Die Zukunft der Lebensmittelverschwendung

von Jonathan Hirsch

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Im Universum des Essens ist „Lebensmittelverschwendung“ sicher nicht der attraktivste Begriff, wohl aber einer der wichtigsten. Publikationen, die sich detailliert unseren kulinarischen Sünden verschrieben haben, bedienen zunehmend den Bedarf einer wachsenden Leserschaft. Dabei ist es die Art und Weise wie wir mit den weniger populären Aspekten von Essen und seiner Herstellung umgehen, der höchste Aufmerksamkeit gebührt. „Gibt es im Supermarkt das, was ich will?“ ist nicht die entscheidende Frage, sondern „Wie kommt das, was ich will, in den Supermarkt?“ Mit anderen Worten: wie kommt das Essen auf unsere Teller und auf die vom Rest der Welt? In den USA hat die „farm to table“ Bewegung – die lokale Produktion und Verzehrung von Lebensmitteln – bereits einen wichtigen Stellenwert eingenommen. Eine Diskussion über den internationalen Transport von Lebensmitteln fehlt dagegen bislang.

Die Bedürfnisse des durchschnittlichen Lebensmittelkonsumenten sind in den USA und Europa hinlänglich bekannt. Aber was ist mit Ländern wie China und Indien, die durch den raschen Zuwachs ihrer Bevölkerung – insbesondere der Mittelschicht – auf einen Lebensmittelbedarf zusteuern, den das globale Ernährungssystem nicht unbegrenzt decken kann? „Überall auf der Welt wächst die Mittelschicht“, sagt John Floros, Professor an der Kansas State University und Experte im Bereich Lebensmitttelverschwendung. „Die Mittelklasse wird nach besserem Essen verlangen, vor allem in Hinblick auf Sicherheit, Geschmack, besser in vielerlei Hinsicht. Und wer auch immer dieses bessere Essen auf die günstigste Art produzieren kann, wird eine ziemlich profitable Zukunft vor sich haben.“

Es gibt noch einen anderen kritischen Faktor bei dem Problem eine weltweit stetig wachsende Mittelschicht mit gutem, sicherem und abwechslungsreichem Essen zu versorgen: Diese neue Mittelschicht wird auf eine ganz andere Art wachsen als die vorangegangenen Generationen. „Dieser Bevölkerungswachstum wird in einem urbanen Raum stattfinden und zwar nicht wie wir ihn heute kennen, sondern in einem urbanen Raum der Zukunft,“ sagt Floros. „Das wird in Mega-Städten sein. Mit 30, 40, 50 Millionen Einwohnern. Das Wesentliche bei dem Thema Lebensmittelverschwendung ist also folgendes: Ob man eine kleine Stadt mit 50 000 Menschen versorgen muss oder ein kleines Dorf im Vergleich zu einer riesigen Stadt mit 50 Millionen Menschen, dann sind das völlig andere Anforderungen.“

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Wie können wir uns nicht nur eine gänzlich neue Bevölkerung mit dem gleichen komplexen Lebensmittelbedarf vorstellen, wie er in der heutigen entwickelten Welt existiert, sondern auch eine neue Art und Weise des Wachstums? Am wichtigsten aber ist wie wir mit diesen Veränderungen in der globalen Lebensmittelversorgungskette umgehen, bevor die Zukunft da ist. Diese Probleme, die sich in der Lebensmittelverschwendung und wachsenden Bevölkerungen anbahnen, benötigen eine fantasievolle und interdisziplinäre Herangehensweise. Auf den ersten Blick erscheinen die Mega-Städte, voll mit hungrigen und solventen Konsumenten, als eines der größten Probleme für die Zukunft unseres Planeten. Aber es gibt Möglichkeiten den weltweiten Transport und die weltweite Verteilung unseres Essens neu zu gestalten, so dass sogar Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt werden können, die über die Problematik im Lebensmittelsektor hinausgehen.

