Humus zu essen, der selber lebt. Nährlösungen halte ich nicht für lebendig. Das kann nur eine Notlösung sein. Beim Fleisch ist es auch nicht anders: Die Tiere sind, was sie gefressen haben.”

Es wird sich zeigen, wie es mit der Landwirtschaft ohne Land weiter geht. Effizient ist sie allemal. Ob Hydroponik die Alternative zu normaler Pflanzenzucht sein wird, ob die Pflanzen gleich nährstoffreich sind und ob ein vollautomatisiertes System die Zukunft sein wird, ist fraglich.

landwirtschaft7_orig

Text: Vanessa Gürtler
Bilder: dryhydroponics, biolandhof-morgentau

 

Kommentare

Lass einen Kommentar

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.