Curry und Paprika:
Eine deutsche Obsession

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Deutsche Küche. Gewürztechnisch bedeutet das: Salz, Pfeffer, Petersilie, Dill, Schnittlauch etc. Zumindest auf den ersten Blick scheint unsere heimische Küche nicht gerade von extremen Aromen geprägt zu sein. Auf den zweiten Blick muss man jedoch feststellen, dass sich neben den gängigen importierten Gewürzen und Kräutern wie Oregano oder Rosmarin, insbesondere zwei so sehr in den Vordergrund gespielt haben, dass man sie eigentlich getrost zur deutschen Küche dazu zählen kann. Curry und Paprika, beides zumeist in Pulverform. Vom Salat übers Rührei bis zur Pasta gibt es nichts, an dem die Gewürze nicht schon ausprobiert worden wären. Hier ist natürlich die weltberühmte Currywurst zu nennen, die sogar zu einem Streit zwischen Berlin und Hamburg führte, die beide von sich behaupten, Geburtsort dieses kulinarischen Meilensteins zu sein. Wie also konnten sich Curry und Paprika so dominant bei uns durchsetzen und dabei dem typisch deutschen Geschmack doch so entgegengesetzt sein?

Am besten fängt man mit einem weit verbreiteten Irrtum an. Das, was in der deutschen Küche als Curry verstanden wird, also das Currypulver, ist eigentlich eine Abwandlung des indischen Masalas. Masala wiederum ist eine Gewürzmischung, die zur Zubereitung von verschiedenen Curries verwendet wird. Das Curry selbst ist in Indien eine Art Soße, in die sowohl Fleisch, Fisch als auch Gemüse oder Käse eingekocht werden kann. Von dem Masala-Pulver gibt es unterschiedliche Variationen. Eine davon ist unser europäisches Curry-Pulver. Es enthält meistens Kurkuma (gelbe Farbe), Koriander, Pfeffer, Kreuzkümmel, Cayennepfeffer, Kardamom, Ingwer, Safran, Zitronengras.

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Britische Kolonialherren kamen im Indien des 18. Jahrhunderts auf den Geschmack und passten die Mischung dabei schon weitgehend an den eher gemäßigten europäischen Geschmack an. Eines der berühmten indischen Streetfood-Curries hätte wohl damals wie heute auch dem wagemutigsten Briten die Sinne geraubt. Von England aus verbreitete sich die neuentdeckte exotische Würze kontinuierlich durch den Rest Europas. Während das Curry in England bald zum Nationalgericht avancierte, brauchte es in Deutschland noch eine Weile, bis es sich wirklich im Geschmacks-Mainstream etablieren konnte. 1949 begann die Berlinerin Herta Heuwer in ihrem Charlottenburger Imbiß Bratwürste mit einer Soßenmischung aus Tomatenmark, Currypulver und Worcestershiresauce zu verkaufen, die sie sich 1959 unter dem Namen „Chillup“ beim Berliner Patentamt als geschützte Marke sichern ließ. Zumindest geht so die Legende und sie scheint glaubwürdig genug zu sein, eine Gedenktafel zu ihren Ehren am Standort ihres alten Imbiß anbringen zu lassen.

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Das gab den Startschuss für die immernoch ungebremste Begeisterung der Deutschen für exotische, intensive Gewürze. Die Currywurst konnte sich über Jahrzehnte als die unangefochtene Nummer Eins der deutschen Imbiß-Landschaft behaupten. Heutzutage ist es nicht unüblich, eine Currywurst auch mit einer Prise Paprikapulver zu würzen, was uns zum nächsten Lieblingsgewürz der Deutschen führt.
Sucht man auf der Rezepte-Platform Chefkoch.de nach dem Begriff „Paprikapulver“, erhält man über 25.000 Ergebnisse. Über Nudelsalat, Brathänchen, Eier-Muffins und Nacho-Käsedip, erstreckt sich die Liste über so ziemlich alles, was man weitestgehend unter der Kategorie „Essen“ verbuchen kann. Ursprünglich heimisch in Mittel- und Südamerika, wurde das Gemüse im 15. Jahrhundert durch Christoph Kolumbus nach Spanien gebracht, von wo aus es seinen Siegeszug durch Europa startete. Besonders kultiviert wurde die Paprika in Ungarn, wo Paprikapulver als günstiger Pfeffer-Ersatz genutzt wurde. Dafür, dass die Deutschen heutzutage in fast schon exzessivem Ausmaß mit Paprika würzen, hatte die Schote einen ziemlich schweren Start in Deutschland. Erst seit der Nachkriegszeit wird sie in der deutschen Küche verwendet.

Wieso erfreut sich Paprika als Gewürz so großer Beliebtheit? Fehlender Pfeffer wird es wohl nicht sein. Immerhin, Paprika ist sehr gesund. Sogar in dem Pulver sind viel Vitamin C, Capsaicin, Zink, Kalzium und Carotin enthalten, was heißt, dass es durchblutungsfördernd wirkt und die Darmtätigkeit anregt. Allerdings scheint das Kriterium Gesundheit bei der Entwicklung des typischen deutschen Nudelsalates nicht das entscheidendste gewesen zu sein. Jeder weiß das, der schon einmal einen gegessen hat. Fragwürdig ist aber auch, in wie weit Geschmack ein Kriterium war. Jeder weiß das, der schon einmal einen gegessen hat.

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Ist es nun also Zufall, dass beide Gewürze kurz nach dem zweiten Weltkrieg an Popularität gewannen? Vielleicht sehnten sich die Menschen nach etwas Neuem. Nach etwas Exotischem, dass über den Gaumen in andere Welten entführen konnte, weg von Ruinen und Verlusten. Und vielleicht wurde dann aus der anfänglichen Begeisterung über die Jahre auch Gewohntheit und alte Gewohnheiten sind schwer zu ändern. Und so wurden aus den Exotik-Pulvern Gewürze vertrauter deutscher Heimischkeit.

Bilder: streetcuisine, only-apartmentschefkoch

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