Reisebericht II – Zwei Gärten

[Dies ist Teil II eines Reiseberichts von einer Reise, die alles verbunden hat: Mensch und Natur, Kultur und Agrikultur, Individuum und Gemeinschaft, Kunst und Wissenschaft, Realität und Utopie.] zu Teil I

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Wir waren alle in einem kleinen Dorf in Süditalien, in Castiglione. Wir waren Bauern, Künstler, Wissenschaftler, Schriftsteller und ich und wir stellten uns die Frage: How do we want to live? Diese Frage würde nicht einfach zu beantworten sein, vor allem wegen der anderen Fragen, die im Zuge dessen aufkamen. Es war klar, dass es auf einige keine Antworten gab (z.B. warum wir (hier) waren) und dass es umso wichtiger war, in einen Dialog zu treten.

Wir arbeiteten in einem Park, in dem viel passierte in dieser Woche. Unter anderem entstanden zwei Gärten. Sie nahmen einen mit und führten beide zu der gleichen Frage, die nur anders aussah, weil man sie aus zwei verschiedenen Perspektiven anschaute.

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Orto sinergico (synergetischer Garten)

Der synergetische Garten ist ein mit Stroh bedeckter Wall, hufeisenförmig angelegt. Er ist einen halben Meter hoch und hat ungefähr einen Meter Durchmesser. Sein Prinzip: Erde und Pflanzen sind ein einziger Organismus. Ziel: Den Garten so organisieren, dass der Boden funktionieren kann wie in der freien Natur. Die Erwägungen dahinter, praktisch und nicht esoterisch back-to-nature. Je weniger man die Erde stört, desto mehr Diversität und Interaktionen gibt es in ihrer Masse, desto gesünder die Pflanzen, desto weniger Probleme.

Synergien entstehen zwischen Boden und Pflanzen und zwischen den verschiedenen Pflanzen. Zwiebeln oder Knoblauch schützen Salatköpfe zum Beispiel vor Schädlingen, deswegen pflanzt man sie gemischt. Die Wurzeln der Salatköpfe (die nach der Ernte in der Erde bleiben) helfen den Zwiebeln wiederum nach der nächsten Saat. Tomaten funktionieren gut neben Koriander und Basilikum, zumal die Kräuter auch schon im Beet Aroma an die Tomaten abgeben. Orangene Kalendulablumen locken Bienen an. Der Wall selbst – oder ein Feld von Wällen, wenn man weiter denkt – schützt vor Erosion und das Stroh auf den Wällen macht das gleiche im kleinen. Solche Wälle sind voll von Organismen, die chemischen Dünger überflüssig machen und gar keinen vertragen würden.

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Wild Garden (wilder Garten)

Der wilde Garten ist nicht wild und auch nicht kultiviert. Wir haben einige dominante Dornenranken von dem Streifen neben der Straße entfernt, Hölzer aus den Gräsern gesammelt, große Steine weggeräumt und Plastikfolien aus der Erde gezogen. Mulden, die dabei im Boden entstanden oder schon da waren, wurden mit fruchtbarer Erde aufgeschüttet. Dort pflanzten wir  Kräuter ein und Blumen, die wir an verlassenen Feldrändern fanden. Es entstand auch eine „Skulptur“, ein Steinhaufen, der aus einer beschädigten Mauer zu fließen schien. Auch er bekam ein bisschen Erde und ein paar Lupinensamen zwischen seine Steine. Am Ende des Sommers würde man nicht mehr sehen, was angepflanzt wurde und was wild wuchs und trotzdem war alles gestaltet. Schönheit, das ist es, was der wilde Garten ausdrückt. Mehr braucht er nicht zu tun, um sinnvoll zu sein, und tut es dennoch, wenn er nach der Grenze zwischen Natur und Kultur fragt. Aber diese Frage muss noch nicht mal ausgesprochen werden. Man fühlt sie, schmeckt sie und riecht sie, wenn man durch den Garten läuft, der auch Straßenrand ist, und sich von der Nase leiten lässt, von angebauten Kräutern zu wilden Gräsern, Kräutern und Früchten. Und wenn man all das probiert.

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Wo ist die Grenze zwischen Natur und Kultur fragen die beiden Gärten also. Der synergetische Garten entstand auf Initiative der Bauern in der Gruppe. Er stellt die Frage aus einer Perspektive, die auf Produktivität ausgerichtet ist. Wie kann man der Natur am meisten gerecht werden, wie kann man ihr gleich werden, um zum Schluss den besten Ertrag zu bekommen? Der wilde Garten kam aus dem Künstler-Lager und fragte ziellos. Und dennoch war ihm eine Produktivität eigen, eine künstlerische Produktivität. Kunst produziert immer, sie stellt Momente her, die nicht messbar sind und nicht bezahl- oder beschreibbar – ähnlich wie der wilde Garten.

Egal jedenfalls, aus welcher Perspektive man die Frage nach Natur und Kultur stellt, hat sie andere im Schlepptau: Gibt es eigentlich eine Grenze zwischen beidem? Gibt es überhaupt noch Natur und was ist unsere Rolle bei dem Ganzen? Wegen genau dieser Fragen war es wichtig in einen Dialog zu treten und Synergien zu bilden, zwischen uns und der Erde und zwischen der Kunst und der Landwirtschaft. Und dann würden wir es herausfinden: That’s how we want to live.

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Die wenigsten wissen, dass es auch noch einen dritten Garten in Castiglione gibt. In der Nacht kann man dort manchmal Gestalten sehen. Alte Gemäuer. Regionaler Grappa. Ausdruck von Hochkultur. Keine Fragen.

Text und Bilder: Theresa Patzschke

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