Street Food – Arm oder Sexy?

Ich stehe vor einem Food Truck. Mich trennen vom Food Truck noch geschätzte 50 Leute, dazwischen der Geruch von laut Tafel 15 Stunden lang gegarter Schweineschulter (und noch viel länger mariniert), der mir und meinen Mitwartenden ganz klar den Weg nach vorne weist, immer der Nase lang. Als der vollbärtige, junge Mann in schwarzer Kochrobe meine Bestellung aufnehmen möchte, kommt meine Antwort wie rausgeschossen – ich hatte schließlich lang genug Zeit die drei angebotenen Speisen zu studieren, mitsamt Vor- und Nachteile aufzuwiegen, um ja nicht enttäuscht zu werden, denn der Hunger ist mittlerweile nicht zu überhören. Stolz halte ich mein Bánh Mì mit Pulled Pork in Sesam-Wasabi-Sauce in den Händen, als hätte ich das Schwein selbst erlegt, vorbei an allen anderen, die an meiner Stelle nachgerückt sind. Wo das war? Es könnte in jeder Stadt gewesen sein, die momentan etwas in Sachen hipper Kulinarik auf sich hält. Denn Street Food boomt und sprießt in sämtlichen Städten aus den Pflastersteinen. So sehr, dass die Briten sogar einen Award dafür verleihen.

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Street Food ist das alte Feiern – und noch viel mehr.

Doch zurück zu meinem Bánh Mì. Es hat nur sehr wenig mit dem klassischen vietnamesischen Bánh Mì zu tun, doch das macht gar nichts, denn es schmeckt vorzüglich. Das Schwein war sicher glücklicher als das, was zu einer Chả lụa verarbeitet wird, der vietnamesischen Wurst, die üblicherweise auf einem Bánh Mì landet. Aber für umgerechnet 80 Cent kann man schließlich kein 15 Stunden lang geschmortes Fleisch erwarten. Soviel kostet nämlich das Bánh Mì in Vietnam, das man dafür an fast jeder Straßenecke findet, in jedem noch so kleinen Kaff. Denn Street Food ist in solchen Ländern kein Trend, sondern gehört seit Jahrhunderten zum ganz normalen Alltag.

Eine große deutsche Zeitung schrieb einmal, Essen sei das neue Feiern. In Südostasien ist Essen schon immer Feiern. Nicht zuletzt aufgrund tropischer Bullenhitze und mangels gepflegter Clubkultur treffen sich Einheimische abends meist draußen auf der Straße. Sie sitzen auf kleinen Plastikstühlen und amüsieren sich bei kaltem Bier, Fruchtsmoothies und jeder Menge Street Food. Clubs und Partys? Ja, aber nur für Touris.

Laut FAO ernährten sich 2007 rund 2,5 Milliarden Menschen täglich von Street Food, in Bangkok decken Street Food Händler 40 Prozent des Lebensmittelsbedarf der Einwohner. Für diese Menschen ist Street Food keine neue Form des Amusement, sondern existenzielle Grundlage. Wer arbeitet, gar Pendler ist, oder zuhause gar nicht die Möglichkeit hat zu kochen, ist auf Street Food angewiesen – ebenso Kinder, die sich meist ohne Frühstück auf den weiten Weg zur Schule machen und unterwegs etwas zu essen kaufen. Genauso darauf angewiesen sind die Händler selbst, denn Street Food bietet vor allem Ungebildeten, leider zumeist Frauen, eine der wenigen Möglichkeiten selbst Geld zu verdienen.

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Umso absurder scheint das Vorhaben Bangkoks, die Innenstadt von fliegenden Händlern für ein touristenfreundlicheres Auftreten zu bereinigen. Schließlich sind es auch die Touristen, die zum festen Kundenstamm der Street Food Köche gehören, die Night Markets überlaufene Touristenattraktionen. Und wer kein Thai spricht, ist schließlich froh darum, in den brutzelnden Topf eines Street Food Standes schauen zu können, um nach Auge und Nase seine Wahl zu treffen anstatt in ein thailändisches Restaurant zu gehen, das Schnitzel auf der englischensprachigen Karte hat.

