Geschmack kommt selten allein

Über die Beziehung von Geschmack und Bild

One third  - a project on food waste© Klaus Pichler | One Third

Denken Sie an Crème brûlée. Jetzt. Hatten Sie zuerst die flambierte Creme vor Augen oder den Geschmack auf der Zunge? Oder beides gleichzeitig? Fast so verzwickt wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei ist die Frage nach der Trennung des Geschmacks von ihrer visuellen Darstellung. Ja, wir sehen uns Essen gerne an. Und ja, was wir essen, soll appetitlich aussehen. Und nochmals ja, ein Kochbuch ohne Bilder ist so attraktiv wie ein Hörsitz im Theater. Geschmack kommt selten allein – warum eigentlich?

Dass Geschmack allein sich nur schwer vermitteln lässt, mag in der stark subjektiven Empfindung liegen, die ihm unterliegt. Unzertrennlich mit dem eigenen Gaumen verbunden entsteht der Geschmack und damit der Genuss nur dort und nirgendwo sonst. Auch der ephemere Charakter des kulinarischen Genuss’ ist entscheidend, lässt er sich nicht so einfach wie einen Song stoppen, zurückspulen, wiederholen. Doch Geschmack in Kombination mit einem Bild ergeben zusammen ein unschlagbares Vermittlungsteam.

One third  - a project on food waste© Klaus Pichler | One Third

Die Natur gab uns die beachtliche Gabe, Schlechtes vom Rechten zu trennen. Damit wir keine verdorbenen Lebensmittel zu uns nehmen, können wir durch Geschmack, Geruch und vor allem durch unser Auge erkennen, was uns gut oder schlecht tut – ein Selbstschutz. Grüne Schimmelflecken auf Brot geben uns visuelle Signalwarnungen, die Finger davon zu lassen. Eine rotleuchtende, vor Vitamin C strotzende Erdbeere dagegen verführt uns zuzugreifen. Aus biologischer Sicht ist es daher nur sinnvoll, dass wir auch mit dem Auge essen. Es bestimmt maßgeblich mit, ob wir darauf Lust haben oder nicht.

Pochierter Seesaibling mit Süßdoldenwurzel und roter Zwiebelemulsion auf der Speisekarte klingt zwar unglaublich poetisch, verlangt vom Gast aber einen gewissen Grad an Vorstellungskraft, Wissen und Zeit ab. Bei Fastfood-Restaurants, wie der Name schon sagt, muss alles ein bisschen schneller gehen – so auch die Kommunikation. Von bebilderten Speisekarten bis hin zu Plastikessen im Schaufenster: Die Gastronomie weiß um die Vorteile der Universalsprache Bild. Ein Bild sagt nicht nur mehr als tausend Worte, es spricht auch viel schneller. Im raschlebigen Informationszeitalter ist es daher nicht verwunderlich, dass Geschmack visuell beschrieben wird. Auch das Phänomen Food Posting beweist: Am besten teilt man Geschmack mit, in dem man es in Bildern festhält.

One third  - a project on food waste© Klaus Pichler | One Third

Die Verbindung Geschmack-Bild ist aber nicht bloß ein Symptom der Massenkommunikation. Vielmehr hat das Bild das Ausmaß der Ernährung, am Ende dessen der Geschmack steht, für die Masse wortwörtlich wieder sichtbar gemacht. Man nehme nur ein Kochbuch. Während das Kochbuch in den 1950er Jahren noch ein biederes Haushaltsbuch war, ist die Auswahl heute diverser als Fusion Food. Egal ob geschichtsinteressierter Globetrotter, umweltschützender Veganer oder kochscheuer Single – für jeden gibt es das passende Kochbuch. Bilder spezifizieren Ernährung und setzen sie in unterschiedlichste Kontexte, aus denen man sich ihr nähern kann.

So kann ein Sushikochbuch fast ohne Text auskommen; minimalistisch wird bebildert, wie ein Fisch in einer laborsterilen Umgebung Schritt für Schritt zu einem perfekten Nigiri wird. Der Reiz liegt in der Perfektionierung der Technik, im Anspruch des Prozesses. Kochen wird hier zur Wissenschaft, die Rezepte sind Experimentieranleitungen. Alles andere als steril sieht die Kochbuchfotografie aus, die pure Lebenslust und Naturnähe zelebriert. Für alle, die es rustikal, bodenständig und gar ein bisschen öko lieben, wird demonstriert, dass Kochen und Natur unabdingbar zusammengehören. Garniert wird großzügig und inakkurat mit Kräutern, die aussehen, als hätte man sie gerade in der Wildnis gepflückt. Ach ja, und gegessen wird natürlich draußen.

One third  - a project on food waste© Klaus Pichler | One Third

Ohne Bilder wäre die Emanzipation des Kochbuchs von der bloßen Anleitung zum typengerechten Konsumgut schwer denkbar gewesen. Bilder, egal ob im Kochbuch oder im Fernsehen, vermögen die Kraft zu zeigen, dass es beim Essen um weit mehr als nur ums Essen geht – und dass Geschmack nur das Ende einer langen Kette ist. Diese lange Kette wird aber immer unsichtbarer. Denn die industrialisierte Gesellschaft entfernt sich durch seinen hochtechnologisierten Lebensstil immer mehr vom Ursprung des Geschmacks. Es entsteht also ein Bedarf, diese Lücke durch Information zu schließen. Damit wir den Lebensraum des Thunfischs, die Traditionen der Tortillabäcker und den Vogel zum Rührei nicht vergessen, helfen Bilder, Ernährung in seiner Gesamtheit zu zeigen.

Sowohl innerhalb der Kochbücher als auch außerhalb ist das Dreamteam Geschmack-Bild fähig, die subtile Komplexität von Ernährung aufzuzeigen.Dass der Geschmack das Bild braucht, ist daher keineswegs eine Schwäche, sondern wie die Natur zeigt: kluge Taktik.

Bilder: One Third by Klaus Pichler
Einer Studie der UN zufolge wird weltweit ein Drittel der Nahrungsmittel verschwendet – der Großteil davon in den reichen Industrienationen des globalen Nordens. Gleichzeitig hungern weltweit 925 Millionen Menschen. Die Serie „One Third“ beschreibt die Zusammenhänge zwischen individueller Nahrungsmittelverschwendung und globalisierter Lebensmittelproduktion. Verfaulende Lebensmittel, zu aufwändigen Stillleben arrangiert, stellen Essensvergeudung abstrakt dar, während sich die textliche Ebene mit den Hintergründen dieses Problems beschäftigt. „One Third“ überschreitet die Haltbarkeitsgrenze, um die Dimension der globalen Lebensmittelverschwendung zu veranschaulichen.

Kommentare

Lass einen Kommentar

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.