Coffee To Go, Coffee To Stay

Du weißt es vielleicht gar nicht, aber mit deinem Kaffee am Morgen geht wahnsinnig viel verloren. Lange nach dem Aufruhr um Fairtrade Kaffee vor einigen Jahren, gibt es nun eine neue Generation von Produkten und Initiativen, die sich mit den verschwenderischen Aspekten der Kaffeeproduktion befassen, um das beliebteste aller Alltags-Getränke nachhaltiger, inspirierender und einfach nur schöner zu machen. Zu oft konzentrieren wir uns nur auf das Endprodukt, während bei der Herstellung eines Getränks, wie deinem morgendlichen Café Latte, Dinge verloren gehen, die als Ausgangspunkt für völlig neue Produkte und Möglichkeiten dienen könnten. Von Pilzen bis zu Mehl, wir könnten deutlich mehr aus Kaffee herausholen. Unsere Koffeinabhängigkeit hätte sogar das Potential, bei der Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung zu helfen.

5291162869_b2e877d921_z© Rob Nguyen

Tatsache ist, dass 99,8% der Kaffeebohne nicht in deinem Morgenkaffee landen. Der Rest geht entweder bereits während der Produktion verloren, wenn die Hülsen ohne Gebrauchswert oder Aussicht auf finanziellen Profit weggeworfen werden, oder am anderen Ende der Kette, der Espressomaschine, wo jeder Kaffeesatz für einen neuen Espresso in die Tonne wandert. Allein das erste Beispiel erzeugt schon einen irsinnigen Müllberg: bei 10 bis 15 Billionen Pfund Kaffee, die jährlich produziert werden, geht nicht nur eine wertvolle Ressource verloren. Durch die Entsorgung der Kaffeekirsche in die Umwelt, werden ausserdem Gewässer verschmutzt und Ökosysteme angegriffen. Diese Frucht, die in der Regel einfach weggeworfen wird, bildet die Hülle  in der sich die Kaffeebohne befindet. In der Tat wird sie wirklich nahezu immer entsorgt, da traditionelle Kaffeeproduzenten nicht wissen wofür sie gut ist und ihr daher auch keine Beachtung schenken.

Kaffeemehl ist ein Produkt, das vom ehemaligen Starbucks Techniker Dan Belliveau entwickelt wurde, als er feststellte, dass regelmäßig Billionen Pfund Kaffeekirschen auf den Müll wandern. Starbucks sind nicht gerade dafür bekannt, schüchtern zu sein, wenn es etwas Neues gibt und wir können davon ausgehen, dass diese Einstellung auch auf Belliveau abgefärbt hat. Mit den scharfen Augen eines Unternehmers, nun auch mit Rückendeckung von Intellectual Ventures, sowie Investements von ECOM Agroindustrial Crop und Mercon Coffee Corp (zwei der größten industriellen Kaffee-Riesen weltweit), entwickelte Belliveau ein innovatives Produkt, das sich tatsächlich etwas zu Nutzen macht, was ansonsten weggeschmissen worden wäre. Kaffeemehl – nahrhaft, gluten-frei und tatsächlich lecker wenn man damit Brownies, Kekse, Süßigkeiten und Schokolade herstellt – ist ein Produkt, das auf verschiedenen Ebenen funktionieren könnte: einerseits könnte es das Problem der Umweltverschmutzung lösen (Aflatoxin und Koffein können von Bergen weggeworfener Kaffeekirschen in das Grundwasser sickern und so Ökosysteme angreifen und erdrosseln), andererseits könnte es das Einkommen der Kaffeefarmer ergänzen und Krisen wie den 80%-igen Rückgang der Ernte durch ungünstiges Wetter, 2013 in Mexiko, lösen. Für die Bauern könnte so zusätzlich zu ihrer kleinen Ernte eine alternative Einkommensquelle kreiert werden. Als wenn das noch nicht reicht, scheint der eigene Nährwert das Kaffeemehl nahezu zu einem Wundermittel zu machen: Eine Unze hat mehr Ballaststoffe als Vollkornmehl, mehr Eisen als Popeyes Spinat, mehr Kalium als eine Banane und mehr Proteine als frischer Kohl, zumindest nach Angaben der Firma. Damit hätte es ein riesen Potential die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren.

