Kochen. Was es uns bedeutet.

Siemens fand heraus, dass uns eine tolle Küche mittlerweile wichtiger ist als ein schicker Wagen. Die einstige Domäne der Hausfrau läuft dem männlichen Statussymbol Auto den Rang ab. Hausarbeiten erleben seit einigen Jahren nämlich ein richtiges Revival. Der Großstädter pflanzt, strickt und kocht – und ist dabei ganz am Zahn der Zeit. Vor allem das Kochen genießt eine besondere Aufmerksamkeit. Vielleicht weil jeder mit dem Ergebnis etwas anfangen kann, denn essen müssen wir alle.

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Aber was fasziniert am “Essen machen”? Welche Anziehungskraft übt es aus und fesselt uns trotz Zeitoptimierung und Nahrungsergänzung für Stunden an den Herd?

Wer beruflich seine Hände vorwiegend zum Tippen von Zahlen und Buchstaben verwendet, dem mag es ein Genuss sein, endlich etwas Handfestes zu berühren. Ähnlich wie bei der Gartenarbeit geht es beim Kochen so richtig ans Eingemachte. Wir schnippeln, kneten, rühren, stampfen und klopfen. Wir weinen vor Zwiebelschärfe und vor Freude über ein Außen-kross-innen-zart. Wir decodieren Rezepte und jubeln, wenn es aussieht wie auf dem Bild. Für diesen Moment haben wir die volle Kontrolle, vor allem über das, was in den Magen kommt. Was wäre die Arbeit nur, wenn sie nicht zielführend ist. Und wie befriedigend ist es, wenn das Ziel so klar vor Augen ist, nämlich direkt vor uns auf dem Teller.

Wo uns die Arbeit mit repetitiven, schwer nachvollziehbaren Teilvorgängen anödet, gibt uns das Kochen die Möglichkeit auf eigene sinnvolle Projekte; von der Planung zur Produktion bis hin zur Endabnahme. Die Belohnung steht uns nicht als abstrakte Zahl am Monatsende zu, sondern augenblicklich als sinnliche Einverleibung.

Für einige mag auch die entschleunigende Wirkung des Kochens attraktiv sein. Gegen den Strom trotzt sie allen zeitsparenden Erfindungen wie Lieferservices und Mikrowellenessen. Wenn sich in der Welt alles schneller dreht, tut es gut, einfach mal langsam und ineffizient zu sein. Genervt sind wir, wenn eine Internetseite nach einem Wimpernschlag immer noch nicht geladen ist. Aber vor dem Ofen kann so mancher mit Engelsgeduld zusehen, wie der Käse in Zeitlupe vor sich hinschmilzt. Bei Gerichten, wo jeder Handgriff sitzt, kann das Kochen sogar zur meditativen Übung werden. Der Kopf wird frei und kann sich erholen, alle Bewegungsabläufe laufen wie von selbst. Stundenlanges Kochen, bei dem das Ergebnis innerhalb weniger Minuten leidenschaftlich vernichtet wird, zeigt uns auch das: Lebensqualität lässt sich nicht rationalisieren.

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Wo der Alltag entschleunigt wird, ist die Rückbesinnung auf essentielle Werte nicht fern. Wer sich im Großstadtdschungel zwischen Hotspots und Places to be verirrt, möchte mal wieder den Wald trotz lauter Bäume sehen. Dann gehen wir sonntags spazieren, essen Äpfel aus der Region oder laden zum geselligen Familienessen ein. Man sehnt sich nach Werten, als die Welt noch in Ordnung und verständlich war. Wir können mit dutzenden von Personen gleichzeitig in Kontakt sein, doch nur mit einer Handvoll gute Tischgespräche führen. Gleichzeitig setzen wir uns, mal mehr, mal weniger freiwillig, mit unserer Ernährung auseinander – und werden neben der sozialen auch für die ökologische Umwelt sensibel.

Damit rückt wieder ein Gut ins Zentrum, dass Fast Food und Snack to go mit erhobenem Kochlöffel sagt: Kochen lehrt dich Respekt vor Mensch und Natur und ist einer der ältesten und wertvollsten Kulturtechniken, die wir besitzen. Schäm dich, es nicht zu bewahren!

Es gibt eine Menge gute Gründe, warum Kochen uns (wieder) soviel bedeutet. Jeder hat seine persönliche Motivation, auf eine gute Küche Wert zu legen. Und wer ein Vermögen in seine Küche investiert ohne sie jemals ernsthaft zu benutzen: Macht nichts, es gibt weitaus unsympathischere Statussymbole.

Text: Dieu-Thanh Hoang
Bilder: entretantomagazine.com, flickr

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