Die Kunst des Fleisches

Schlachten in der Kunst: Damals und Heute.

Vor nicht allzu langer Zeit fand bei der Berlin Food Week ein vergleichsweise archaisches Spektakel statt: Neugierig beobachtet von Zuschauern, die zum Teil auch selbst Hand anlegten, wurde ein totes Schwein in eine Vielzahl wohlschmeckender Fleischprodukte verwandelt. Bei dieser Aktion handelte es sich keineswegs um eine einmalige Veranstaltung. Inzwischen folgte, ebenfalls als Event inszeniert, die Schlachtung eines Rindes, im Internet werden regelmäßig Workshops ähnlichen Inhalts angeboten – die Reihe ließe sich mühelos fortsetzen. Fernab der gängigen, wenig appetitlichen Praktiken der industriellen Fleischherstellung erscheinen Angebote dieser Art wie ein Revival der noch bis ins späte 20. Jahrhundert hinein im bäuerlichen Milieu üblichen Hausschlachtung, nun aber überführt in ein hippes, durchdesigntes Umfeld. Die derlei Ereignisse begleitende Berichterstattung thematisiert ethische Fragen des Fleischverzehrs, sie kommuniziert aber auch mit Bildern, die an eine lange kunsthistorische Tradition der Fleischdarstellung anknüpfen.

Es ist interessant festzustellen, dass auch schon vor gut fünfhundert Jahren, Fleisch und seine Darstellung eng mit einer moralischen Debatte verbunden waren. Die Inhalte waren freilich andere, denn der durchschnittliche Mitteleuropäer des 16. Jahrhunderts, für den Fleisch ein wichtiges, doch relativ kostspieliges und keineswegs immer verfügbares Nahrungsmittel war, hätte die heute gültigen Rechtfertigungsversuche unserer Lust auf Fleisch ebenso wie den freiwilligen Verzicht auf Fleischkonsum vermutlich als absurd erachtet. In der seinerzeit christlich geprägten Gesellschaft musste er sich dafür mit dem Problem herumzuschlagen, ob Fleischgenuss und Fleischeslust womöglich sein Seelenheil gefährden könnten – und das sogar über den Tod hinaus.

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 Abb. 1: Pieter Aertsen, Metzgerladen mit der Flucht nach Ägypten, 1551, Öl auf Holz, 115,5 x 169 cm, Uppsala, Kunstsammlung der Universität
 

Mit dieser Frage hat sich auch der niederländische Künstler Pieter Aertsen beschäftigt, als er 1551 das Gemälde eines Fleischerladens malte [Abb. 1]. Aufgehängte Würste, eine Schweinehälfte, ein Schweinekopf und Innereien, geschlachtete Hühner, ein großer Topf Schmalz, Pasteten und Schweinepfoten sowie ein frisch gehäuteter Rinderschädel – das in einem offenen Verkaufsstand dargebotene Angebot ist mehr als üppig und mit großer malerischer Präzision erfasst. Doch mischen sich unter die Fleischprodukte einige Lebensmittel, die eine weniger verschwenderische Lebensweise propagieren: Mit Fischen und Brezeln hat Aertsen typische Fastenspeisen als Zeichen einer christlichen Lebensweise des freiwilligen Verzichts ins Bild gesetzt. Nur vordergründig – und dies durchaus im Wortsinn – handelt es sich hier also um die Darstellung einer reichhaltigen Warenauslage. Das Gemälde versammelt eine Vielzahl metaphorischer Bildaussagen, um deren christlich-moralisierende Deutung sich die Kunstgeschichte bemüht hat. Neben Verweisen auf die Vergänglichkeit irdischen Lebens, die beispielsweise in der Verderblichkeit des Fleisches gespiegelt wird, warnt das Gemälde davor, über die leiblichen Genüsse die wahren Aufgaben eines christlichen Lebens zu übersehen. Daher setzt sich die Gegenüberstellung von Fasten und Völlerei – immerhin eine der sieben Todsüden – im Bildhintergrund fort in der Gegenüberstellung einer sittenlosen Tischgesellschaft mit einer Prozession von Kirchgängern, denen sich die Heilige Familie auf ihrer Flucht nach Ägypten angeschlossen hat.

