Bedürfnis Ekstase:
Essen, Nicht essen, Pillen schmeißen

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Jesus ging in die Wüste und nahm 40 Tage und Nächte nichts zu sich. Er fastete, damit er gereinigt würde für das, was ihm bevor stand. Er reinigte sich für den heiligen Geist und als er gerade ganz entäußert war, bereit für die Bergpredigt, begegnete ihm der Teufel. Der schien den richtigen Augenblick abgepasst zu haben, Jesus auf seine Seite zu ziehen und das ewige Spiel zwischen Gut und Böse für immer zu entscheiden, aber Jesus blieb stark und erlöste die Menschen von ihren Sünden. In Anbetracht einer ganz bestimmten Angelegenheit war dies auch dringend notwendig.

Rom, ca. 200 Jahre vor der Bergpredigt: Die Stadt war in höchster Aufregung. Die Bacchanten hatten wieder zugeschlagen. Es war Anfang März und sie feierten ihre Bacchanalien, die in Griechenland als Dionysien bekannt waren. Der Kult kam von den Griechen und war Dionysos gewidmet, dem Gott des Rausches und der Ekstase. Was immer schon sehr wild zuging, wurde von den Italienern in neue Dimensionen überführt. Ihnen waren vom harschen römischen Regime moralistische Daumenschrauben angelegt worden und sie hatten eine unheimliche Lust auf Übergriffiges. Dionysos erhörte ihre feuchten Gebete und schickte ihnen berauschte Griechen, die ihnen ein Fest brachten, unter dessen religiösem Deckmantel sie ihre ekstatischen Praktiken bis in unvorstellbare Gefilde ausfeilen konnten. Es blieb nicht beim Wein, es wurden auch halluzinogene Kräuter gereicht. Theaterspiel wurde zum Rollenspiel, in dem jegliche Verbindungen möglich waren. Jeder mit jedem und alle zusammen und wer nicht mitmachen wollte, bekam die Rolle des Opfers. Er wurde bei lebendigem Leibe zerrissen und gegessen, so wie es Agave einst mit ihrem Sohn Pentheus getan hat (Dionysus’ Cousin). Fleisch in jeglicher Darreichungsform, erschöpfende Tänze, wilde Kräuter. Bei den Bacchanten herrschte völlige Ekstase, totale Raserei.

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Zurück zu Jesus: „Da er 40 Tage und 40 Nächte nichts gegessen hatte, hungerte ihn.“ (Math. 1,2) Zu dem Zeitpunkt, als er dem Teufel begegnete, war sein Gehirn voll von Serotonin, einem Neurotransmitter, der für die Harmonisierung im zentralen Nervensystem zuständig ist und der unsere Stimmung regelt. Bei einem Aussetzen der Nahrungsaufnahme, wird mehr Serotonin produziert aber kaum noch Serotonintransporter. Das führt dazu, dass das Serotonin im extrazellulären Raum zwischen den Synapsen herum schwimmt und das tut, was es nicht lassen kann. Das Ergebnis, Hochgefühl, Halluzination, Euphorie, Transzendenz. Als Jesus den Teufel traf, war er high, in völliger Ekstase.

Knapp 2000 Jahre später tanzt eine Gruppe von Leuten zu repetitiver Musik. Die meisten von ihnen haben ein teuflisches Zeug genommen, MDMA, Ecstasy genannt. Sie tanzen bis die Sonne aufgeht oder länger, viel länger, jedenfalls ist sie da, wer weiß, wie oft sie schon aufgegangen ist. Die Musik scheint um alles Überflüssige reduziert zu sein und besteht nur noch aus dem Essentiellen, aus dem, was alle in sich haben oder vielleicht dem Einzigen, aus dem alle sind. Alle und alles. Es wird geschwitzt und getanzt in einem unaufhörlichen Flow, jeder für sich und doch gemeinsam. In den Stunden und Tagen und Sekunden auf der Tanzfläche wird kaum gesprochen oder anderweitig kommuniziert. Man braucht es nicht, das wissen alle zusammen. Knowing of things together nennt William James dieses Verbundensein, wenn das eigene Bewusstsein mit dem von anderen verschmilzt. Der Club ist ein einziger Pool von Serotonin, dessen Ausschüttung durch Fasten oder auch durch Rauschmittel wie LSD oder MDMA ausgelöst werden kann, oft verstärkt durch EDM.

