The Robotical Farm

Wer die Begriffe „Schwarmintelligenz“ und „Landwirtschaft“ im direkten Zusammenhang hört, wird wohl als erstes Bilder einer biblischen Heuschreckenplage vor Augen haben. Dabei könnte in nicht allzu ferner Zukunft Ersteres Letzteres revolutionieren. Im Zuge der technologischen Evolution der Landwirtschaft, auf dem Weg zur vollautomatisierten Farm, wird das Feld inzwischen von Schwärmen kleiner, autonomer Roboter bestellt.

Robotical Farm.COMP

Im bedeutungsschwangeren Jahr 1984, erschien das Buch The future world of agriculture. Der Untertitel World Disney World EPCOT Center book, offenbart als Ursprung des Buches das EPCOT, einen Teilabschnitt des World Disney World Resort in Florida, welcher sich mit internationaler Kultur und technischer Innovation beschäftigt. Auf einer der Illustrationen im Buch sieht man den Farmer der Zukunft bei der Arbeit. An einem Controlpanel überwacht er die Tätigkeiten seiner automatisierten Farm auf futuristischen Bildschirmen. Neben einem schnittigen Zukunfts-Fuhrpark, erkennt man im Hintergrund auf dem Feld einen einsamen kleinen Roboter seine Arbeit verrichten. Wer hätte vor 30 Jahren vermutet, wie nah diese Zukunft wirklich liegt?

Der amerikanische Unternehmer David Dorhout brachte sie einen Schritt näher. Er suchte nach einer Methode, Ackerboden nachhaltiger und effizienter zu nutzen, und entwickelte den Prospero Robot Farmer. Anstatt den Acker Hektar für Hektar zu bearbeiten, untersuchen die kleinen spinnenartigen Roboter den Boden Zentimeter für Zentimeter. Entspricht das Vorgefundene den Ansprüchen, säen die Helferlein automatisch die Saat aus. Dabei vergräbt der Roboter das Saatgut mithilfe einer integrierten Bohrvorrichtung. Ein Sensor an seinem Bauch ermöglicht es ihm, einen Samen in der optimalsten Tiefe einzugraben. Gleichzeitig kommuniziert er mit seinen technoiden Artgenossen über Infrarot und teilt ihnen mit, ob er an seiner Stelle Hilfe benötigt oder nicht. Je mehr Samen er selbst pflanzt, desto intensiver leuchtet ein grünes LED-Licht, welches den anderen Robotern signalisiert dazuzustoßen. Je mehr Samen er im Boden vorfindet, desto intensiver leuchtet ein rotes Licht, welches die anderen Roboter von seinem Ort wegtreibt.

Robot Farmer.COMP

Der Prospero, oder Autonomous Micro Planter (AMP), ist der erste von vier Schritten, hin zur vollautomatisierten Robo-Farm. Schritt Zwei und Drei sehen die Entwicklung von Robotern vor, die sich selbstständig um den Bestand kümmern und am Ende die Ernte übernehmen. Am vierten und finalen Schritt in der Robo-Evolution soll ein Roboter stehen, der all diese Fähigkeiten in sich vereint. Also quasi eine autonome, mechanische, kleinere Version eines echten Bauers.

Anstoß zu Dorhouts Projekt gab die Erkenntnis, dass neue Technologie in der Landwirtschaft immer auf den Menschen ausgerichtet ist. Auch mit GPS-gesteuertem, selbstfahrendem Traktor ist noch immer die Anwesenheit eines Menschen vonnöten, um den Vorgang zu überwachen. Und dieser Mensch ist der mit Abstand teuerste Faktor in der Landwirtschaft. Um das auszugleichen wurden die Arbeitsgeräte mit der Zeit immer größer um eine höhere Produktivität dieser Person zu gewährleisten, was allerdings auf Kosten der Genauigkeit geschah. Da der Boden nicht an jeder Stelle die exakt selben Bedingungen aufweist, aufgrund der Größe der Geräte und des Zeitdrucks jedoch überall gleich behandelt wird, leidet die Effizienz und damit der Ertrag. Genau hier soll die penible Genauigkeit der Roboter Abhilfe schaffen. Ihre Selbstständigkeit soll es dem Farmer ermöglichen, sich simultan um andere Dinge zu kümmern, Personalkosten zu senken und seine Felder genauestmöglich, und damit am ertragreichsten und gewinnbringendsten, zu beackern.

