Reisebericht I – Ein Park

[Dies ist Teil I eines Reiseberichts von einer Reise, die alles verbunden hat: Mensch und Natur, Kultur und Agrikultur, Individuum und Gemeinschaft, Kunst und Wissenschaft, Realität und Utopie.]

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Natürlich hat die Bahn gestreikt als ich in Neapel landete, deswegen bin ich mit dem Bus vom Stiefelschaft in den Hacken gefahren. Dort unten angekommen, fuhren die Züge wieder, vielleicht, weil dieses südliche Italien so wenig mit dem anderen Italien zu tun hat. Alles sah anders aus und fühlte sich anders an, aber es war auch nicht Marokko oder Griechenland. Es war Salento, ein spezieller italienischer Fleck der Erde, der seine Identität nur langsam den vorurteilsbeladenen Besuchern aus dem Norden offenbart. Der Zug fuhr so dicht an den Olivenbäumen vorbei, dass ich den Eindruck hatte, er und die Schienen bahnen sich gerade in diesem Moment einen Weg durch die Jahrhunderte alten Stämme im roten Sand. Die weißen Städte flogen auf ihren Hügeln am Fenster vorbei.

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Ich war auf dem Weg zur Free Home University (FHU), einer Einrichtung, die sich ebenso schwer tat mit dem Offenbaren wie ihr Geburtsort Castiglione in Salento. Ein Freund hatte mich eingeladen, an einem Programm für Künstler teilzunehmen, bei dem die Künstler auf dem Feld arbeiten würden. Zusammen mit Bauern würden sie aufgegebenen Flächen Land ihre Würde zurück geben, indem sie sich ihrer annahmen, sie pflegten und Obstbäume pflanzten.

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Das Projekt war eine Kooperation verschiedener Organisationen. Das künstlerische Resident Programm FHU, der bäuerliche Zusammenschluss Casa delle Agriculture ‘Tullia e Gino’ und die kanadische Organisation Musagetes, die die Auswirkungen künstlerischen Denkens auf verschiedene Projekte in der Welt wissenschaftlich untersucht. Die Zusammenarbeit der drei Organe erschien mir sinnvoll. Was das Aufeinandertreffen dieser verschiedenen Perspektiven aber tatsächlich bedeutete, würde ich erst in den nächsten Tagen erleben. Es war viel mehr als Feigenbäume pflanzen und doch floss alles in den Wurzeln dieser Bäume zusammen.

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Der Plan war also, einen „Parco Comune“ zu schaffen, einen Gemeinschaftspark, und ich fragte mich: ein Park von einer Gemeinschaft (uns?) oder für eine Gemeinschaft (welche?)? Aber es stellte sich heraus, dass ich die falschen Fragen stellte, wenn ich nicht zuerst nach dem Park selbst fragte.

Francesco hatte mich vom Bahnhof abgeholt und wir fuhren auf einer kleine Landstraße zwischen saftigen Feldern entlang, als ich plötzlich eine merkwürdige Truppe von Leuten rechts und links am Straßenrand arbeiten sah. Es waren Menschen von jung bis alt, jemand mit Trenchcoat, einr anderer mit Overall, wieder andere mit bunten Tüchern in den Haaren. Was alle gemeinsam hatten, waren die Handschuhe und das ruhige aber geschäftige Arbeiten, das Herumwimmeln, scheinbar ohne Absprache. Wir stiegen aus und der Geruch von Fenchel stieg mir sofort in die Nase. Die Straßenränder waren voll von wilden Kräutern. Wo ist der Park, fragte ich und bekam als Antwort die erste gewaltige Erweiterung meiner Wahrnehmung, was dieses Projekt anging. „Parco“, erklärte mir Luigi Coppola, Initiator des Ganzen, sei nicht so einfach ins Englische zu übersetzen. Der Begriff bezieht sich weniger auf eine Fläche als auf einen Raum, einen gemeinsamen ideellen Raum, einen Gedankenraum von vielen. In diesem Parco kann man sich treffen und aufhalten, mental oder physisch, um zusammen Ideen zu entwickeln, umzusetzen, zu leben. Aber natürlich ging es bei uns auch um Fläche, nur dass diese Fläche viel schöner war als ein gewöhnlicher Park. Denn sie war so sinnvoll.

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Aufgegebenem Land die Würde zurückgeben hieß in unserem Kontext nicht, einen verwilderten Park wieder nutzbar zu machen. Es hieß vielmehr Plätzen, die wir vergessen haben, obwohl sie uns jeden Tag umgeben, die in unserer Wahrnehmung keine Rolle spielen außer vielleicht als bequeme Mülldeponie – diesen Plätzen hieß es die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie verdient haben. Unser Parco also, bestand aus den ca. vier Meter breiten Straßenrändern einer Landstraße und war ungefähr ein Kilometer lang. Er umfasste aber auch noch insgesamt 22 ha weitere Flächen solcher Art, die von Guerilla-Bauern erst gesäubert und dann bepflanzt wurden.

Jeder, der in unseren Park kam – mental oder physisch – stellte sich die Frage: How do we want to live? Und dies war auch die Titelfrage des ganzen Projekts. In der nächsten Woche sollte sie einen traumhaft schönen Raum bekommen. Wir würden pflanzen und sprechen und das Unaussprechliche zwischen uns ruhen lassen.

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Text und Bilder: Theresa Patzschke

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