Apfelmeditation

Apfelkuchen, Apfelmus – und Achtsamkeit

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Mit dem Herbst kommt die Saison des Lieblingsobstes der Deutschen, die Apfelzeit. Sie bietet eine famose Gelegenheit für Apfelkuchen, Apfelmus – und Achtsamkeit. Nach Thich Nhat Hanh, einem buddhistischen Zen-Meister und Verfechter der Achtsamkeit, eignet sich ein Apfel nämlich bestens, um in die hohe Kunst der Meditation einzusteigen. Wer nach spirituellen Erlebnissen sucht, muss keine Mantras fernab der Zivilisation singen. Es reichen – wie es sich für den asketischen Minimalismus gehört – ein bisschen Zeit und natürlich ein Apfel.

Hat man den Apfel in der Hand, beißt man nicht sofort hinein. Denn die Meditation beginnt mit der bloßen Beobachtung – und zwar bei sich selbst. Bin ich bereit, diesen Apfel zu genießen? Kann ich, während ich diesen Apfel esse, ihm meine volle Aufmerksamkeit schenken? Bin ich in der Lage, mich auf einen einfachen Apfel zu konzentrieren? Das kann manchmal schwieriger sein, als es sich anhört. Vor allem wenn man alleine isst, neigt man dazu an alles Mögliche zu denken. Ein paar Mal bewusstes Ein- und Ausatmen hilft sich zu sammeln und den geistigen wie sinnlichen Blick voll auf den Apfel zu richten. Wie sieht der Apfel aus? Was für eine Farbe hat er? Wie fühlt er sich in der Hand an, ist er glatt, rau, hart? Ist der Apfelstiel noch dran? Wie sah es wohl aus, als er noch am Baum hing? Wurde der Apfel ausreichend inspiziert, sollte das Gehirn nun genügend Signale erhalten haben, um zu wissen: Gleich gibt es etwas zu essen. Der Mund produziert daraufhin Speichel und bereitet sich auf die nächste Meditationsphase vor. Geist und Körper sind nun eins.

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Es folgt der erste Biss. Sämtliche Sinneswahrnehmungen, die über Zunge und Mund registriert werden, gilt es nun mit dem Verstand zu analysieren. Ist der Apfel saftig, mehlig oder knackig? Wie schmeckt er, wie ist sein Aroma? Ist er sauer, süß, gar beides? Einen Apfel mit soviel Bedacht zu genießen, führt unwillkürlich dazu sehr viel langsamer zu essen und lange zu kauen. Das fördert nicht nur die meditative Achtsamkeit beim Apfelverzehr, sondern bekannterweise auch den Magen bei der Verdauung. Denn je kleiner der Apfel zerteilt wird, desto mehr Angriffsfläche haben Enzyme, um sie in noch kleinere Bestandteile zu zerlegen. Durch langes Kauen kann der Körper effizienter Energie und Vitalstoffe aufnehmen – die Kuh macht es uns vor.

Und: Bei der Meditation darf man den Apfel ruhig mal anlächeln, schließlich ist er ein Geschenk des Himmels, der Erde und der Menschen. Stellt man sich beim Kauen nämlich vor, wie Sonne, Wind, Wasser, Erde und Mensch miteinander gewirkt haben, um den Apfelbaum solche Früchte reifen zu lassen, ahnt man den großen Zusammenhang: Dieser kleine Apfel ist ein bescheidener Repräsentant allen irdischen Lebens. Essen wir ihn, um kurz von uns selbst loszulassen und das große Ganze zu betrachten. Von Seneca wissen wir ja überliefert: “Einen Apfel täglich und keine Krankheit quält dich.” Ob er damit auch Seelenkrankheiten meinte?

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Die Apfelmeditation bietet auf simple Art einen bewussten Umgang mit dem, was wir zu uns nehmen. Wendet man die Meditation nämlich auf andere Lebensmittel an, stellt sich schnell heraus, was man vielleicht nicht so oft essen sollte. Auch der berühmte österreichische “Darmarzt” Franz Xaver Mayr propagierte: “Was nach 50-mal kauen nicht immer besser schmeckt, kann keine gesunde Ernährung sein.”

Von daher: Wem die Apfelmeditation zu spirituell ist – gesund ist sie auf alle Fälle.

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Bilder: motherjones

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