Robot Farmer II.COMP

Doch der Fortschritt beschränkt sich nicht nur auf den Ackerbau. Auch die Viehzucht ist am technologischen Fortschritt beteiligt. Auf vielen Bauernhöfen kommen inzwischen Melkroboter zum Einsatz, die unter dem Einsatz von Ultraschall, Lasern und optischen Sensoren, Tag und Nacht eine Kuh nach der anderen melken können. Die Kühe laufen einfach durch die elektronischen Melkstände, wann auch immer ihre Euter voll sind. Die Roboter passen sich also vollkommen ihren natürlichen Rhythmen an. Außerdem sind sie effizienter und zeitsparender als herkömmliche Melksysteme, bringen höhere Erträge und erfassen gleichzeitig Daten über den Gesundheitszustand der Kuh. Der Mensch muss lediglich in regelmäßigen Abständen an einem Controlpanel(!) sichergehen, dass alles seiner geordneten Wege geht.

Ohnehin scheint die Vernetzung durch digitale Informationstechnologie eine immer größere Rolle zu spieln. In den USA arbeiten Forscher an der  Entwicklung einer intelligenten Farm. Durch die Vernetzung von Satelliten, Computern, Sensoren und Funkmasten sollen gesammelte Wetterdaten in Echtzeit auf das Smartphone oder Tablet des Bauern gesendet werden. Dadurch soll ihm die Entscheidung über den Einsatz von Wasser und Düngemittel erleichtert werden. Erste Untersuchungen zeigten, dass bis zu 15% Wasser und 25% Energie eingespart werden konnten, was sich positiv auf den Gesamtertrag der jeweiligen Farm auswirkte. Dafür musste der Landwirt früher noch das Haus verlassen, um den Horizont nach etwaigen Regenwolken abzusuchen.

Wir sehen uns also mit der Tatsache konfrontiert, dass sich der moderne Mensch gerade aus dem Handwerk zurück ziehen muss, das ihn einst überhaupt erst zu dem machte, was er heute ist. Skeptiker werden darin vielleicht die zunehmende Entfremdung des Homo Sapiens von seiner ursprünglichen Herkunft, der Natur, sehen. Und natürlich, der moderne Bauer hat weniger Dreck unter den Fingernägeln und aus den 2 PS sind 200 geworden. Es kann einen auch beunruhigen, dass solche Entwicklungen häufig eine Reaktion auf eine drohende globale Nahrungsmittelknappheit sind. Man darf allerdings nicht aus den Augen verlieren, dass technologische Neuerungen, so kalt und mechanisch sie auch seien, immer auch ein Bindeglied zwischen uns und der Natur darstellen. Wo der Mensch jahrzehntelang gegen die Natur angearbeitet und versucht hat, sich die Erde Untertan zu machen, stehen heute Maschinen, die uns helfen sie besser zu verstehen und auf sie einzugehen. Technologie kann immer Gegenspieler, aber auch Partner sein.

Unser Menschenmögliches mag in Zukunft vielleicht nicht mehr ausreichen, die Landwirtschaft so zu betreiben, wie wir es bräuchten. Dennoch ist es höchst erstaunlich mit welch einem Einfallsreichtum der Mensch eine seiner ältesten und wichtigsten Tätigkeiten am Leben erhält, weiterentwickelt und perfektioniert. Auch wenn es bedeutet, sich hin und wieder ein wenig Arbeit von einem hilfsbereiten Roboter abnehmen lassen zu müssen.

Bilder und Video: paleofuture, dorhout

Kommentare

Lass einen Kommentar

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.