Das Leben findet in wärmeren Entwicklungsländern fast gänzlich auf der Straße statt und so auch das Essen. Das liegt einerseits am Wetter und andererseits am Lebensstandard. Die wenigsten leben so komfortabel, dass sie sich gerne zu Hause aufhalten würden. Es fehlt an gut ausgestatteten Küchen und vielmehr noch an Essplätzen. Daher wundert es nicht, dass Street Food sich in Südamerika oder Südostasien stärker ausprägte als beispielsweise im weit entwickelten, kalten Norwegen. Aber einige typische Street Food Gerichte würden unter einem Dach auch gar nicht funktionieren. Das jamaikanische Jerk Chicken etwa, das traditionell in umgebauten Öltonnen gegrillt wird, wäre undenkbar hinter stabilen Wänden – es sei denn, man will sich selbst gleich miträuchern. So wird es draußen zubereitet, dort für wenig Geld verkauft und direkt gegessen.

Street Food IV

Essen für die Armen

Und wo wir schonmal beim Geld sind: Ein wichtiges Merkmal von Street Food ist seine Erschwinglichkeit. Denn Street Food ist etwas für Arme – und das schon immer.

“Garkoch, Koch in einer Stadt, bei welchem man täglich gekochte oder gebratene Speise bekommen kann, sein Local Garküche, meist nur von der niederen Klasse benutzt.” So steht es im Pieres Universal-Lexikon von 1858. Bei Ausgrabungen in Pompeji fanden Archäologen Spuren von Street Food Ständen, außerdem eine ganze Reihe an sogenannten Thermopolia, eine Art Schnellimbiss. Verkauft wurden vor allem Hülsenfrüchte wie Bohnen oder Linsen, die auf eine einfache und günstige Küche hinweisen, selbst der Wein wurde mit Wasser vermischt. Street Food hat als Versorgungsquelle des einfachen Volkes also eine lange Tradition, die Wurzeln reichen bis in die Antike.

Noch heute besticht klassisches Street Food in Entwicklungs- und Schwellenländern durch seine Einfachheit der Gerichte, die auf entsprechendes Klientel schließen lassen. Es handelt sich in der Regel um simple, traditionelle Speisen. Sie sind günstig aufgrund regionaler, reichlich vorhandener Zutaten (gegrillte Sardinen, die Sardinhas assadas aus Portugal oder Brasilien) und äußerst nahrhaft (Akume aus Togo, bestehend aus Mais- und Maniokteig), um satt zu machen. Es mag sogar sein, dass Touristen auf der Suche nach der “wahren, authentischen” Küche des Reiselandes zur Erhaltung vieler traditioneller Gerichte beitragen. Und weil Reisen noch nie so erschwinglich war wir heute, profitiert auch der kulinarische Horizont davon. Bemerkbar macht sich das auch bei der westlichen Street Food Bewegung, die so manches eingestaubtes Rezept auf den Stand der Zeit bringt und ihm neues Leben einhaucht (ich sage nur Bánh Mì mit Pulled Pork).

Strret Food V

Wer allerdings ganz und gar nicht auf traditionelle, authentische Hausmannskost steht, ist die junge Generation dieser Entwicklungs- und Schwellenländer. Für sie steht McDonald’s und Co. noch immer für Wohlstand und Coolness. Was bei uns als billiger und schlechter Fraß verschrien ist, gilt bei ihnen oftmals als die angestrebte Westlichkeit. Amerikanisches Fast Food ist in diesen Ländern im Vergleich keinesfalls billig, doch wenn sie die Wahl haben, nehmen sie lieber den industriell hergestellten, gebrandeten Cheeseburger als den in altes Zeitungspapier eingewickelten Reisknödel.

Noch ironischer ist es, dass gerade der Burger, das Fließbandessen schlechthin, gar zum Phänomen der westlichen Street Food Bewegung geworden ist.