Im Vergleich zu der kunsthistorisch reichen Debatte fallen die gesicherten historischen Fakten zu dem Gemälde mager aus. Vermutlich ist das Bild in Antwerpen entstanden, wir wissen aber nicht für wen und für welchen Zweck. Ohne Zweifel war Aertsens Komposition jedoch höchst erfolgreich, denn es sind heute vier eigenhändige, nahezu identische Versionen des Bildes erhalten. Der Betrachter damals wie heute wird sicherlich von der materiellen Präsenz der Fleischwaren affiziert worden sein – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Metzgerauslagen waren zur Entstehungszeit des Gemäldes alltäglich, bildwürdig waren sie jedoch keineswegs: Bilder waren kostspielig, daher widmete man sie vorrangig religiös-erbaulichen Themen. Die künstlerische Neuerung in Aertsens Bild war zweifellos die Umkehrung bestehender Seherwartungen, und man kann annehmen, dass die sinnliche und überaus kunstfertige Darstellung des Fleisches, hinter der die christliche Bilderzählung zurücktritt, eine ähnliche Wirkung hervorrief wie im 20. Jahrhundert Andy Warhols Suppendosen, deren Bildwürdigkeit äußerst umstritten war.

fleisch4-COMPAbb. 2: Rembrandt, Geschlachteter Ochse, 1655, Öl auf Holz, 9 x 67 cm, Paris, Louvre
 

Lieferte Aertsens Gemälde eine Vorlage für die in nachfolgenden Jahrhunderten beliebten und bei aller Sinnenfreude moralisierenden Markt- und Küchenstücke, so entwickelte das Motiv eines geschlachteten Ochsen, den der Künstler eher beiläufig im Hintergrund malte, eine eigenständige Bildtradition. Aertsens Schüler und Neffe Joachim Beuckelaer, konfrontierte nur wenige Jahre später – wenn nicht als erster, dann als einer der ersten – den Betrachter mit einem ausgeweidetem Schweinekörper, der die Bildtafel fast vollständig ausfüllt. Wenig auffällig sind hier ein Knecht und eine Magd, die im Hintergrund mit einem Krug hantieren. Sie wurden, vielleicht nicht ganz überzeugend, als Personifikationen der »Gula«, der Völlerei, interpretiert. Wurde dieses Bild erst in den 1920er Jahren öffentlich zugänglich, so fand Rembrandts Version eines geschlachteten Ochsen aus dem Jahr 1655 nach ihrer Überführung in den Louvre 1857 viel Aufmerksamkeit von künstlerischer Seite [Abb. 2]. Auch wenn wenig über den historischen Kontext und die Intention Rembrandts bekannt ist, scheint hier der in einem dunklen Raum aufgehängte, hell beleuchtete Kadaver nicht länger den gottgefälligen Verzicht auf Fleischeslust zu fordern. An den Hinterläufen aufgehängt und aufgespannt, zeigt Rembrandts Ochse eine formale Ähnlichkeit mit Kreuzigungsdarstellungen, die spätere Künstlergenerationen dazu veranlasste, Leiden und Opfertod, Deformation und körperliche Versehrtheit am Beispiel des geschlachteten Tieres zu inszenieren.

Der in Paris lebende litauische Künstler Chaim Soutine zeigte sich zwischen 1920 und 1925 geradezu besessen von diesem Typus, wovon etwa zehn Gemälde zeugen [Abb. 3]. Selbst aufgrund eines Magenleidens zu einer strengen Diät gezwungen und außerdem oft mittellos, beschäftigte sich Soutine in seinen Stilleben häufig mit dem Thema Essen. Für die Serie der geschlachteten Ochsen bewahrte er einen Rinderkadaver über Tage in seinem Atelier als Modell auf und übergoss ihn regelmäßig mit frischem Blut, um Verwesungsspuren zu kaschieren – für einen Künstler, der jüdisch erzogen worden war, sicherlich ein eklatanter Tabubruch. Machen seine farbintensiven, expressiven Bilder, die Brutalität des Schlachtens erfahrbar, so griff später der britische Künstler Francis Bacon das Motiv auf, um in der Kombination von Porträt und geschlachtetem Tier die Qualen des menschlichen Daseins zu visualisieren.

fleisch3-COMPAbb. 3: Chaim Soutine, Geschlachteter Ochse, um 1924, Öl auf Leinwand, 140,3 x 107,6 cm, Minneapolis, Minneapolis Institute of Art
 