„Wenn man eine Stadt mit 50.000 Einwohnern mit den verschiedensten Lebensmitteln versorgen muss“, erzählt Floros, „stehen die Chancen gut, dass man eine ganze Menge Essensreste produziert, die genauso vielfältig sind wie das Angebot. Aber wenn man es mit einer größeren und dichteren Bevölkerung zu tun hat, sollte man eine bessere Verteilung vorweisen können und die Ressourcen voll ausnutzen. Das ist eine logistische Frage, die gelöst werden muss. Und in vielfacher Weise haben wir das schon. Aber ich denke, es gibt einen noch besseren Weg. Wir müssen uns immer noch mit dem riesigen Problem beschäftigen, dass das Essen auch irgendwo angebaut werden muss und es so lösen, dass die Lebensmittel immer noch frisch und voller Geschmack sind, wenn sie in der Stadt ankommen. Sie müssen auch bakteriell einwandfrei sein und insgesamt etwas repräsentieren, das die Mittelklasse wie auch andere Gesellschaftsschichten diese kaufen wollen. Das stellt ein riesiges Problem da, mit dem wir uns zurzeit nicht intensiv genug beschäftigen.“

Ein weiteres Problem ist, dass das Thema Lebensmittelverschwendung nicht die Finanzierung bekommt, die ihm nach Meinung von Floros und anderen amerikanischen Wissenschaftlern zusteht. Das zeugt von einer schwachen Zusammenarbeit zwischen Staat und privaten kommerziellen Interessen. „Normalerweise sagt man‚ dass es nicht die Aufgabe der Regierung ist, den nachhaltigsten und effizientesten Weg für den Transport von Lebensmitteln zu finden. Das ist aber die Aufgabe der Unternehmen, die diese Lebensmittel herstellen“, sagt Floros. „Es sind die Lebensmittelunternehmen, die die Nahrung verarbeiten und sie sind es, die den effizientesten Weg aufzeigen müssen. Und das tun sie auch, aber raten Sie mal wie? Natürlich so, dass sie selbst am meisten davon profitieren und nicht unbedingt die Öffentlichkeit oder der Konsument. Das bedeutet nicht, dass sie etwas falsch machen, aber sie haben einfach nicht das gesamte System im Blick.“

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Es handelt sich um eine einzigartige Herausforderung für Wissenschaftler, Aufsichtsbehörden und Lebensmittellieferanten, die Verantwortlichkeiten unter Berücksichtigung dieser gesamtwirtschaftlichen Trends zu verteilen. Wie sieht der effizienteste Weg der Lebensmittelproduktion und –auslieferung auf lokaler und weltweiten Ebene aus?

Auch wenn es zunächst nicht offensichtlich erscheint, erklärt Floros, stellt die Lebensmittelverschwendung einen entscheidenden Investitionsbereich dar, der von der Regierung mehr gefördert werden müsste. „Es wird nicht ausreichend in Forschung investiert, die sich mit der Verarbeitung von Lebensmitteln beschäftigt. Kann das der richtige Weg ein? Wenn man von Lebensmittelverarbeitung spricht, ruft dies bei den meisten Menschen eine negative Assoziation hervor. Aber ich denke, dass die Verarbeitung von Lebensmitteln nichts Negatives ist. Ohne verarbeitete Lebensmittel würde es keinen Ketchup geben, keinen Wein, keine Mayonnaise, kein Bier und vieles mehr nicht. Es gab eine Zeit, in der sehr viel in diese Richtung geforscht wurde, aber die Zeiten haben sich geändert. Ich will nicht sagen, dass unsere Regierung nicht genug Geld in die Forschung investiert, denn das tut sie ja. Aber im Vergleich mit Investitionen in anderen Wirtschaftsbereichen, fällt sie sehr klein aus und der Großteil der Investitionen fließt in die landwirtschaftliche Produktion. Wir investieren also in die Entwicklung von neuen Weizen- und Maissorten und haben Geld in die Entwicklung von besserem Gemüse gesteckt. Aber wir investieren nur sehr wenig, um bessere Ansätze in Sachen Obstanbau, Gemüse und bezüglich anderen Rohstoffen zu finden. Das betrifft vor allem, was den Weg vom Bauernhof bis hin zum Konsumenten angeht.“

Geht man von einer Zukunft aus, in der es unvorstellbar große und dicht besiedelte Städte geben wird, ist laut Floros und ähnlich denkenden Wissenschaftler ein Umdenken nötig. Wir benötigen mehr Forschung und eine Diskussion, die sich damit beschäftigt, wie individuelle Gesellschaften und die globale Gemeinschaft mit Essensresten umgehen. Sie argumentieren, dass wir ohne diese Forschung, vermutlich selbst zu einem Abfallprodukt unserer Exzesse werden.

Bilder: galleryhip

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