How about Lunch? Eine wissenschaftliche Studie zum Mittagessen

restaurant-reservoir-dogs-1992-01-g

Mittagessen ist ein komisches Phänomen, wenn man es psychologisch betrachtet. Wenn ich mittags in Mitte herum laufe, auf Nahrungssuche, begegne ich zahlreichen anderen Suchenden. Man kann sie in mehrere Gruppen aufteilen.

Es gibt die Einzelgänger – den Blick nach Innen gekehrt, blass, scheinbar verwandt mit über- oder unterirdischen Geistern. Sie essen alleine, in Restaurants oder Parks aber sie sind nicht wirklich dort, wo sie sitzen.

woman-dining-alone-646

Dann gibt es die Pinguine, die sich von den Geistern kaum unterscheiden, außer dass sie in Gruppen unterwegs sind und sich in regelmäßig geformten Pulken bewegen. Sie essen zusammen und zahlen zusammen und laufen in einer Geschwindigkeit, die weder zu schnell, noch zu langsam ist. Das Zwischenmenschliche hat sich in der Zeit der Kollegenschaft auf etwas mehr als auf das Notwendige und etwas weniger als das wirklich Vertrauliche eingependelt.

Eine weitere Gruppe sind die Insulaner, die sich – sofern sie nicht sowieso in Ferien sind (also Studenten, Arbeitslose oder Schriftsteller sind) – ihre persönlichen Mittagsinseln schaffen. Sie treffen sich mit Freunden, Angehörigen, Liebhabern oder Flirts und sie hören sie tatsächlich, die Musik, die beim Italiener läuft. Sie wählen bedächtig aus der Speisekarte aus, genießen danach sichtlich und werfen beim Lachen ihre Haare in den Nacken.

bright-lunch-on-the-beach copy

Im krassen Gegensatz dazu steht eine Spezies, die man auf den Straßen nicht antrifft, aber von der man weiß, dass sie existiert. Es sind die Workaholics. Sie holen sich ein Sandwich und essen ihn vor dem Computer auf. Es sind diejenigen, die ein wichtiges Projekt auf dem Schreibtisch liegen haben, ein Baby, dass sie nicht so lange alleine lassen können. Dabei geht es nicht nur um die Dauer oder die räumliche Entfernung, sondern auch um die mentale Entfernung. Beim Essen starren sie auf den Bildschirm, damit sicher gestellt ist, dass kein Gedanke vom Vormittag verloren geht. Und auch, damit das Gehirn ein wenig weiterarbeitet solange der Rest von ihnen isst. Wir wissen, dass sie existieren, denn – geben wir es zu – wir waren auch schon mal einer von ihnen.

Glücklicherweise hat sich eine Gruppe von Wissenschaftlern in einer Studie dem Mittagessen angenommen und das bewiesen, was schon alle wissen. Die Studie ist sehr interessant. Sie beschäftigt sich mit der Frage, ob übliche Essenssiuationen kognitive und emotionale Prozesse beeinflussen, und betrachtet dafür die letzten beiden unserer vier Typen. Die Hälfte der Versuchsteilnehmer ging in ein Restaurant essen, wo sie sich mit viel Ruhe eine Insel aufbauen konnten. Die Teilnehmer der anderen Hälfte aßen jeweils alleine in einem undekorierten Büroraum am Schreibtisch und hatten 20 Minuten Zeit. Vor und nach dem Essen mussten einige Aufgaben gelöst werden.

Westminster Hall Lunch

Interessant war vor allem die Auswahl der Teilnehmer: „Thirty-two women were assigned in equal numbers to the experimental or control group. Women were selected as participants to simplify the procedure and the interpretation of results.“ Und sinnvoll waren die Anweisungen vor Versuchsbeginn: „Participants were advised to have enough sleep in the nights preceding the test sessions and not to consume unusual amounts of alcohol in the evening before the test.“ Scheinbar haben sich alle Teilnehmer daran gehalten, jedoch musste eine Dame von der Studie ausgeschlossen werden, weil sie weniger als 60% ihres Tellers aufaß. Manchmal muss die Wissenschaft hart sein, um ihre Ziele zu erreichen.

Herausgefunden und bewiesen haben die Forscher letztendlich anhand verschiedener Messungen der Gehirnströme, dass diejenigen, die in Gesellschaft und einem guten Restaurant essen, danach entspannter sind. Sie sind auch weniger empfindlich, was eigene Fehler oder die von anderen angeht, sprich: Sie haben gute Laune. Und gute Laune ist (glaubt man einer anderen Studie) gut für Kreativität. Dafür schneiden Workaholics nach dem Essen bei der Bewältigung von kognitiven Aufgaben deutlich besser ab als Restaurantgänger und reagieren wiederum ziemlich intensiv darauf, wenn sie doch einen Fehler machen. Sie stehen unter Strom.

stock-footage-ms-lockdown-two-businessmen-having-a-business-lunch-while-both-using-their-mobile-phones

Nichts also, das wir nicht schon wussten und trotzdem bleiben einige Fragen offen. Die Wissenschaftler wollen ihre Forschungen fortsetzen und stellen in Aussicht, eines Tages vielleicht Mittagessen-Situationen in Kantinen kreieren zu können, die auf die spezifischen Arbeitsanforderungen der Mittagesser zugeschnitten sind. Dies könnte in etwa so aussehen: Anwälte, BWLler und Mathematiker würden einzeln in kleine Zellen gesperrt werden, aus denen zur Sicherheit alle spitzen Gegenstände entfernt würden. Künstlern, Musikern und Architekten würden bei Live-Musik Trauben und saftiges Fleisch gereicht werden. Es würde viel geflirtet und die Haare in den Nacken geworfen werden.

Wir finden: Die wissenschaftliche Sicht der Dinge ist interessant aber einseitig. Sorgen wir lieber dafür, dass BWLler kreativer werden, vielleicht wäre die Welt dann besser. Und sperren wir die Künstler in traurige Räume, denn ohne Leid, keine gute Kunst.

Text: Theresa Patzschke
Quelle: Sommer W, Stürmer B, Shmuilovich O, Martin-Loeches M, Schacht A (2013) How about Lunch? Consequences of the Meal Context on Cognition and Emotion.PLoS ONE 8(7): e70314. doi: 10.1371/journal.pone.0070314
Bilder: prakhsis, bonappetit, pictilio, snellsoftware

Kommentare

Lass einen Kommentar

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.