Landleben reloaded – Auf den Spuren von August Strindberg

August Strindberg: „Warum hassen Sie denn die Stadt?“

Alter Mann: „Weil sie das Land öde macht. Sie ist wie die Höhle des Löwen: Alle Spuren führen hinein, aber keine hinaus. Sie ist wie ein Geschwulst, denn sie zieht alle nützlichen Säfte des Körpers an sich und gibt nur Eiter von sich.“

27idestrindbergmaleri_5161 August Strinberg, Wunderland (1894) 

Die kurze Unterhaltung zwischen dem Schriftsteller August Strindberg und dem alten Mann steht zu Beginn von Strindbergs Reportage „Unter französischen Bauern“, die zwischen 1886 und 1889 entstand. Den Eindruck, den man heute zuweilen in den Großstädten bekommt, geht in eine andere Richtung: Alle wollen aufs Land! Viele sind der Großstadt müde und wollen ihr den Rücken kehren – fürs Wochenende oder gleich für immer. Dem entgegen steht jedoch, dass die Bewegung vom Land in die Stadt weiter zunimmt, auch heute noch, auch in Deutschland. Zurzeit leben über 70% der Deutschen in Städten und bis 2030 werden es fast 80% der Gesamtbevölkerung sein. Was hat es also mit diesem – den Fakten entgegengesetzten – Drang aufs Land zu gehen auf sich? Woher kommt dieses Bedürfnis? Und was hat das alles mit Strindbergs Reportage aus dem 19. Jahrhundert zu tun?

August Strindberg, bedeutender schwedischer Schriftsteller, der sich vor über 100 Jahren auf die Reise macht, um unter französischen Bauern zu leben. Aus Neugier und Reiselust, aber auch um herauszufinden, was es eigentlich mit dem Begriff des Fortschritts auf sich hat. „Ist Entwicklung nur ein Fortschreiten in der Zeit, oder ist sie auch ein Fortschreiten zum Glück der Menschheit?“, fragt sich Strindberg.

Zu seiner Zeit befand sich die Industrialisierung bereits auf dem Vormarsch, in dessen Folge wurde das Landleben idealisiert. Im ersten Teil der Reportage beschreibt Strindberg vor allem seine Beobachtungen, die er in einer skandinavischen Künstlerkolonie im Dorf Grez-sur-Long machte. Erst im zweiten Teil des Buches begibt er sich mit der Eisenbahn auf eine Reise durch Frankreich. Strindberg geht zum Teil mit akribischer Genauigkeit vor, beschreibt sehr genau, was er sieht (oder sehen möchte). Dadurch wirken seine Beobachtungen zuweilen recht distanziert und die Bauern selbst kommen eher wenig zu Wort. Er nähert sich seinen Objekten von außen mit den Augen eines Forschers, versucht dabei aber wenig die Welt der Bauern durch dessen Augen zu sehen, sucht vielmehr nach Bestätigung seiner eigenen Vorstellungen. Strindberg widmet sich vor allem dem „petit cultivateur“, dem französischen Kleinbauern, den er als Mann der Zukunft sieht – nach dem Motto „klein, aber dein“, Hauptsache der Bauer kann sich und seine Familie ernähren. Dieses Bild, das Strindberg zeichnet, steht im Gegensatz zu den neuen Landwirten, die allmählich beginnen nach industriellen Maßstäben zu wirtschaften und dem kapitalistischen sowie sozialistischen Fortschritts-Credo „Wachse oder weiche!” folgen.

strindberg_mysingen August Strinberg, Mysingen (1892)

Wie sieht es im Jahre 2015 aus – hat der alte Mann mit seiner Antwort recht behalten? Ist die Stadt mit ihren Entwicklungen der Feind? Und suchen die Großstädter von heute, ähnlich wie Strindberg, nach einem Landleben, das ganz ihren eigenen Vorstellungen entspricht? Wie viel davon ist vielleicht Romantisierung?

Wir haben die Filmemacherin Lola Randl, den Künstler John Dekron und die Literaturwissenschaftlerin Christiane Nowak mit Zitaten aus Strindbergs Reportage konfrontiert. Randl und Dekron haben die dokumentarische Serie „Landschwärmer“ realisiert und leben in der Uckermark, Nowak engagiert sich in der Sterngartenodyssee in Berlin, eine Kooperation von ökologisch wirtschaftenden Betrieben. Was entgegnen sie dem alten Mann, der die Stadt hasst und sie als Geschwulst bezeichnet?

