Taste of Data, eine Liebesgeschichte

Eine Liebesgeschichte

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Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Das wissen auch Vesela und Veronika und haben deswegen eine ganz neue Art von Datenvisualisierung entwickelt. Sie geht durch den Magen. Die beiden Künstlerinnen beschäftigen sich mit Statistiken und backen sie. Oder kochen sie.

Die Arbeitslosenrate in Linz von 2003 bis 2011 wurde beispielsweise durch verschiedene Linzer Kuchen dargestellt. Je höher die Zahl der Arbeitslosen, desto weniger Marmelade im Teig. Auch die anderen Zutaten waren von Datenmengen abhängig, zum Beispiel von der Geburtenrate oder der Ausländerprozentzahl. So wurden die Zustände der Stadt in den jeweiligen Jahren durch den Gaumen erfahrbar gemacht. (Mit fast nur Wasser im Teig muss 2008 wohl grässlich gewesen sein.) 90% von dem, was wir wahrnehmen, nehmen wir über die Augen auf „dabei ist es viel intimer, wenn wir etwas essen“, so Vesela.

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Das ganze Projekt entstand, weil Vesela verliebt war, sehr verliebt. Sie hätte ihn vom Fleck weg geheiratet aber er hat wohl aus irgendwelchen Gründen, (die nicht unbedingt für ihn sprechen) nicht begriffen, was für eine tolle Frau sie ist. Er wollte es sich überlegen und nahm sich dafür neun Monate Zeit. In dieser Zeit weinte Vesela viel, sehr viel. Sie trug einen großen Schmerz mit sich herum und darüber können wir heute sehr glücklich sein. Wie gesagt ist sie eine tolle Frau und sie wollte ihren Freunden, als sie Liebeskummer hatte, nicht zur Last fallen. Deswegen fing sie an, eine Art Tagebuch zu schreiben, in dem sie ihre Gefühlslage in Parametern festhielt. Wann trank sie ihren ersten Kaffee am Tag? Wie viel weinte sie (0 – 4 Tränen)? Welche Musik hörte sie? Auch Gedichte und Zitate, die ihre Stimmung widerspiegelten, schrieb sie auf. Aus rein praktischen Erwägungen führte sie das Tagebuch digital, auf einem Blog, zu dem nur sie Zugang hatte. Das erlaubte ihr, sich selbst auf Google Analytics zu verfolgen und auf eine weitere Weise ihre Frustration zu messen: Wie viel Zeit pro Tag verbrachte sie auf dem Blog?

Nach neun Monaten war die Tortur vorbei, weil eine Entscheidung gefallen war, auch wenn es nicht die war, die sie sich erhofft hatte. Zu diesem Zeitpunkt entschloss sie, einen Designmaster zu machen und zog nach Linz. Sie hatte es nicht für möglich gehalten, aber dort traf sie einen Mann, der ihr noch viel besser gefiel als der erste. Auch sie gefiel ihm (was eigentlich nicht sehr überraschend ist) und so entschieden sich die beiden füreinander, ohne viel überlegen zu müssen. Das hatte viele Vorteile, zum Beispiel, dass er eine großartige Mutter hat, wie sich schnell herausstellte.

Trotz allem hatte sie das Gefühl, dass sie irgendetwas tun müsste, um mit der alten Geschichte abzuschließen, um sie ganz begraben zu können. Sie hatte ja noch diese ganzen Daten über ihre Tränen, die digital waren und deswegen nicht brennbar (zum Glück, denn das hätte ziemlich profan werden können). Was also tun damit? Weil Vesela wollte, dass die Geschichte wirklich verdaut würde, gab sie sie ihren Freunden zu essen.

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Der Prozess: Vesela machte eine kleine Performance draus, ein Ritual, das sie durchschreiten musste, um danach von allem gereinigt zu werden. Es sollte ein richtiger Reinigungsprozess werden. Sie übersetzte jeden der 120 notierten Tage ihres Passionswegs in ein eigenes Muffinrezept. An einem Abend machte sie sich dann in einer kleinen Galerie daran, Muffin für Muffin zu backen und an die geladenen Gäste zu verteilen. Es gab immer nur einen Muffin pro Rezept. Dabei war Vesela in Trance, wie eine Verrückte. Die (wenigen) perfekten Tage ergaben perfekte Muffins, bei allen übrigen waren die Zutaten modifiziert: Je mehr Tränen, desto weniger Kakao, je schlechter die Laune, desto weniger Eier, je länger die verbrachte Zeit auf dem Blog, desto größer die Reduktion des Mehls. Zum Schluss und nach stundenlanger Performance backte sie nicht alle der 120 Tage. Es war nicht nötig. Sie setzte sich zu ihren Freunden ins Publikum und probierte mit ihnen zusammen. Es gab viel Diskussion: Was mag wohl an welchem Tag passiert sein und schmeckt Leid eigentlich immer schlecht oder einfach nur anders? Das war Taste of Data No 1.

Das war 2012. Inzwischen ist Taste of Data ein laufendes Projekt, das gerade erst mit dem Gabriele-Heidecker-Preis 2014 ausgezeichnet wurde. Als letztes haben die Künstlerinnen die Korruptionsrate verschiedener Länder in Würsten dargestellt. Gerade bei diesem Projekt wird das Potential von Essen als Darstellungsmethode besonders deutlich. Korruption ist eine Sache, von der man weiß, dass sie existiert. Aber wie misst man sie? Ergebnisse enthalten immer einen gewissen Dunkelfaktor. Ähnlich ist es bei der Wurst. Wenn man reinbeißt, weiß man einfach nie so ganz genau, wie viel Pferdefleisch oder Toilettenpapier untergemixt ist. Vesela und Veronika lassen uns die Unterschiede schmecken.

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Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Aber man sieht auch nicht nur mit dem Herzen gut. (Im Gegenteil.) Am besten sieht man mit der Zunge, dem Gaumen, der Nase und dem Magen.

Text: Theresa Patzschke

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