Virtuelles Essen oder The Future is Now

Unzählige Foodblogs versorgen uns jeden Tag mit einem nicht enden wollenden Strom an Rezeptvorschlägen, Restaurantreviews und kulinarischen Reiseberichten. Damit sich der Leser eine Vorstellung machen kann, sind diese Berichte natürlich mit schmucken Bildern illustriert. Das sieht gut aus. Doch allzu oft kann einen beim Bestaunen auch der Frust packen, denn was so gut aussieht muss ja noch viel besser schmecken! Leider sind die begehrten Leckerbissen zur bildschirmflachen Digitalität verdammt, nimmt man es nicht auf sich, das Rezept zu kochen, das Restaurant zu besuchen oder gar die Reise in Land X anzutreten. Doch dem könnte bald Abhilfe geschaffen sein.

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Vor nicht allzu langer Zeit widmeten sich Forscher am Keio-NUS CUTE (Connective Ubiquitous Technology for Embodiments) Center in Singapur der Aufgabe, Geschmäcker digital übertrag- und erfahrbar zu machen. Unter der Leitung von Dr. Nimesha Ranasinghe entwarfen sie ein Gerät, das der menschlichen Zunge Geschmäcker „vorspielt“, in anderen Worten: es vermittelt virtuelle Geschmäcker, die sich auf der Zunge als real wahrnehmbare Sinneseindrücke äußern. Das Ganze funktioniert nicht-invasiv, es muss lediglich eine kleine Silberelektrode an die Zungenspitze gehalten werden. Diese stimuliert das Geschmacksorgan mit verschiedenen elektrischen Spannungen und Temperaturen, die das Gehirn automatisch in verschiedene Geschmäcker übersetzt. Je nach Spannung und Temperatur können so saure, süße, salzige und bittere Empfindungen auf der Zunge ausgelöst werden. Für einen spezifischen Geschmack, also die virtuelle Imitation, sagen wir einer Tomate, müssen verschiedene elektrische Spannungen kombiniert werden, während die Temperatur der Elektrode in einem bestimmten Rhythmus fluktuiert. Dabei sind Spannung und Temperatur für verschiedene Geschmacksgebiete zuständig. Saure, salzige und bittere Geschmäcker gehen auf die Spannung zurück, während süß, würzig und minzig eher von der Temperatur abhängen. Natürlich spielt der subjektive Eindruck der menschlichen Zunge auch eine nicht zu unterschätzende Rolle. An der passenden Technologie, Geschmäcker übers Internet an Freunde zu versenden, wurde auch schon gearbeitet. Vielleicht können wir ja bald anstatt eines Likes, NY-Cheesecakes mit Strawberry Topping versenden.

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Als ein erstes Anwendunsgebiet könnte sich Dr. Ranasinghe zum Beispiel eine Art Belohnungssystem für Gamer vorstellen. Besteht der Spieler eine Aufgabe, könnte er mit einem angenehmen Geschmack belohnt, bei Versagen mit einem furchtbaren Geschmack gestraft werden. Gewisse Parallelen zum Pawlowschen Hund sind nicht zu leugnen.

Mit Belohnungen hat auch das „Project Nourished“ vom Kokiri Lab weitestgehend zu tun. Das Ziel des Projekts ist nichts geringeres als die Einführung einer neuen Art der Ernährung, und zwar, richtig, virtuell. Wobei das nicht ganz korrekt ist. Denn gegessen wird wirklich, allerdings molekular. Die Erfindung möchte eine Kombination aus virtueller Realität und Molekularküche zu einer Erfahrung machen, die alle fünf Sinne anspricht. Dabei trägt der Dinnergast eine Occulus Rift Brille, mit der er in seiner gewünschten Umgebung essen darf. Das kann auch die Mitte eines hochfrequentierten Verkehrsknotenpunkts in Tokyo sein. Die zur Auswahl stehenden Gerichte sind bislang noch limitiert, sollen aber in Zukunft erweitert werden und aus dem Internet downloadbar sein. „Gericht“ heißt in diesem Fall, ein aus Hydrokolloiden hergestelltes Küchlein, welches den Geschmack, den Geruch und die Textur der angebotenen Speisen imitiert. Sensoren und Motion Tracker erfassen den realen Gegenstand und machen ihn in der Virtualität als entsprechendes, digitales Gegenstück sichtbar. Die Hydrokolloide werden unter anderem aus Algen und Früchten gewonnen und enthalten daher verschwindend wenige Kalorien. Eat anything you want without regret, heißt es auf der offiziellen Website.

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Damit kommt man der ursprünglichen Motivation hinter dem Projekt auch schon näher. Inspiriert wurde es von der Szene im Peter Pan-Film, in der man sich nur vorzustellen braucht, was man essen möchte und das Gewünschte sogleich vor einem auf dem Tisch erscheint. Was im Film lustig ist, hat für die Entwickler aber auch eine ernstere Ebene. Die Technologie richtet sich an Übergewichtige, Zuckerkranke, Allergiker und andere Menschen die ein bestimmtes Problem mit ihrer Ernährung haben und nicht einfach essen können, was sie wollen. Nach eigenen Angaben soll so auch Krebs bekämpft werden können, auch wenn dies noch unter Beweis zu stellen sein wird. Wenn dann in ein paar Jahren jeder einen 3D-Drucker zuhause stehen hat, kann man sich die Gerichte auch direkt aus dem World Wide Web auf seinen Teller drucken lassen. Danach braucht man sich nur noch seine Virtual Reality-Brille aufzusetzen, und schon kann man sich seinen Apfelkuchen inmitten einer Wüste genehmigen.

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Alle Zeichen stehen auf totale virtuelle Realität. Was mal als „Second Life“ begann, hat inzwischen unsere Sinne erobert. Wie lange noch, bis auch Normalverdiener einen virtuellen Abstecher ins Noma machen können? Nunja, wahrscheinlich noch ein Weilchen. Immerhin konfrontieren uns neue Technologien wie diese, mit den Fragen, was ein wirkliches Essen überhaupt ausmacht und, das ist fast noch wichtiger, welchen Part wir dabei spielen. Wenn unsere Sinne so leicht überlistet werden können, ist es dann überhaupt von Belang was wir essen? Virtuell essen zu gehen, hieße im selben Atemzug auch, sich freiwillig täuschen zu lassen. Theoretisch könnten wir uns bald alle zurücklehnen und die digitalen gebratenen Hähnchen direkt in unsere Münder fliegen lassen, während wir in Realität an einem bunten Algen-Küchlein knabbern. Pessimisten könnten diesem Gedanken westliche Dekadenz vorwerfen. Das mag bis zu einem gewissen Grad auch stimmen, allerdings fehlt dieser Art von Dekadenz ein ganz wesentlicher Aspekt: die Verschwendung. Außerdem kann niemand bestreiten, dass das virtuelle Essen neue Tore für kulinarisch ausgelebte Kreativität öffnen kann. Die Sterneküche wird immer experimenteller und wagemutiger, wieso also nicht ein 5-Gänge Menü mit virtuellem Dessert? Möglicherweise lassen sich damit ja sogar Geschmäcker entdecken, die bis dato vollkommen unbekannt waren.

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Wie auch immer diese Entwicklung auf unser zukünftiges Essverhalten Einfluss nehmen wird, wenn ich endlich schmecken kann, was ich im Internet sehe, hat es sich gelohnt.

Bilder: projectnourished, nimesha

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