Der Geschmack der Trauer

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Die einzige Gewissheit im Leben ist der Tod. Trotzdem gehört der Tod seinem Wesen nach zu den rätselhaftesten Dingen, mit denen wir uns als Menschen auseinandersetzen. Wir alle erinnern uns an den Moment, wenn wir dieser Wahrheit, die Teil der Realität ist, zum ersten Mal begegnen und sie für uns spürbar wird. Obwohl ich als Kind den Tod in meiner eigenen Familie erlebt habe, erinnere ich mich, dass es viel schwieriger für mich war, meine Mutter trauern zu sehen als mein eigenes Gefühl des Verlusts auszuhalten. Seltsamerweise – oder vielleicht ist es auch gar nicht so seltsam – begann ich erst durch mein Erleben und meine aktive Teilnahme auf einem Schlachthof über die Vergänglichkeit von Leben nachzudenken: was heute zugegen ist, kann schon morgen vergangen sein.

Mir war immer schon klar, dass man als Fleischesser diesen flüchtigen Moment verstehen und anerkennen sollte, wenn das Tier zur Ware wird; aber das ist einfacher gesagt als getan. Als Allesfresser habe ich versucht mich dieser Realität auszusetzen, indem ich in Italien bei der Schlachtung einer Kuh in einem sehr humanen Schlachthaus zugesehen habe, auf einem Biohof habe ich selbst ein Huhn getötet und zubereitet und dann war ich bei einer Karmina (einer traditionellen Zeremonie, bei der ein Schwein geschlachtet wird) in der Slowakei dabei. Jedes Mal habe ich geweint, nein, geschluchzt und zwar nicht, weil ich Mitleid hatte, sondern weil der Übergang von Leben zu Tod so plötzlich und endlich war. In der einen Minute war das Tier noch am Leben, dann tot – eines ist sogar durch und in meiner eigenen Hand gestorben. Im gleichen Moment fühlte ich als Mensch eine immense Macht. Wir sind in der Position über Leben und Tod zu entscheiden, während wir uns gleichzeitig nicht so sehr unterscheiden von diesen Tieren; das Leben könnte auch für uns vorbei sein – einfach so, beendet mit einer scharfen Klinge oder einer Kugel. Wir sind so mächtig und doch gleichzeitig völlig ausgeliefert.

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Verlust (von Leben, einer Liebe oder einer Identität) ist der unerwartete und unwillkommene Vorläufer von Elend und Trauer. Unser Schmerz manifestiert sich in der Wahl der Gesellschaft, die wir um uns haben, und den Lebensmitteln, die wir essen (oder nicht essen). Ich selbst schwanke zwischen den beiden Extremen. In Momenten der Trauer tut mir ein unter der Bettdecke verbrachter Tag mit einer halben Staffel The Walking Dead – und ohne die 10 Schritte in die Küche zu wagen – viel besser, um (nicht) mit meinem Schmerz umzugehen als den ganzen Tag in der Küche zu verbringen und Kuchen zu backen oder ein 6-stündiges Curry vorzubereiten und dann die ganze Nachbarschaft einzuladen, um die Früchte meiner Arbeit zu verschlingen.

Es ist so einfach die glücklichen Momente des Lebens mit den Leuten ums uns herum zu teilen. Denken wir nur einmal an all die Partys, Hochzeiten, Geburtstage und Festivals, die wir gefeiert haben. War nicht Essen (ob traditionell oder nicht) ein wichtiger Teil all dieser Feierlichkeiten? Vom bescheidenen Kuchen auf einer Geburtstagsparty bis zum Hefezopf am Rosh ha-Shana. Essen, wie Nigella sagt, „ist ein unverzichtbarer Teil jeder wichtigen Gelegenheit. So zeigen wir die Verbindungen zwischen uns auf; wie wir das Leben feiern.“

Auch wenn Trauer eine Emotion ist, die alle Menschen miteinander teilen, führt sie nicht zu Geselligkeit wie Freude es tut, sondern wird oft von einem Gefühl der Machtlosigkeit und Zerbrechlichkeit  begleitet. Verlust und Liebeskummer werden verinnerlicht und die Art und Weise wie wir damit umgehen, ist viel persönlicher. Deshalb gibt es viel weniger Traditionen und Rituale, die Essen beinhalten, wenn es darum geht mit den verschiedensten Verlusten umzugehen, die wir im Laufe des Lebens erfahren – abgesehen von den Beerdigungen in einigen wenigen Kulturen.