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EDM ist die Abkürzung von Electronic Dance Music und ist kein besonders sympathischer Begriff. Er hat sich erst in den letzten Jahren entwickelt und scheint unter sich eine Reihe anderer Begriffe wie House, Trance, Rave und Techno zu vereinen. Aber in Wahrheit hat er sich die anderen eher einverleibt und hat sie dann so lange verdaut, bis auch ein „David Guetta mit zwei I-Pods und einem Mixer“ auf der Bühne stehen kann. Die Menge geht trotzdem ab und die Menge ist groß. Electronic Dance Music ist ein Stempel, der deutlich mehr umfasst als nur Musik. Wenn man über EDM spricht, spricht man meistens auch über MDMA und die Frage stellt sich: was verstärkt hier eigentlich was – die Tanzmusik die Drogen oder die Drogen die Musik und das Tanzen?

Tatsächlich ist die Wirkung wechselseitig und die Leute sind süchtig danach: „Many respondents [on MDMA] found various forms of movements to be extremely pleasurable. This is particularly true for dancing.“ Pearson et al. nehmen sogar an, dass die wilden Tanzbewegungen eine chemische Reaktion mit dem MDMA im Gehirn auslösen, so dass eine ganz neue Form von Musikwahrnehmung möglich wird. Aber schon die Musik selbst, mit ihrem repetitiven Charakter und ganz ohne Substanzen, kann den Hörer in etwas versetzen, was Simon Reynolds future now nennt: „The music itself drugs the listener, looping consciousness then derailing it, stranding it in a nowhere/nowhen where there is only sensation, where now lasts longer.“

Es ist also die Kombination aus Musik, Tanzen und Substanzen, die die Discogänger in den späten 80ern zu Ravern gemacht hat, was sie bis heute, der Zeit der EDM geblieben sind. Rave hat seine Wurzeln im französischen raver, was übersetzt „Anzeichen von Wahnsinn und Delirium zeigen“ heißt. Außenstehenden erscheint der Raver als „Menschmaschine, zuckendes Nervensystem“. Er schwitzt und tanzt und dippt oder schmeißt sich noch eine, wenn er kurz vor dem Umkippen ist.

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Die Raver träumten von PLUR: Peace, Love, Unity, Respect. Das hatten sie sich am Anfang der Bewegung auf die Fahnen geschrieben. Danach haben sie gesucht in ihrem wortlosen tanzen. Inzwischen, hört man immer öfter, sei es SEEP geworden: Selfishness, Ego, Escape, Prophet. Wie viel von dem knowing of things together ist noch übrig? Und wie viel in den Ecstasy-Pillen ist eigentlich noch MDMA? Es scheint sich viel verändert zu haben von den Warehouse Partys von damals zu den Spring Break ähnlichen Festivals von heute. Serotoninausschüttung wurde zum Massenereignis, es ist einfach zu bekommen. Es ist kommerzialisiert. Und vielleicht ist es auch ein wenig wie bei den Dionysien und den Bacchanalien. Die Ekstase, die Teil einer spirituellen Zelebration war, wird zum Selbstzweck, zu einem Zustand, in den man sich flüchten kann – vor den römischen Reitern oder vor dem grauen Alltag einer Welt, die sich immer schneller dreht.

Der katholische Priester und Zen-Meister Nikolaus Brantschen sagt, das Gefühl beim Fasten habe Religion ermöglicht. Es aktiviert ein Potential, eine Offenheit für Transzendenz. Jesus’ Fasten hat nicht so viel mit dem EDM-Tanzen gemeinsam außer die Ausschüttung des gleichen Neurotransmitters im Gehirn. Seine ruhige Innenschau steht ganz im Gegensatz zu der bacchantischen Hingabe der Raver. Aber vielleicht hat das Raven mit dem Wunsch nach genau diesem Gefühl zu tun, mit dem Moment, in dem Transzendenz und Spiritualität in Aussicht gestellt werden. Alle Gesichter sind nach vorne gerichtet, high, zum Messias, dem DJ.

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Die Wissenschaft hat schon viele Illusionen zerstört. Und auch jetzt wieder lässt sie uns etwas  hinterfragen, was wir gewöhnlich als Wahrheit hinnehmen. Vorsichtig fragen wir: Hat Jesus den Teufel getroffen oder nicht? Vielleicht war der Teufel nur eine Halluzination. Und vielleicht können wir aufatmen, weil es gar keine Trennung zwischen Gut und Böse gibt, sondern einfach nur das Sein, das Schriftsteller Aldous Huxley intensiv als Istigkeit wahrnimmt, als er auf Meskalin ist. Leider wissen wir es nicht, weil Huxley und Jesus beide einen extremen Serotonin-Überschuss hatten.

Bilder: jesus.ch, skd-online-collection, residantadvisorgiphyyoutube

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