Diese Auseinandersetzung um den Opfertod des Tieres wurde in der Kunst offenbar umso existenzieller geführt, je mehr die Schlachtung aus dem täglichen Blickfeld verschwand. Die ersten industrialisierten Schlachthöfe entstanden Mitte des 19. Jahrhunderts in den USA und wenig später in Europa. Die tier- und menschenverachtenden Zustände dort hat Upton Sinclair seinem Roman »Der Dschungel« 1906 mit drastischen Worten geschildert. Unter den künstlerischen Darstellungen von Schlachterläden und Schlachthöfen dieser Zeit stechen mehrere Gemälde von Lovis Corinth hervor, der unter anderem 1893 das dampfende Innere eines Schlachthauses malte [Abb. 4]. Angelegt als eine Farborgie in Rot und Grau zeigt Corinth Metzgergesellen, wie sie in einem düsteren, engen Raum ein frisch getötetes Rind ausweiden und aus der Haut schlagen – ein rohes Geschäft bei dem viel Blut fließt, so viel sogar, dass der Betrachter den Eindruck erhält, selbst im Blutstrom zu stehen. Bei Corinth, der in autobiographischen Schriften Kindheitserinnerungen an Schlachthausszenen schildert, aber auch bei anderen Künstlern im 20. Jahrhundert, verband sich die malerische Arbeit am geschlachteten Tier, das sein Inneres nach außen kehrt, mit einer expressiven und durchaus lustvollen Malweise, die inneres, subjektives Erleben enthüllt. Der Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe notiert dazu ein wenig romantisierend, Corinth habe vor der Staffelei »ein irdisches Vergnügen wie der Schlächter vor dem Vieh« verspürt und bemerkt: »Er schlachtete währen er malte.«

fleisch2-COMPAbb. 4: Lovis Corinth, Im Schlachthaus, 1893, Öl auf Leinwand, 78 x 89 cm, Stuttgart, Staatsgalerie
 

Jenseits solcher Farbschlachten findet die christliche Symbolik der Fleischdarstellung eine Fortführung in der aktuellen Kunst. Denken wir zum Beispiel an die Schaukästen mit in Formaldehyd schwimmenden, geschlachteten Tieren von Damien Hirst, die wie eine Kreuzung von naturkundlichem Feuchtpräparat und Reliquie erscheinen. Oder an eine Installation der Finnin Saara Ekström von 1997, für die zwölf Schweinebeine nach der Schlachtung mit Dornenkrone und mit Nelkendarstellungen nach mittelalterlichem Vorbild tätowiert wurden – das englische Wort »carnation« für Nelke assoziiert dabei sinnfällig die Inkarnation, die Fleischwerdung Christi [Abb. 5].

fleisch1-COMPAbb. 5: Saara Ekström, Carnation, 1997, Digital-Print, 104 x 128 cm
 

Die Reihe der Darstellungen geschlachteter Tiere in Gegenwart und Vergangenheit ließe sich beliebig fortsetzen und zweifellos durch weitere künstlerische Positionen ergänzen. Aber vielleicht können wir an dieser Stelle festhalten, dass der Blick auf die Kunstgeschichte eine Verschiebung in der thematischen Auseinandersetzung zeigt: Sie nimmt einen Anfang in der allegorisierenden Darstellung des geschlachteten Tieres in Manierismus und Barock, welche die fleischlichen Genüsse zwar optisch feierte, gleichzeitig aber an ihre Sündigkeit gemahnte. Als in der frühen Moderne um 1900 sich Massentierproduktion und Tötungsmaschinerie entwickelten, verlagerte sich das künstlerische Interesse auf die Inszenierung der Opferrolle des Schlachtviehs, die durch expressive Farbgebung und Pinselführung den Betrachter auch mit malerischen Mitteln emotional erreichen und zugleich auch einem inneren Erleben des Malers Ausdruck verleihen sollte. Durch den oft schockierenden Einsatz von tatsächlich geschlachteten Tieren als künstlerischem Material thematisiert die Gegenwartskunst vor allem den Entfremdungsprozess zwischen Mensch und seiner Nahrung, den zu überwinden sich auch die eingangs geschilderte Schauschlachtung vorgenommen hat.

Die Moral bleibt in keinem der Beispiele außen vor. Trotz unterschiedlicher Herangehenswiesen ist allen Darstellungen unmittelbare Vergegenwärtigung des Todes gemein. Sie erschwert eine emotionale Distanzierung und regt zum Nachdenken über einen oft verborgenen aber dennoch existentiellen Teil des Lebens an.

Text: Petra Gördüren

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