Wunder-volle magische Pilze

tumblr_n1iymjNUEG1t06hqzo1_500Cage sammelt Pilze. CDNS

John Cage’s Diary: How to Improve the World dreht sich um Musik, Kunst und Pilze. Der Avantgarde-Komponist war leidenschaftlicher Pilzexperte. [1958 gewann er einen Pilzquiz-Wettbewerb (und dabei ein paar Lira) im italienischen Fernsehen. In den 60ern half er bei der Gründung der New York Mycological Society, leitete Waldausflüge mit dem New School “Pilzeidentifizierungs”-Kurs, den er unterrichtete, und belieferte New Yorker Restaurants mit essbaren Pilzen.] Als er dennoch aus Versehen einen falschen Pilz aß und sein Magen ausgepumpt wurde, sagte er: “Es ist nutzlos sich mit Pilzen auszukennen, sie entfliehen deiner Belesenheit.” Sein Freund Marcel Duchamp schrieb ihm in ein Schachbuch: “Lieber John, pass auf: ein weiterer giftiger Pilz.” [1] Pilze regten Cages Faszination, Appetit und Musik an, doch andere Menschen interessieren sich kaum für das ganze Potential von Pilzen, das kulturelle, finanzielle und ökologische Möglichkeiten birgt.

Pilze rufen eine Vielzahl an Reaktionen hervor: Sie haben die gesamte Geschichte hindurch Menschen versorgt, erfreut und geekelt.[2] Pilze waren schon uralt, als die ersten Menschen sie endeckten: Sie existierten lange bevor es Pflanzen gab und besiedelten die Erdoberfläche vor etwa einer Millarden Jahre. Später, als unser Planet von Mooswäldern bedeckt und nur von wirbellosen Tieren bevölkert war, ragten gigantische Pilze, sogenannte Prototaxites, bis zu neun Metern aus dem Boden hervor und waren für Millionen von Jahren die größten Lebewesen auf Erden.

Die Pilze, denen unsere Vorfahren begegneten, waren schon viel kleiner, aber ihre Kraft übte nichtsdestotrotz Ehrfurcht aus. Wenige Menschen wissen zum Beispiel, dass einem giftigem Pilz nachgesagt wird, Buddha getötet zu haben, wie auch eine ganze Menge anderer historischer Figuren. Für die alten Ägypter hingegen symbolisierte der Pilz Unsterblichkeit – wir wissen nicht, welche Rolle diese Irrvorstellung möglicherweise für den Untergang ihrer Zivilisation gespielt hat. Für Cage dienten Pilze als Inspirationsquelle für sein Schreiben, seine Musik und seine Geschmacksnerven.[3] Bei den Römern genoss der Pilz ebenfalls hohe kulinarische Wertschätzung (Seneca gewöhnte sie sich als unnötigen Luxus ab), während die alten Griechen sie als Armenessen betrachteten.[4]

Heutzutage gehören Pilze fest zu unserer Ernährung – und umfassen dabei das gesamte ökonomische Spektrum: Auf der einen Seite versorgen sie ganze Gesellschaften, die ihn für schlechte Zeiten hamstern, auf der anderen Seite treten sie als begehrte Delikatessen in Gourmetrestaurants auf der ganzen Welt auf. Kein Wunder: Pilze schmecken nicht nur gut, sie besitzen auch eine ganze Bandbreite an Immunsystemstärkenden Wirkungen. In den letzten Jahrhunderten haben Forscher jedoch begonnen, Eigenschaften des Pilzes zu entdecken, die weit über den Bereich des Essensgenuss’ hinausgehen.[5]Mykologen wie Paul Stamets glauben, dass Pilze buchstäblich die Welt retten können.

John Cage. The Mushroom book. Page 17Color lithograph by Lois Long in Mushroom Book. © John Cage Trust at Bard College

Was können Pilze?

Einer ihrer faszinierendsten Eigenschaften ist die Fähigkeit die Umwelt zu säubern. Schon 1906 sagte der Cornell Professor Geo F. Atkinson, dass Pilze bei den Naturbehörden, die zum Wohl der Welt beitragen, einen hohen Stellenwert haben sollten. [6] Neueste Entwicklungen zeigen, dass Pilze eine vielversprechende Alternative zur Giftmüllentsorgung, sogenannte Mycoremediation, sind.

