Wenn der Zeitgeist Hunger kriegt:
Trinkbare Mahlzeiten

Dass Menschen schon seit Jahren Nahrung in flüssiger Form zu sich nehmen, seien es nun Smoothies, Protein-Shakes oder Diät-Säfte, dürfte im kollektiven Ernährungsbewusstsein endgültig angekommen sein. Seine Ernährung jedoch komplett auf trinkbare Mahlzeiten umzustellen, ist ein Konzept, welches immer mehr an Popularität gewinnt und sich beunruhigend gut in das Bild des modernen, globalisierten Leistungsmenschen fügt. Das amerikanische Soylent und das finnische Ambronite wollen mit ihren „drinkable meals“ die Essgewohnheiten des Menschen der näheren Zukunft revolutionieren, verfolgen dabei aber zwei recht verschiedene Ansätze.

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Bei wem bei dem Wort Soylent etwas klingelt, der wird wohl die Science-Fiction Dystopie Soylent Green aus dem Jahr 1973 gesehen haben. Im Gegensatz zu dem Film besteht der Drink, den der amerikanische Softwareentwickler Rob Rhinehart erfunden hat, allerdings nicht aus Menschen. Dystopisch mag das Konzept dem durchschnittlichen Feinschmecker wohl dennoch erscheinen, denn geboren wurde die Idee aus Rhineharts Frustration über den Aufwand der Nahrungszubereitung. Zu kompliziert, zu teuer, zu zeitraubend, mit anderen Worten: Er wollte nicht mehr essen müssen.

Daraus entwickelte sich der Gedanke, dass Essen letzten endes ja nur eine Methode sei um an das heranzukommen, worum es dabei wirklich geht: die Inhaltsstoffe, also Vitamine, Calcium, Proteine etc. In Rhineharts Augen eine ineffiziente Methode. Also begann er, zu recherchieren und sich intensiv mit der biochemischen Zusammensetzung einer optimalen Ernährung auseinanderzusetzen. Heraus kam eine Liste von 35 Stoffen, die der menschliche Körper zum Überleben braucht. Diese brauchte er sich nur noch aus dem Internet zu bestellen, sie zu vermischen und mit Wasser aufzugießen, und fertig ist das Mittagessen. Die beige, dickflüssige Masse, die dabei herauskam, war in ihren Grundzügen schon genau das kommerzielle Produkt, welches man seit Mai 2014 über die Website des Entwicklers bestellen kann. Ein Jahr lang testete Rhinehart den Shake an sich selbst und stellte fest, dass er sich nun gesünder fühle und gleichzeitig abgenommen hat. Zudem liegt das Ganze mit monatlichen Kosten um die 100€ deutlich unter dem, was man normalerweise für Essen ausgibt.

Soylent 1.0 lässt sich in Paketen für ein, zwei oder vier Wochen bestellen. Dabei entspricht ein Beutel Soylent-Pulver ungefähr 3 Mahlzeiten. Die Zubereitung ist denkbar einfach: Pulver in einen Pitcher füllen, mit Wasser bis obenhin auffüllen, ein spezielles, mitgeliefertes Öl dazugeben, schütteln und fertig. Der Shake enthält nun all das, was man sich normalerweise durch mühsames, zeitraubendes Essen einverleiben müsste: Kohlenhydrate, Proteine, Calcium, Eisen, Magnesium, Vitamin A, B6, C, D, E, K, Omega-3-Fettsäuren, Zink und vieles mehr.

Auch wenn dieses Konzept der Ernährung inzwischen viele Anhänger gewonnen hat, dürfte der Gedanke sich von einem Chemie-Cocktail zu ernähren, auf die Meisten immer noch recht gruselig wirken. Die Finnen vom Start-Up Projekt Ambronite, versuchen mit ihrem „organic, real food drinkable meal“ der amerikanischen Konkurrenz eine gesünder klingende, Bio-Variante entgegenzusetzen. Denn für ihren Drink werden tatsächlich echte Nahrungsmittel verwendet, welche ebenfalls in Pulverform geliefert werden.

In einem Beutel, der einer Mahlzeit entspricht, finden sich so zum Beispiel verschiedene Nüsse und Beeren, Getreide, Spinat oder auch Äpfel. Nach Angaben des durch Crowdfunding finanzierten Unternehmens enthält eine Ambronite-Mahlzeit die Vitamine A, D, E, K, C, B1, B2, B3, B6, B9, B12, B7, B5, sowie alle 14 lebenswichtigen Mineralien. Außerdem ist es vegan, glutenfrei und kommt ohne jegliche künstliche Zusätze aus. Das Konzept scheint einen Nerv zu treffen. Ambronite erreichte bereits nach einer Woche das angepeilte Ziel von 50.000$ auf der Crowdfunding-Platform Indiegogo. Mit 102.000$ ist es mittlerweile das erfolgreichste Crowdfunding Produkt im Bereich Lebensmittel. Die ersten Lieferungen sollen September 2014 rausgehen.

Besucht man die Websites der beiden drinkable meals, offenbart sich trotz der zwei verschiedenen Ansätze ein gemeinsamer Leitgedanke. Unter der Frage „Why Soylent?“, stehen die drei Header: Time – Money – Nutrition. Auf der Website von Ambronite wird der Drink so präsentiert: „Ambronite goes where you do; Home, office, in your bag and on your travels and outdoor adventures.“ Die beiden Produkte richten sich offensichtlich an den überarbeiteten, gestressten Großstädter, der nicht einmal mehr die Zeit zum Essen findet. Dass sich diese Form der Ernährung auch zur Bekämpfung von Hunger einsetzen lassen könnte, wird nirgendwo erwähnt.

„Free your body“, der offizielle Slogan von Soylent, mag angesichts der Tatsache, dass man seinen Körper von einer der sinnlichsten Erfahrungen, nämlich dem Essen, befreien soll, recht zynisch erscheinen. In diesem Punkt deckt sich der Shake dann doch wieder mit seinem dystopischen Namensgeber: Effizienz vor Genuss, Zeitmanagement vor Gemütlichkeit, Kalkül vor Geselligkeit. Da bleibt noch nicht mal Zeit für einen anständigen Burger.

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Text: Marlon Schröder 
Bilder: Commons, ctvnews, womenshealth, baby.at

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