John Dekron: „So ist es ja. Warum soll der alte Mann etwas brauchen, das er nicht kennt. Und von dem er nichts versteht. Niemand braucht etwas, das erst erfunden wird. Niemand braucht das Internet, braucht ein Telefon, ein Auto oder Bücher – bevor das alles erfunden ist. Und zum Kulturgut geworden ist. Wenn man es aber kennt. Wenn man was damit anfangen kann, dann braucht man das schon. Zumindest weiß man dann, was man vermissen kann. Und wenn man dann das alles hat. Also wahrscheinlich in der Stadt. Dann freut man sich über einen Platz auf dem Land, wo man hin kann, um all dem zu entfliehen.“

Lola Randl: „Jetzt gibt es auch noch das Land, das man in seinen schon zu vollen Terminkalender unterbringen muss. Aber es ist ja dazu da, um runterzukommen und weniger zu machen. Und das lieben ja auch die Wochenendler so sehr: Dass man hier so gut runter kommen kann. (…) Aber mit dem wirklichen Leben auf dem Land haben sie nichts zu tun.“

Dekron: „Die erhalten wenigstens die Häuser. Und manche Handwerker hier arbeiten zu einem großen Teil nur in Wochenendhäusern. So direkt voll ist es hier ja nicht. Klar, an manchen – besonders bei Städtern – beliebten Orten ist es schon seltsam, wenn die Karawane am Sonntag Abend verschwindet.“

Christiane Nowak: „Ich engagiere mich nicht in der Solidarischen Landwirtschaft, weil ich großstadtmüde bin. Im Gegenteil: Ich denke, die solidarische Landwirtschaft  profitiert sehr von der Großstadt, denn hier gibt es viele Menschen nah beieinander, die die alternative Versorgung gemeinsam organisieren. Auf dem Land hat jedeR seinen eigenen Garten und kocht sein eigenes Süppchen – da kommt es weniger zu so einer Gemeinsamkeit. Die Versorgungsgemeinschaft ist eine Spur aus der Stadt hinaus – dann wenn ich es brauche. Und ich finde beide Pole gut: die Netzwerke, die neuen Ideen wie Experimentierfreude der Großstadt – die frische Luft und die Weite auf dem Land. Der Austausch zwischen Stadt und Land ist wichtig.“

landschwärmer11 Still aus Landschwärmer

Der Wunsch aufs Land zu gehen oder einfach nach mehr Landleben in der Stadt, überkommt wohl eher Menschen, die in der Stadt schon alles haben. Diese Sehnsucht ist also direkt verknüpft mit der eigentlichen, entgegengesetzten Bewegung vom Land in die Stadt. Dadurch, dass immer mehr Menschen in den Städten leben, gibt es sie überhaupt, diese Sehnsucht zurück aufs Land zu wollen. Alle wollen aufs Land – außer die, die schon da sind, die wollen in die Stadt. So spricht auch Lola Randl davon, „dass man es sich leistet auf dem Land zu sein. Die Leute vom Land, die hier keine Arbeit mehr haben, werden weiterhin in die Stadt gehen und überspannte Großstädter richten sich ihr Leben auf dem Land ein, nach ihrer Phantasie.“ John Dekron macht unseren Wohlstand dafür verantwortlich, „dass wir uns eine schöne Metapher des Selbstversorger Daseins leisten können  – und wollen.“ Doch gerade die Idee der Selbstversorgung hält immer mehr Einzug in die Städte, getragen auch von Großstädtern, die ihre Erfahrungen vom Land wieder mit zurück bringen. So entstehen Trends wie Indoor Farming, Urban Gardening und insgesamt der Wunsch wieder zu wissen, wo unser Essen eigentlich herkommt. In der Hinsicht nähern sich Stadt- und Landleben an. Viel Potential für neue Begegnungen und Ideen, oder?

Positiv wirkt sich das auf Projekte wie die von Christiane Nowak beschriebene solidarische Landwirtschaft aus, die Städter mit anderen Städtern zusammenbringt, Menschen mit ähnlichen Interessen. Doch wie finden die Bewegung von der Stadt aufs Land eigentlich die Leute auf dem Land, die dort schon lange leben? Das hat sich auch Lola Randl gefragt: „Was hat das Land davon, wenn gestresste Städter mit Kofferräumen voller Feinkost, in ihr Wochenendhaus fahren, um am liebsten mit nichts und niemanden etwas zu tun zu haben?“ Das ist eine andere Geschichte.

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