Als einer der Hauptverfechter und Botschafter der erstaunlichen Fähigkeiten des Pilzes sammelte und studierte Paul Stamets Pilze die letzten drei Jahrzehnte lang. Er schreibt sogar einer halluzigenen Pilzerfahrung zu, sein Stottern geheilt zu haben.[7] Sein Erfindungsreichtum hat ihn zu Vergleichen mit Wissenschaftlern wie Thomas Edison, als auch zu einigen Auszeichnungen gebracht. Und Stamets nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er über sein Lieblingsthema redet: Seine Abhandlung heißt Mycelium Running: Wie Pilze die Welt retten können und in einem Interview mit Mother Jones sagte er: “Was wir tun, könnte Millionen von Leben retten. Es macht Spaß, es ist bizarr und grenzt sehr an das Spirituelle.”

Stamets pazifischer Nordwest-Hippie-Touch macht sich in seinen (fünf) Büchern über Pilze bemerkbar, die ein wenig unwissenschaftlich, jedoch informativ sind. Sein Wissensreichtum über Pilze ist beeindruckend. Über das Bewerben ihrer vielfachen Zwecke hinaus konzentriert sich Stamets auf den Pilz als einer der aktivsten Akteure der Natur in der Müllentsorgung, nämlich durch seine Fähigkeit Toxine abzubauen und verseuchte Ökosysteme zu transformieren.

1997 zeigte Stamets’ Forschung (in Zusammenarbeit mit den in den USA ansässigen Pacific Northwest Laboratories), dass Austernpilze Ölteppiche reinigen können. Ihr Experiment bestand daraus, Pilzstämme auf Diesel-kontaminierte Erde zu geben. Nach acht Wochen entdeckten sie, dass diese Pilze 97 Prozent der Polycyclischen aromatischen Kohlenwasserstoffe (PAHs) entfernt haben. Das sind Chemikalien im Öl, die so etwas wie der Heilige Gral der Ölteppich-Gegenmittel waren – es wurde lange erfolglos danach gesucht. Die Versuche zeigten, dass Pilze (anders als öl-essende Bakterien) tatsächlich das Öl zersetzen und verseuchte Erde wieder landschaftsfähig machen.

Als Reaktion auf diese großartigen Ergebnisse arbeitete Eric Rasmussen, ein damaliger Wissenschaftler des US Verteidigungsministeriums und Katastrophenexperte, mit Stamets zusammen an Lösungen, um die Gegend um Japans Atomkraftwerk Fukushima mit Pilzen zu dekontaminieren. Die Umweltschutzbehörde Environmental Protection Agency (EPA) der Vereinigten Staaten gewährten ihm 80.000 US-Dollar Forschungszuschuss, um an ökologischeren Lösungen zu forschen, speziell an Pilz-basierten. Ziel war es, die Ölpest von 2010 an der Golfküste Mexikos zu beseitigen. Trotzdem, Pilze bei derartig großen Reinigungsprojekten zu einzusetzen, steht noch aus.

Es hat sich nicht nur gezeigt, dass Pilze fähig sind Öl zu fressen. Jack Ward, ein Wissenschaftler vom Battelle Institut, sagt, dass essbare Pilze irgendwann auf Arealen wachsen könnten, die einst mit Nervengas kontaminiert wurden. Seine Studien zeigen den Abbau des Nervengases durch den Psilocybin Pilze. Ebenso wurde Forschung zu salzwasserresistenten Pilzzüchtungen betrieben, um sie auf Ölteppichen im Meer einzusetzen.

4622118953_946dde78c5_z David Rencher

Was hat es mit den Pilzen auf sich?

Stamets’ beliebter TED Talk “Sechs Wege, mit denen Pilze die Welt retten können” erzählt uns mehr über die Pilze, die aus dem Myzel entspringen. Er schwärmt sehr für sie. Mit seinem Bart und seinem legeren Outfit sieht er aus wie der freundliche Nachbar aus dem Pazifischen Nordwesten. In seinem umgangssprachlichen, aber konzentrierten Stil erzählt er uns, dass wir mehr mit Pilzen verbunden sind als mit jeglichem anderen tierischen Reich, und anfällig für dieselben Krankheitserreger. Pilze wachsen außerdem sehr schnell und nutzen Strahlung als Energie wie etwa Pflanzen das Sonnenlicht. Sie können eingesetzt werden, um Grippeviren und Pocken zu bekämpfen und darüber hinaus, um die Umwelt zu erneuern. Demnach schlägt Stamets vor, den Wald zur Aufgabe der nationalen Verteidigung zu machen, denn er ist voll von starken aber aussterbenden Arten. Insektenessende Pilze helfen nicht nur bei der Verteidigung ihres Zuhauses vor einer Ameisen- oder Termitenepidemie, sondern wachsen auch aus den toten mumifizierten Insekten. Dies wurde patentiert und ist bahnbrechend in der Pestizidindustrie. Stamets Worte klingen einleuchtend und glaubwürdig, und mit einem Hauch an Dringlichkeit, dass jeder über Pilze Bescheid wissen sollte.

