Die Nacht des Unagi

kormorankampf-um-einen-hamburger-aal-4-d5a839c1-8dde-4a30-8569-262d75193e9d

Ich mochte Aal nie und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich ihn niemals mögen werde bis zu meinem bitteren Ende. Er ist glitschig, auch wenn er gegrillt ist. Er versucht aus deinem Magen zu fliehen, wenn er eigentlich schon längst tot sein sollte. Er jagt dich in deinen Träumen, wenn du es endlich geschafft hast, ihn hinunter zu schlucken. Wie dem auch sei – eine heiße und feuchte Frühlingsnacht vor Jahren in Nagoya hat meine Meinung über Aal (wenigstens für eine Nacht) verändert, über Unagi, wie die Japaner ihren Süßwasseraal nennen (Salzwasseraale sind als Anago bekannt). Nagayo ist eine Stadt in Japan, in die niemand einen Fuß setzt, außer er hat Geschäfte mit dem Autobauer Toyota zu erledigen. Der Hauptsitz von Toyota ist nahe gelegen, einige Leute behaupten sogar, Nagoya sei „Toyota Town“ (obwohl es eine Stadt gibt, die wirklich Toyota heißt).

Zurück zum Aal. Die Frühlingsnacht in „Toyota Town“ hat mich etwas näher an die Überzeugung herangebracht, dass Aal-Essen zu etwas Gutem führen kann. Dass Aal eigentlich ein ziemlich köstliches Gericht sein kann und dass dieses zu einer wahrhaft japanischen Erfahrung werden kann, jenseits japanischer Klischees. Diese Nacht lebt in meinen Erinnerungen als die Nacht des Aals (oder Unagi).

Alles fing etwas früher am gleichen Tag an. Wir sind zu dritt den Ise Jingu besuchen gegangen, den heiligsten Shintoschrein in Japan. Die Bauten dort werden nach einer alten Shintotraditon alle 20 Jahre neu gebaut. Aus diesem Grund gibt es neben jedem Gebäude des Schreins eine Freifläche für den nächsten Wiederaufbau.

Die Idee meiner zwei japanischen Freunde war, ihre leeren spirituellen Batterien aufzuladen für die kommenden Aufgaben, nämlich wie ein typischer japanischer Salaryman zu arbeiten oder die richtige Ehefrau zu finden (will heißen, eine Ehefrau, die die Fähigkeiten besitzt einen typischen Salayman als Eheman auszuhalten). Die spezielle Aufgabe für mich war – wie ich später herausfand – die Kraft zu finden, Aal in drei verschiedenen Zubereitungsarten zu essen. Wir verließen den Schrein am späten Nachmittag unter leichtem Regen, euphorisiert, mental stärker, sogar ein bisschen demütiger, schlicht: besser, als wir vorher waren. Wir zogen gen Norden, Richtung Nagoya.

unagi2

Unagi isst man in Japan an heißen Sommertagen, um Kraft für die zweite Hälfte des Jahres zu tanken. Es schien so, als ob meine Freunde ein Motto für das ganze Wochenende gefunden haben: Kraft tanken. Obwohl eigentlich die Shizouka Präfektur, besonders die Stadt Hamamatsu, bekannt dafür ist, den besten Unagi zu haben, gestehen die Leute auch der Aichi Präfektur, mit der Hauptstadt Nagoya, einen anständig gegrillten Aal zu. (Geographie spielt in Bezug auf Essen eine große Rolle in Japan). Es gibt sogar eine Nagoya’sche Art, Unagi zuzubereiten, Hitsumabushi genannt. Die Prozedur, Hitsumabushi zu essen, ist absolut einmalig (erfahre hier mehr dazu). Das Aalgericht ist in vier Portionen aufgeteilt. Die erste Portion ist ganz einfach gegrillter Aal. Bei der zweiten Portion kommen einige Geschmäcker dazu (Wasabi-Rettich, Nori-Seetang, Mitsuba-Kleeblatt usw.) Die dritte Portion ist so ähnlich wie die zweite, aber sie wird mit grünem Tee begossen. Und schließlich, als Höhepunkt von allem, wiederholt man die Kombination, die einem am besten gefallen hat.

Wir aßen unser Hitsumabushi-Festmahl in einem Restaurant, das Ibashou hieß und in dem alte Damen servieren. In dieser Nacht war der Aal nicht glitschig und er jagte mich nicht. Ich hätte es mir niemals träumen lassen, aber ich habe tatsächlich alle vier Unagi-Runden mitgemacht (und bin zum Schluss zur Grünen-Tee-version zurückgekehrt). Der Aal wurde zelebriert, genau wie unsere wieder ansteigenden Kräfte.

Wie ich später erfuhr, wurde Aal Anfang letzten Jahres vom japanischen Umweltministerium auf die rote Liste der gefährdeten Süß- und Brackwasserfische gesetzt, obwohl dieser Schritt nicht legal bindend ist. Ich mag Aal immer noch nicht. Aber irgendwie macht es mich traurig, dass es Leute gibt, denen es nicht (oder zumindest nicht so oft) gegönnt ist, nach Nagoya Aal essen zu gehen. Auf Hitsumabushi Art in einer heißen und feuchten Sommernacht.

MOD

Text(EN): Daniel Iselin
Images: fotocommunity, tokyoweekender, kushitei

Kommentare

Lass einen Kommentar

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.