Wie wir uns ernähren, spiegelt generell wider, wie wir dem Leben begegnen, und vielleicht trifft das auch auf unsere Essgewohnheiten in Zeiten des Verlusts zu. Als ich Freunde und Familienmitglieder fragte, was sie in den allerschwierigsten Momenten ihres Lebens gegessen haben (in Zeiten von Tod, Krankheit, Fehlgeburt und auch Liebeskummer), waren die wenigsten in der Lage mir ein ganz spezielles Gericht zu nennen, aber alle erinnerten sich an ihre Reaktionen. Einige stopften sich voll, um absichtlich oder unabsichtlich die emotionale Leere mit physischer Schwere zu füllen und so den aufgewühlten Seelenzustand zu beruhigen oder zu betäuben. Für andere wiederum war essen ein Weg weiterzumachen und dem Tod den Finger zu zeigen – essen, ein Akt der Lebenden und für sie eine Möglichkeit nicht mit den Toten zu sterben. Ein paar verloren ihren Appetit, wurden von ihrem Leid komplett aufgesogen. Der Rest suchte nach Nähe: entweder in Form von Gesellschaft, die sie sich zum Essen aussuchten – oft auch als freundschaftliche Ablenkung – oder in Form ihres Lieblingsgerichts, um ihren Schmerz (zumindest für einen Moment) zu erleichtern. So war es bei mir.

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, was ich aß und habe meinen Koch und Freund gefragt, was er damals eigentlich für mich zubereitet hat, aber er erinnerte sich auch nicht. Es war jedenfalls ein Dienstag, das weiß ich noch, mein freier Tag. An Dienstage erinnere ich immer; es ist der Tag, an dem ich und meine beiden Schwestern geboren wurden, alle in unterschiedlichen Jahren. Es gab keine besondere Eleganz beim Servieren, außer dass das Essen auf einem Silbertablett daher kam. Er kochte und wir hatten ein reichhaltiges Mittagessen im Bett. Ich erinnere mich nur an eine Suppe mit großen Speckstücken, die in einem Glas serviert wurde und die ich nicht vertrug. An den Speck erinnere ich mich nur, weil er ein Geschenk von jemandem Besonderem war und wir ein großes Stück davon im Kühlschrank hatten und es das einzige war, das wir in dieser Zeit aßen. Wir teilten uns eine Flasche Almdudler, etwas Rum und dann eine Kanne Tee. Was genau wir aßen – also das Gericht an sich war gar nicht wichtig, sondern es ging vielmehr um das „mit wem“ und „wie“ und daran erinnere ich mich. Ich erinnere mich ganz genau an das Gefühl von einem geliebten Menschen umsorgt zu werden und was gibt es Besseres als Essen dafür?

Es gibt aber auch diese Momente, in denen Essen einfach zu viel ist. Dann ist es Tee (vielleicht weil ich britisch bin), der mich mehr als jedes Gericht beruhigt, wärmt und wieder zum Leben erweckt. Eine Flüssigkeit, die nach außen strömt und in der Lage ist auch die kältesten Teile des Körpers und der Seele zu wärmen. Als ein alter Klassenkamerad meiner 15-jährigen Schwester letzte Woche an Krebs starb, war das erste, was meine Mutter ihr anbot, eine Schulter zum Ausweinen und eine Tasse Tee. In meiner Familie finden die aufrichtigsten und schwierigsten Gespräche bei einem heißen Getränk an unserem Küchentisch statt: die Küche als Mittelpunkt des Hauses. Freunde und Verwandte haben sich hier mit uns versammelt und ihr Herz ausgeschüttet, in Wut geschrien, Geheimnisse erzählt und manchmal einfach über alles und nichts gesprochen.

Reaktionen auf Verlust sind unterschiedlich. Wir können uns nicht aussuchen wie Trauer auf uns wirkt; wir sind ihrer Gnade ausgeliefert. Bei einigen frisst die Trauer nur ein Stück auf, während andere komplett von ihr aufgefressen und dann wieder ausgespuckt werden, nur um sich selbst wieder zusammenzusetzen. Einige essen, um sich zu ernähren, andere trinken Tee, um sich zu wärmen, aber wenn alles andere nicht wirkt, dann hilft wahrscheinlich am besten die eine oder andere Dosis Spiritus für Herz und Seele.

Photos von Marco Cipolla

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