Stamtes sagte dem Discover Magazin, dass “sie eine zellulare Intelligenz haben. Wenn du durch den Wald gehst, schießen sie empor auf der Suche nach Ablagerungen. Sie wissen, dass du da bist.” Neben der Fähigkeit menschliche Anwesenheit zu erspüren, können Pilze kranke Bäume im Wald erkennen und ihnen helfen. Außerdem können sie in ihrem Wachstumsverhalten auf die sie umgebende Umwelt reagieren und sich anpassen.

Teil des Problems, dass Pilze nicht als ökologisches Mittel verwendet werden, ist, dass man nicht viel über sie weiß. “Wenn du Pilze erwähnst, denken die Leute entweder an Magic Mushrooms oder Portobellos. Es interessiert sie nicht weiter”, meint Stamets. Seine Feststellung klingt glaubhaft: Obwohl Pilze den Appetit anzuregen vermögen, denkt man kaum an das gesamte Potential eines Pilzes, man verwendet ihn einfach. Heutige Pilze sind vielleicht nicht so gigantisch groß wie die Prototaxites, aber sie sind immer noch mysteriös. Weniger als sieben Prozent von den geschätzten 1,5 Millionen Arten, die existieren, wurden katalogisiert, was heißt, dass es noch eine Vielzahl an Pilzarten und Pilznutzungen gibt, die es zu entdecken gilt.

Cage wie auch Stamets lag viel an der Rolle des Pilzes in der Umwelt.

John Cage. The Mushroom book. Page 1651943c56cea1dJohn Cage, Mushroom Book. © John Cage Trust at Bard College

Eine Frau frage Cage einst: “Hast du eine Erklärung für den Symbolismus in Bezug auf den Tod Buddhas, als er einen Pilz aß?”, worauf Cage meinte: “Pilze wachsen sehr stark im Herbst, der Jahreszeit der Verwüstung und der Zweck vieler Pilze liegt darin, für den letzten Zerfall des verrotteten Materials zu sorgen. In der Tat, wie ich irgendwo las, würde die Welt ein unbändiger Haufen alten Mülls sein, würde es nicht Pilze und ihre Fähigkeit ihn zu beseitigen geben.” Also schrieb er der Frau in Philadelphia: “Der Zweck der Pilze ist die Welt von altem Müll zu befreien. Buddha starb also eines natürlichen Todes.”

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[1] Das Schachbuch Opposition und Schwesterfelder schrieb Duchamp 1932. Duchamp war als exzellenter Schachspieler im französischen Nationalteam und zählte zu den besten 30 Spielern der Welt, nachdem er in die USA einwanderte. Cage und Duchamp spielten zeitweise vier Nächte die Woche zusammen Schach.

[2]Ein Freund postuliert, dass “Pilze die Pickel des Teufels sind”. Stamets nannte dies Mykophobie oder “die irrationale Angst vor dem Unbekannten, wenn es um Pilze geht.”

[3] Cage wusste beispielsweise, dass ein Lactarius Piperatus roh auf der Zunge brennt, aber köstlich ist, wenn man ihn kocht. In seinem Diary schrieb er: “Nachdem ich diese Information in einem kleinen französischen Handbuch las, war ich froh den Lactarius Piperatus entdeckt zu haben, als auch den L. vellereus, große weiße Pilze, die zahlreich wuchsen, wo auch immer ich suchte, die gegrillt in der Tat wirklich exzellent waren. Roh besitzen sie eine Milch, die auf der Zunge und im Hals brennt. Gekocht sind sie köstlich. Verdauungsbeschwerden.”

[4] Andrew Dalby, Food in the Ancient World from A to Z, (Routledge: London, 2003), S. 223.

[5] Bei einem Dinner von Tomer Niv im CFL wurde mir beim ersten Bissen des Pfifferling Kalbsbries so flau im Magen, als hätte ich Schmetterlinge im Bauch.

[6] JSTOR article.

[7]Nachdem er im Wald einen Pilz gegessen hatte, hing Stamets während eines Sturm in einem Baum fest, wo er sich selbst sagte, er würde nie wieder stottern, sollte er überleben.



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