Das Meer der Möglichkeiten und die Sehnsucht nach Bedeutung

Permakultur. Ein Bericht.

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Das Meer an Möglichkeiten scheint unendlich, genauso wie die Sehnsucht. Wir sind eine Generation auf der Suche nach Bedeutung, nach wahren Begegnungen, nach innerem Frieden und nach Inspiration. Wir haben die Schnauze voll von bedeutungslosem Schnickschnack unserer Moderne und wollen das Leben wieder richtig berühren. In Scharen besteigen wir Flugzeuge, um uns in der Ferne beim Freiwilligendienst oder auf der Weltreise selbst zu finden. Wir besuchen Yoga- Kurse, Seminare und die hippsten Orte der Stadt – und trotzdem scheint das wirklich Bedeutungsvolle unserer gelebten Realität immer einen Hauch voraus. Mit der Sehnsucht schleicht sich die Ambivalenz ins Leben: Die Tür zum Fluchtweg aus unserer es nicht ganz so ganz auf den Punkt treffenden, dahinplätschernden Realität bleibt stets halb angelehnt.

Vor kurzem hat die Sehnsucht auch bei mir wieder angeklopft. Ein Freund und Mitarbeiter aus dem Permakultur- Projekt in El Salvador (IPES), in dem ich drei intensive Monate verbracht habe, war zufällig in Berlin. Auf der Busfahrt vom Flughafen überfiel mich die Vergangenheit und trieb mir ohne Vorwarnung die Tränen in die Augen. So im Tiefsten hat mich die Erfahrung des Eingebettet-seins in den weiteren Kreislauf der Natur damals angefasst, dass die Erinnerung jetzt wieder ganz präsent war:

Mangos und Limetten hängen im Überfluss von den Bäumen, auf dem abschüssigen Feld wachsen Reis, Mais, Zuckerrohr und Ananas zu einem bunten Farbenspiel heran. Wie ein Stück Paradies erstreckt sich die Farm den Berg eines von Bürgerkrieg und Genmais geprägten Landes hinauf. Taucht man in das warme Grün des Ortes ein, spürt man: Alles und jeder hat hier seinen Platz. Anstelle von Mähdreschern sieht man am frühen Morgen Freiwilligenhelfer und salvadorianische Männer und Frauen mit Macheten durch das vom Sonnenaufgang noch rot beleuchtete Grün ziehen. Die Arbeit ist hart, doch die Stimmung ist leicht: Es wird viel gelacht, philosophiert, oder auch in meditativer Konzentration gejätet, gepflanzt oder geerntet. Die hochproduktive und von Diversität sprühende Fläche lädt zum Spielen, Träumen und Klettern ein, und schafft mit seinem perfekten Chaos einen starken Gegensatz zu den mathematisch berechneten Monokultur- Feldern, die auch in Deutschland zum Wahrzeichen einer fortschrittlichen Landwirtschaft gekürt wurden. Die verwilderten Wege hier sind in ein Weltbild getränkt, in welchem wir als Menschen nicht nur physisch sondern auch spirituell tief in unserer Madre Tierra verwurzelt sind.

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Die Gedanken an diese Zeit kommen mir sonst kaum noch in den Sinn – wahrscheinlich, weil sonst der Kontrast zur Gegenwart zu sehr auffällt. Sich wieder einzuleben war schwer, erinnere ich mich. Es waren Kleinigkeiten, die mir nach meiner Rückkehr so absurd und geradezu schmerzvoll erschienen. Unsere mit Trinkwasser betriebenen Klospülungen zum Beispiel! Die menschliche Not, vor welcher man sich hierzulande meist ekelt und deren man sich schämt, wird bei IPES mit Hilfe von Komposttoiletten zu einem geschätzten und gefeierten Dünger. Ich habe es vermisst, peinlich berührte Besuchergruppen herzlich dazu einzuladen, ihr verdautes Mittagessen an das Toilettenhäuschen zu spenden. Bei IPES wird das Leben als Kreislauf begriffen, Probleme als Herausforderungen für die Kreativität und als Teile eines Ganzen. Anstatt diese ausradieren zu wollen, werden zunächst lästig erscheinende Begebenheiten mit viel Geduld und durch Beobachtung und Nutzung natürlicher Mechanismen geschickt zum Vorteil genutzt.

