Elektronische Zunge

Geschmacksknospe

Musste ein König im Mittelalter befürchten, er könnte Opfer eines konkurrierenden Thronanwärters werden, ließ er sein Essen von einem Vorkoster probieren, um sicherzugehen, dass es nicht vergiftet wurde. Dieser unliebsame Job kann heute von einer „Elektronischen Zunge“ übernommen werden.

Wie der Name schon andeutet, ist das Gerät in seiner Funktionsweise dem menschlichen Geschmacksorgan nachempfunden. Während bei uns die Geschmacksknospen für die Erkennung verschiedener Geschmäcker zuständig sind, kommen bei der elektronischen Zunge ionensensitive Sensoren zum Einsatz. Die gemessenen Daten werden an einen Computer weitergeleitet, der sie auswertet, er übernimmt also quasi die Rolle des Gehirns. Wie wir, kann die Zunge zwischen den grundlegenden Geschmacksrichtungen Süß, Sauer, Salzig, Bitter, und sogar dem japanischen fünften Geschmack Umami unterscheiden. Rein äußerlich hat sie mit ihrem natürlichen Vorbild jedoch recht wenig gemein.

Hauptsächlich soll diese Technologie bei der Qualitätskontrolle industriell gefertigter Lebensmittel eingesetzt werden. Bisher waren dazu noch Zungen aus Fleisch und Blut nötig, doch wie immer, wenn sich die Technologie beim Menschen was abschaut, übertrumpft das elektronische Sinnesorgan das menschliche um Längen. Können wir nur eine saure Note feststellen, registriert die E-Zunge den genauen Anteil von Wasserstoffionen, welche wiederum für die Bildung verschiedener Säuren verantwortlich sind. Für jede Probe entsteht eine Art chemikalisches Profil, dessen stoffliche Zusammensetzung einer Geschmackskombination entspricht. Das Ganze funktioniert bislang jedoch nur bei flüssigen Proben, was bedeutet, dass feste Nahrung zunächt aufgelöst werden muss.

Mit dem Fokus auf Flüssigem, scheinen sich die künstlichen Feinschmecker inzwischen zu Profis auf dem Gebiet der Alkoholika zu entwickeln. Spanische Wissenschaftler haben eine Zunge entwickelt, die zuverlässig verschiedene Bierarten voneinander unterscheiden kann. Andere Modelle versuchten sich erfolgreich an Whiskey, Cognac und Brandy.

In Thailand erweckt die neue Technologie bereits Interesse auf Regierungsebene. In der staatlichen National Innovation Agency wurde die E-Delicious-Maschine entwickelt, um die Güte thailändischer Küche im Ausland zu testen. Offenbar wurde bereits zuviel Schindluder in ihrem Namen getrieben, nun fürchtet der Staat um das Ansehen seiner nationalen Kochkunst. Unterzieht sich ein Thai-Restaurant einem Test mit der Zunge und besteht, darf es sich offiziell mit dem Zertifikat „Thai Delicious“ ausweisen.

Mit der Technologie könnten in Zukunft also schlechte Lebensmittel erkannt werden, bevor sie in Umlauf gelangen. Auch die Reinheit von Wasser in Krisengebieten ließe sich so testen. Ein Schelm, wer hier daran denkt sich seinen privaten Vorkoster zuzulegen. Achja, unsere biologischen Sinne scheinen die Wissenschaft auch auf anderen Gebieten zu inspirieren; die elektronische Nase ist bereits in der Entwicklung.

Bild: Zungenpapille mit Geschmacksknospen ©Pädagogische Hochschule Heidelberg

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