Die Kornelkirsche

Eine kulinarische Wiederentdeckung


Blindlings laufen entdeckungshungrige Berliner täglich an den wilden Delikatessen vorbei. Hat man die Scheuklappen jedoch erst einmal abgelegt kommt man ins staunen, wie oft einem der grazile Kornelkirschbaum in so manchem Park, am Straßenrand oder im Hinterhof entgegen winkt. Kaum zu glauben eigentlich, dass er in unserer von Quinoa und Amarant euphorisierten Hauptstadt so lange ein unbeachtetes Dasein führen konnte. Das wilde Früchtchen übertrifft den Vitamin C Gehalt der Orange und auch Hildegard von Bingen wusste die saftig- roten Perlen der alten Pfanzenart wegen ihrer positiven Wirkung auf den Magen zu schätzen. Bei Gicht empfahl sie ihren mittelalterlichen Zeitgenossen ein Bad aus der Rinde des Baumes.

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Aber die beerenartige Entdeckung ist nicht nur gesund, sondern auch ein echter Genuss für den Gaumen. Der säuerlich- feine Kirschgeschmack macht sich hervorragend in Marmeladen und Gelees. Edelbrennereien verhelfen dem unverfälschlichen Aroma der dunkelrot glänzenden Frucht zur Entfaltung in Bränden und Likören. Selbst geröstet als Kaffeezusatz wird die gelbe Hartriegel- Art, welche weder mit der Süß- noch mit der Sauerkirsche verwandt ist, von vielen beschworen. Auch Berliner Meisterkoch Thomas Kammeier beteuert ihren herb- fruchtigen Geschmack. Seine Empfehlung: Kornelkirscheis!

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Ursprünglich im Kaukasus ansässig hat sich die comus mas ihren Weg über die Krim und Kleinasien in unsere Breitengrade gebahnt. Während Sie in der Türkei stets geschätzt und genossen wurde, vorzüglich in Form einer erfrischenden Limonade, musste sie in Europa bald dem neu entdeckten Weinbau weichen. Zu ihrem Kahlschlag trug auch ihr wunderschönes und besonders hartes Holz bei, welches angeblich sogar dem legendären Bogen des Odysseus seine Form verlieh.

Die Suche nach einer bewussteren Esskultur beschwert der schönen Beere mit dem großen, zweisamigen Kern jetzt womöglich eine Wiedergeburt. Auf der Internetseite mundraub.org zum Beispiel wachsen die Einträge der knorrigen Gefährten laufend, neue Rezepte schießen aus dem digitalen Erdboden.

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Von Anfang August bis Anfang Oktober lösen die reifen Kornellen sich von der Zweigen. Achten Sie beim nächsten Stadtspaziergang doch mal auf den alten Bekannten mit seiner ovalen Frucht und verschaffen Sie ich selbst ein geschmackliches Bild der vielleicht bald gar nicht mehr so unsichtbaren Kirsche.

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