Was bei IPES betrieben wird nennt sich Permakultur: Ein ganzheitliches Designkonzept, in dem mit viel Planung, Aufmerksamkeit und Liebe harmonische Kreisläufe zwischen Menschen und Natur geschaffen werden. Ein starker Kontrast also zu einer noch tief verwurzelten Kultur des Dominierens und „Erziehens“ der Natur. Im Permakultur- Design hat alles seinen Sinn: Die Ananas trotzen der Bodenerosion, die seit den sich häufenden Stürmen in Form von rotem Schlamm von den Feldern über die Straßen wüten. Reis und Mais werden hier nicht in den uns bekannten Monokulturen angebaut, sondern in Kombination mit Bohnen, die den Nitrogen- Gehalt im Boden ausgleichen. Mit Hilfe von Knoblauch werden Schädlinge fern gehalten.

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Weit entfernt von meinem idealistischen Blick auf das Projekt sind die meisten Bauern im Projekt Ex- Guerillas, die in ihrem Leben schon weitaus mehr Grausamkeiten gesehen und erfahren haben, als man zu vermuten wagt. Ramirez ist einer dieser Bauern. Trotz seines im Krieg verletzten Beines arbeitet er mit einer Ausdauer und Kraft, für die er bei Freiwilligenhelfern bewundert und verehrt wird. Sein Blick verrät mehr als tausend Worte: Schmerz, Enttäuschungen – aber auch Naturverbundenheit, Mut und den ungebrochenen Willen, nach seiner Überzeugung zu leben: “Als Guerillas haben wir mit Waffen versucht, für eine gerechtere Welt zu kämpfen. Jetzt leisten wir Widerstand durch unsere Beziehung zur Landwirtschaft, und durch das, was wir essen. Wir arbeiten mit der Natur zusammen und besinnen uns auf traditionelles Wissen zurück, welche unseren Vorfahren durch die Kolonialisierung auf grausame Art und Weis ausgetrieben wurde.”

Nach einer vielschichtigen Kolonialgeschichte wüteten Bürgerkriege und Massaker, von den USA unterstützte Death Squats und Gangs durch das Land. Mit Einzug einer konservativen Regierung nach den Friedensgesprächen 1992 verschärfte sich die Marktliberalisierung, seit welcher die Importe von Gemüse aus Guatemala, genmanipuliertem Saatgut von Monsanto und Pulvermilch von Nestle die Regale der Geschäfte füllen. Trotz des guten Bodens und des tropischen Klimas sind viele Salvadorianer mangelernährt. Da GMO- Saatgut und der passende Dünger dazu ihren Preis haben, bedeutet ein Ernteausfall nicht selten den Ruin. Obwohl das Saatgut jedesmal erneut gekauft werden muss, sehen viele im Genmais einen Fortschritt, der angehenden „Agrarexperten“ mit viel Nachdruck vermittelt wird. Ein teuflischer Kreis schließt sich: Flächen werden mit Monokulturen bebaut, Chemikalien laugen den Boden aus und Stürme schwemmen ihn davon, Ernteverluste lassen die Schulden der Bauern steigen. Ein Leben weit entfernt von unserem Meer von unbegrenzten Möglichkeiten!

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Schaue ich genauer hin ist es nicht allein die Ganzheitlichkeit dieses Projektes, sondern vielmehr seine Entstehungsgeschichte, die mich so fasziniert. Diese Kraft, sich trotz aller Hindernisse und Unmöglichkeiten für einen richtigen Weg zu entscheiden. Ist das nicht, woher die Sehnsucht rührt? Sehnen wir uns nicht nach unserem eigenen Mut, der uns trotz Zweifeln, Hindernissen und Rückschlägen den richtigen Weg gehen lässt? Haben wir ihn erst einmal gefasst, wird das Meer der Möglichkeiten auch hier schnell zu einem schmalen Lauf mir vielen Windungen. Gesellschaftliche Normen, das Bedürfnis, dazuzugehören und ein verquerer Erfolgsbegriff sind die Hürden für die von Optionen Verwöhnten. Wie viel leichter fällt es da, in Sehnsucht zu schwelgen, statt ihr wirklich zu folgen? Und doch: Gestillt wird sie erst wirklich sein, wenn wir uns mit viel Geduld, Ausdauer und Tatendrang aufmachen. Wann sonst als zu diesem verrückten Zeitpunkt in der Menschheitsgeschichte ist es angebracht, eine verrückte Vision in die Tat umzusetzen? Lasst uns ein Beispiel nehmen an den Bauern in El Salvador und den vielen anderen Pionieren. Wenn wir trotz Hindernissen unseren Sehnsüchten folgen, werden sie eines Tages inmitten einer verqueren Welt bei uns zu Hause ankommen können.

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