Unser täglich Kot

Eine kurze Kotbeschauung

lion-shitting-01 travaj

Jeder Mensch tut es, zum Teil mehrmals täglich. Schon beim Kauen angefangen, ist es die unabwendbare Konsequenz des Essens, der Schlussakt des Verdauungstrakts. Niemand kann dem Gesetz der Kausalität entfliehen. Und obwohl es das alltäglichste Geschäft der Welt ist, scheint das Verhältnis zu unserer Scheiße gestört: Wir schließen uns ein ins gekachelte Keramikrefugium, nur um dort klammheimlich abzukoten. Wir isolieren uns vor Scham und Ekel, als hätten wir Schiss vor unserem Schiss. Da ist es natürlich von Vorteil, dass das allseits beliebte Wasserklosett mit Hilfe von bestens aufbereitetem Trinkwasser und per Knopfdruck unser Häufchen Elend in ein schwarzes Loch zu saugen scheint. Aus dem Auge, aus dem Sinn…

Doch wo ist dieses Runter beim Spülen? Von hier geht die Scheiße auf eine zum Teil kilometerweite Reise durch ein ausgeklügeltes Netz von Rohren in das kommunale Klärwerk. Dort wird sie durch mechanische und biologische Schritte zusammen mit anderen, teils hochgiftigen Feststoffen wieder aus dem Wasser gesiebt, weiter entwässert und zu Klärschlamm gepresst. 2012 wurden 45% des in Deutschland anfallenden Klärschlamms als Dünger in der Landwirtschaft oder als Füllmaterial im Landschaftsbau eingesetzt. Der Rest entsprach nicht den Vorschriften der Klärschlammverordnung hinsichtlich der gesundheitlichen Unbedenklichkeit für den Menschen und wurde verbrannt. Bei Verfahren der sogenannten thermischen Behandlung gehen die im Klärschlamm enthaltenen Pflanzennährstoffe dem natürlichen Stoffkreislauf verloren und können „in der Regel nicht sinnvoll für eine Nährstoffrückgewinnung herangezogen werden.“ ¹ Im Sinne der Nachhaltigkeit ist das ein Griff ins Klo.

Grundwasser_lowresBeobachter Natur

Und das ist nur die Spitze des Scheißbergs. Ein Mastschwein produziert in seinem durchschnittlich 21 Wochen kurzen Leben 1500 Liter Gülle². Jonathan Safran Foer widmet der Gülle in seinem Bestseller „Tiere essen“ ein eigenes Kapitel und berichtet von der Situation in den USA, wo Nutztiere das 130-fache der Fäkalien der gesamten Bevölkerung produzieren und die Gülle aus Tierfabriken in eigens dafür ausgehobene „Lagunen“ geleitet wird, die bis zu 12.000 Quadratmeter groß und 10 Meter tief sind. Eine zynische Passage erzählt die Geschichte, wie ein Arbeiter ohnmächtig wird, weil die Scheißelagune ausgast, hineinfällt und er schließlich zusammen mit einigen Familienmitgliedern, die ihn retten wollen, in der Schweinescheiße stirbt.

Der Scheißhaufen, auf dem wir sitzen ist einfach zu gigantisch. Denn eigentlich ist die Düngung mit tierischem und menschlichem Dung, wie der gleiche Wortstamm erahnen lässt, natürlich sinnvoll. Um aus Scheiße Gold zu machen bedarf es eigentlich nur ihrer Ausbringung aufs Weizenfeld. So werden die für die Landwirtschaft wichtigsten Elemente Stickstoff, Kalium und Phosphor an den Boden zurückgegeben. Doch die gigantischen Mengen führen großflächig zu Überdüngung. Die Nährstoffe können von den Pflanzen bei Weitem nicht komplett aufgenommen werden und werden von Regen und Wind in die Vorfluter gespült. Stickstoff kontaminiert als kanzerogenes Nitrat das Grundwasser, Phosphor eutrophiert Gewässer, ganze Ökosysteme verarmen, weil nur wenige Arten mit dem Überangebot zurechtkommen, ganz zu schweigen von den Auswirkungen von Antibiotika und Hormonen, die in nahezu allen Flüssen Deutschlands gefunden werden.

Früher gehörte zu jedem Stall ausreichend Feldfläche zur Ausbringung der Gülle, so wurde der Kreislauf von Nahrung und Kot kleinräumig geschlossen. In ländlichen Regionen Chinas ist es immer noch Tradition, dass der zum Essen eingeladene Gast noch so lange bleibt, bis er sich bei seinem Gastgeber auch rektal erleichtert, eine Geste des Gebens und Nehmens.

100winaktion                                 Friendensreich Hundertwasser auf seiner Komposttoilette
 

Natürlich verlangt niemand, den Freunden bei der nächsten Dinnerparty in den Balkonkasten zu kacken, das stinkt und birgt die Gefahr der Krankheitsübertragung. Doch schon 1979 forderte der Vordenker und Tausendsassa Friedensreich Hundertwasser in seinem großartigen Manifest „Scheißkultur – die heilige Scheiße“ ein grundlegendes Umdenken im Umgang mit Fäkalien und bezeichnete Kompostklos als „die Kehrwendung, die unsere Gesellschaft, unsere Zivilisation jetzt nehmen muss, wenn sie überleben will“³. In Zeiten der auslaufenden Güllelagunen und des großflächigen Verlusts fruchtbaren Mutterbodens durch Überdüngung und Kontamination scheint diese Forderung aktueller denn je.

Vielleicht ist der umgangssprachliche Ausruf „Geile Scheiße!“ Zeichen eines beginnenden Wandels, da er der reinen Negativkonnotation des Wortes entgegenwirkt. Auch ist, laut Wikipedia, Ekel ein Affekt und kein Instinkt, „da er nicht angeboren ist, sondern durch Sozialisation erworben wird“.4 Er ließe sich also wieder abtrainieren.

Also: Scheiß drauf und schließ den Stoffkreislauf!

¹https://de.wikipedia.org/wiki/Kl%C3%A4rschlamm

²https://www.aktion-agrar.de/tierfabriken-und-guelle/

³http://www.hundert-wasser.org/files/Hundertwasser_text.pdf

4 http://de.wikipedia.org/wiki/Ekel

Kommentare

Lass einen Kommentar

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.