Better Burger

“Sich was Gutes tun und dabei Gutes tun”, das geht wohl nirgendwo so schnell befriedigend wie bei nachhaltigem Essen. Schon seit einigen Jahren ist hochwertiges, nachvollziehbares Street Food schwer angesagt, gerade in Metropolen gibt es eine große Nachfrage an Alternativen zu industriellem Fast Food. Better Burger statt Burger King. Was mit ein paar Food Trucks in New York begann für Besseresser, die mit Kleingeld, aber nicht mit Zeit glänzen können, entwickelte sich zu einem regelrechten Hype, ja einer Bewegung. Sich gesund, ökologisch korrekt und vor allem gut zu ernähren ohne kompliziertes Restaurantambiente (der Truck dagegen darf wirklich stylisch sein) – das ist das neue, westliche Street Food.

“An kaum einer alltagskulturellen Praxis lassen sich die Transformationsprozesse der europäischen Kultur so deutlich nachzeichnen wie an der täglichen Ernährungund so passt Street Food zu unserer Zeit wie der Deckel zu seinem Topf.[6] Street Food steht für Mobilität, Flexibilität, Varianz und im besten Fall für gutes Gewissen ohne Genusseinbußen. Seit jeher ist Essen ein gesellschaftliches Distinktionsmerkmal. Durch Street Food ist es zusätzlich zu einem Merkmal von Hippness geworden, wie man sowohl an den Events rund um Street Food als auch deren Kundschaft erkennen kann. Es wundert nicht, dass viele Street Food Gastronomen gar nicht aus der klassischen Gastronomie kommen, sondern aus der Kreativ-Entrepreneur-Szene. Eigentlich ist es sogar ganz logisch: Menschen, die den Mac genauso oft wie den Herd berühren, wissen einfach, was bei den Leuten ankommt.

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Ein Bánh Mì, zwei Absichten.

Das „neue“, westliche Street Food entstand aus ganz anderen Motivationen als das „alte“. Während das Bánh Mì in Vietnam seit jeher diejenigen sättigt, die sich mehr einfach nicht leisten können, reiht sich das westliche Bánh Mì zu hochpreisigen Gourmetburgern ein, die guten Geschmack und reines Gewissen versprechen. Street Food sollte die Armen einst schnell und einfach mit der nötigen Grundlage im Magen versorgen. Street Food im Westen versorgt uns schnell und einfach mit dem nötigen grünen Lifestyle, der Fast Food besser schmecken lässt.

Von westlichen Street Food Machern liest man des Öfteren, wie sie ihren Teil dazu beitragen möchten, dass mehr über Essen und seine Konsequenzen nachgedacht wird. Der Austausch zwischen Erzeuger und Konsument soll mehr ins Blickfeld rücken, wir uns bewusster werden über das, was zwischen die Zähne kommt. Nachdem ich mein Bánh Mì alleine im Stehen verschlang, weil ich keinen Sitzplatz mehr fand, stellte ich beschämend fest, dass ich mit dem Food Truck Betreiber ganze zwei Silben und (immerhin) ein „Danke“ gewechselt habe. Doch die Hungrigen hinter mir hätten es niemals verziehen, wenn ich auch noch nach der Herkunft der Brötchen gefragt hätte. Vielleicht ist Street Food im Westen noch zu neu und aufregend, um kritische Gespräche zu führen. Vielleicht bleibt es auch nur ein kurzweiliger Hype, bis der nächste ihn ablöst. Ich würde es begrüßen, wenn wir in naher Zukunft wie in Vietnam so entspannt auf der Straße snacken und uns über Gott und das Essen unterhalten. Dort zwingt mich der viel zu kleine Plastikstuhl auf Augenhöhe mit der Bánh Mì Verkäuferin zu reden, die tagein, tagaus Brötchen belegt und mir in aller Bildlichkeit erzählt, woher ihre Brötchen kommen: von den Franzosen, die zur Kolonialzeit das Baguette einführten.

Bilder: Street Food in Hanoi und Saigon, Vietnam von Dieu-Thanh Hoang

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