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Am anderen Ende des Spektrums gibt es die Möglichkeit, aus den Abfällen des einen Lebensmittels, nämlich Kaffee, ein anderes Grundnahrungsmittel zu gewinnen. Die Firma Chidos aus Berlin verbringt ihre Zeit damit, die gebrauchten Kaffeesätze aus Cafes und Restaurants in der ganzen Stadt zu retten und mithilfe dieser organischen Abfälle hochqualitative Gourmet-Pilze zu kultivieren. Die Idee ist recht simpel: Chidos radeln durch die Stadt und holen die Kaffeeabfälle von Partner-Locations ab, um diese dann mit Pilzmyzelen zu vermischen und sie in Säcken in einem eigens preparierten Keller aufzuhängen. Nach ein paar Tagen sprießen köstliche Austernpilze, bereit an Restaurants und Geschäfte verkauft zu werden. Daneben kann man bei Chidos auch Produkte für Zuhause, wie zum Beispiel Kits zur Pilzzucht, kaufen. Die machen sich gut als Geschenk und ermöglichen es, zuhause die eigenen Pilze zu züchten. Teil ihres innovativen und inspirierenden Geschäftsmodells, das auf einer Linie mit der Philosophie der Blue Economy (abgeleitet vom gleichnamigen Buch von Gunter Pauli) liegt, ist es, 1€ jedes verkauften Pilzzucht Kits an das „Green Garden Project“ in Kenia zu spenden, das sich für Selbstversorgung durch biologische Landwirtschaft einsetzt.

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Durch Chidos wurde Julian Lechner, ein junger deutscher Produktdesigner der in Bolzano studiert hat, dazu angeregt, darüber nachzudenken was man mit Kaffeeabfällen noch so anstellen könnte. Während er noch an der Universität war, bemühte er sich, all dem Kaffee der in Italien getrunken wird einen praktischen Verwendungszweck abzugewinnen und entwickelte ein Designmaterial, das aus dem bereits benutzten Kaffeepulver besteht. Ganz intuitiv machte dieses grobe Produkt den Eindruck, sich zu einer formbaren Art von natürlichem Plastik umwandeln zu können – er musste nur herausfinden wie. 19% des Kaffeepulvers sind Mineralien, die zum Beispiel gut für die Haut sind, wenn sie mit einer Feuchtigkeitscreme aufgetragen werden. Nur wie sollte er es zu etwas Beständigem formen? Er begann damit, das benutzte Pulver zu erwärmen und auszutrocknen, damit es seine Feuchtigkeit verliert und seine Eigenschaften preisgibt. Als er sich danach alte Rezepte für traditionelle Formen von Klebstoff ansah, bemerkte er, dass er sich eine Form von Karamellisierung zunutze machen könnte, um mithilfe von Silikonformen Designobjekte aus dem Pulver zu kreieren. Diese hätten, abhängig von der Menge von Harz und Kaffee, verschiedene Farbtöne und Helligkeitsstufen. Das Ergebnis ist ein einzigartiges Material, das sogar noch einen Hauch von Kaffeearoma versprüht. Mit den daraus hergestellten Espressotassen und Untertassen, demonstriert Lechner, wie sich mit einem Abfallprodukt der Kreis wieder schließen lässt.

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Dies sind nur einige Beispiele dafür, was sich mit den Überresten von Kaffee machen lässt. Sie erweitern unsere Vorstellung davon, was wirklich weg kann und was doch noch zu etwas gut ist. Es scheint fast keine Grenzen zu Geben: vor Kurzem entdeckten Wissenschaftler der Universität Bath in England, dass sie aus Kaffeeresten Biokraftstoff gewinnen konnten, der wiederum ein Auto antreiben kann. Dabei wird aus dem benutzten Pulver Öl extrahiert, welches dann in einem Prozeß namens Umesterung zu Biodiesel verwandelt wird. Kaffeeabfälle könnten also nicht nur eine wachsende Bevölkerung ernähren, sondern sogar unsere Autos antreiben.

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