Mehr Transparenz für Erdnussbutter & Co:
Food Scores.

„But I’m saying that everyone should have a right to know everything, and should have the tools to know anything.“

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Ein neues Tool für aufgeklärte amerikanische Konsumenten gibt es seit ein paar Tagen von der Environmental Working Group (EWG): Food Scores. Food Scores ist ein Webservice und eine App, die über Lebensmittel informieren. Ein Schritt in Richtung bessere Ernährung, so die Entwickler von Food Scores. Die wohl umfangreichste Datenbank ihrer Art hat bisher über 80.000 Lebensmittelprodukte auf dem amerikanischen Markt auf ihre Tauglichkeit analysiert. Benutzerfreundlich schlüsselt sie Müsliriegel und Co. in ihre Einzelteile auf und bewertet sie in den Kategorien Nährstoffe, Zutaten und deren Verarbeitungsgrad. Es vereinfacht dem Nutzer ungemein, sich schnell ein Bild über die Qualität der Produkte zu machen. Weitere Kategorisierungsfunktionen ermöglichen die Suche zu verfeinern, wenn man nach bestimmten Eigenschaften sucht, etwa glutenfrei. Ein besonderes Merkmal der Datenbank ist das Ranking. Food Scores etikettiert die Produkte mit einer Nummer zwischen 1 und 10, wobei die 1 für ein bedenkloses und 10 für ein bedenkliches Produkt steht. Dadurch lassen sich sämtliche Produkte untereinander vergleichen. Isst man beispielsweise gerne Erdnussbutter, will aber eine mit weniger Fett, muss man vor dem Supermarktregal keine Etiketten inspizieren, sondern kann einfach auf Food Scores nachschauen.

Wo Lebensmittelskandale in regelmäßigen Abständen unsere Vorsicht schärfen und Dokumentationen wie Super Size Me berechtigt immer mehr Misstrauen gegenüber der Lebensmittelindustrie schüren, trifft Food Scores genau den Nerv der Zeit. Wir glauben nicht mehr an Werbung, sondern an Fakten. Die wenigsten von uns kommen in den Genuss, ihr Gemüse aus Eigenanbau zu verzehren, umso wichtiger wird es, über seine gekauften Lebensmittel Bescheid zu wissen. Weil wir aber keine Zeit haben, jede Nudel auf ihre Unbedenklichkeit zu prüfen, werden solche Datenbanken im Auftrag der Transparenz immer wichtiger.

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Informieren und Vergleichen ist also gut. Doch was passiert, wenn wir alles mit allem vergleichen und uns nach allumfassenden Rankings richten? Schauen wir uns ein ganz extremes Beispiel an: Amazon. Viele Kunden Amazons holen sich durch Kundenbewertungen, aber vor allem durch das Verkaufsranking die nötigen Informationen, um sich für ein Produkt entscheiden zu können. Gekauft wird zumeist das, was auch sonst am meisten gekauft wird. Der Kaufprozess wird also durch festgelegte Algorithmen beeinflusst, die Produkte entsprechend positioniert. Bei Büchern wird es besonders heikel. Wer nicht genau weiß, was er will, entdeckt in der Buchhandlung beim Stöbern auf so manch Neues, Unbekanntes. Wer bei Amazon nicht genau weiß, was er will, kauft zumeist Ähnliches: das, was empfohlen wird oder das, was schon gekauft wird – das interessante Unentdeckte bleibt unentdeckt.

Rankings können unser Konsumverhalten also lenken. Da stellt sich die Frage: Wer oder was entscheidet, was eine 1 oder 10 verdient? Kann man überhaupt allgemeingültige Urteile über Essen fällen? Sicherlich kann man sagen, ob Schokolade fair oder unfair produziert wird und dass eine Cola mit weniger Zucker vernünftiger ist als eine mit viel Zucker. Trotzdem schleicht sich in Zeiten der zahllosen Zwangsoptimierungs-Apps der Gedanke ein, ob Food Scores von manchen nicht auch dafür missbraucht wird. Food Scores ist, keine Frage, ein nützliches Informationstool. Doch Essen ist eben kein Fernseher; Lebenserhaltung nicht der einzige Grund, warum wir essen. Blindes Vertrauen in Rankings und Siegel birgt die Gefahr zu verlernen, seinem eigenen (Geschmacks-)Urteil zu trauen, was einen souveränen Konsumenten ausmacht. Das Entscheidende ist also nicht, ob wir Services wie Food Scores verwenden, sondern wie wir sie verwenden. Weil Genuss vor lauter Kalorienzählen nicht vergessen werden darf, ist die Güte eines Produkts auch durch Kriterien bestimmt, die sich nicht in Zahlen ausdrücken und vergleichen lassen – daher auch nicht in einer Datenbank zu erfassen sind. Was am Ende zählt, ist das persönliche Ranking mit eigenen Kriterien. Denn manchmal verdient auch die Erdnussbutter mit ganz viel Fett eine 1.

(Übrigens: Food Scores verkauft nichts, verlinkt aber zu Amazon. Und: Das vorangehende Zitat stammt aus Dave Eggers’ Dystopie “The Circle“.)

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