Der Weltacker:
Was wächst auf deinen 2000 m²?

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Was kann man auf 2000 m² alles machen?

Um den alten Vergleich zu bemühen: Ein durchschnittliches Fußballfeld ist dreieinhalb mal so groß. Man könnte etwa 83 Gartenlauben oder einen Parkplatz für etwa 200 Autos darauf bauen. Oder Landwirtschaft darauf betreiben.

Denn diese 2000 m² sind die Fläche, die jedem Menschen zustünde, wenn man die 1,4 Milliarden Hektar Agrarfläche dieser Erde durch die etwa 7 Milliarden Menschen, die auf diesem Planeten leben, teilte. Hierbei ist Weideland nicht mit einberechnet, wohl aber Flächen für Anbau von Futterpflanzen, Textilpflanzen und sogenannten Energiepflanzen. 2000 m², die ohne Abholzung von Wäldern oder Trockenlegung von Feuchtgebieten nicht expandierbar sind, 2000 m², deren Produktivität ohne noch mehr Input von Pestiziden und Mineraldüngern scheinbar nicht steigerbar ist und das bei einer exponentiell wachsenden Weltbevölkerung.

Auf einem Feld mit Seeblick im Spandauer Stadtteil Gatow hat sich eine Gruppe Menschen dem Experiment hingegeben, genau diese 2000 m² zu beackern. Auf etwa 10 x 200 von Obstbäumen gesäumten Metern haben sie im letzten Jahr die Feldfrüchte der Welt und ihren Flächenverbrauch im kleinen Maßstab angebaut, daher der Name: Weltacker.

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Die Feldfläche wurde von SpeiseGut, einem Berliner CSA-Projekt zur Verfügung gestellt. Nebenan befinden sich runde Bauerngärten, von denen man sich anteilig bereits bepflanzte Kuchenstücke zum selbst Bewässern und Ernten, pachten kann. Sie liegt also in einer landwirtschaftlich-experimentellen Umgebung.

Am 25. und 26. April wurde mit einem Projektwochenende in die diesjährige Saison gestartet und damit auch der neue Versuch begonnen, symbolisch eine Person, den Koch Florian Kliem, ein ganzes Jahr von „seinen“ 2000 m² zu ernähren. Bei den Beteiligten ist der Optimismus, dass es funktionieren wird so groß, dass sogar ein Gast pro Woche mitversorgt wird. Denn obwohl der durchschnittliche Lebensmittelverbrauch eines Europäers 2700 m² Agrarfläche in Anspruch nimmt, also eigentlich mehr, als ihm eigentlich zukäme, fallen bei dem Experiment in Spandau Flächen für die Futtermittelproduktion weg, da bis auf den Honig aus der eigenen Beute, eine rein pflanzliche Lebensmittelversorgung auf dem Plan steht.

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So begann das Jahr auf dem Weltacker mit einer offiziellen Einweihung durch Frau Hube vom Natuschutz- und Grünflächenamt Spandau und dem Basteln von zum Teil ziemlich gruseligen Vogelscheuchen.

Es gab einen Workshop zum Thema Kompost, der eher eine individuelle Beratung war, da je nach Boden, Größe und je nachdem, welche Bioabfälle zu Verfügung stehen, eine ganz eigene Kompostkompositionierung entwickelt werden solle.

Für das leibliche Wohl wurde gesorgt, es gab Kaffee und Kuchen, vegane Burger und Bio-Bratwurst mit Kartoffelkeilen.

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Auch wurde mit der Aussaat von Kartoffeln in den sandigen Berliner Boden durch fleißige, freiwillige Hände begonnen. Der Pflanzplan für 2015 sieht des Weiteren Getreide, Sonnenblumen und Ölsaaten, Hülsenfrüchte, weiteres Knollengemüse, Kohlgewächse und anderes Blattgemüse, Buchweizen, Zwiebeln, Kräuter und einige Raritäten vor.

Samen von Zier- und Nutzpflanzen wurden zur Mitnahme angeboten und den ganzen Tag über konnten Seedballs, die Klassiker des Guerillagärtnerns, zusammengemischt, gerollt und zwecks urbaner Begrünung mitgenommen werden.

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Eine Ackerrallye, eigentlich für Kinder von 7 bis 12 Jahren gedacht, aber auch äußerst informativ für Menschen jeden Alters, lud zum spaßigen Auseinandersetzen mit den Themen Regionalität, Essgewohnheiten aus aller Welt, Flächenverbrauch (1l Sonnenblumenöl benötigt fast doppelt so viel Fläche wie 250g Schnitzel) und dem Wegwerfen von Lebensmitteln ein.

Am Ende lautete die Lösung des Quiz: „Was wächst auf deinem Weltacker?“

Und genau diese Themen sind es, die das Weltackerteam in den Fokus der Öffentlichkeit rücken will. Dafür führen sie dieses symbolische Experiment durch, das auch schon Ableger in Schweden und sogar China nach sich zieht, um Menschen zum Nachdenken über ihre Konsumentensouveränität anzuregen und ihnen zu zeigen dass ihre Entscheidungen einen weitreichenden Einfluss haben können. Dafür haben sie sich auch zwei fiktive Personen erdacht, Carla Giardini und Ben Wissler, die auf ihrer unterhaltsamen und informativen Website kurz und knackig über den Zusammenhang zwischen individueller Ernährung und Landwirtschaft, zwischen persönlichen Konsummustern und zum Teil äußerst destruktiven Produktionsstrukturen aufklären.

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Finanziert wird das Ganze durch private Spenden und Stiftungsgelder, eine Kommerzialisierung ist nicht angedacht. Viel Arbeit wird von ehrenamtlichen Helfern verrichtet. Davon könnten auch immer gerne mehr vorbeikommen.

Und Vorbeikommen lohnt sich, denn regelmäßig finden auf dem Weltacker Veranstaltungen statt, bei denen man dieses tolle Projekt tatkräftig unterstützen kann. Allein schon die Anreise, vom S-Bahnhof Wannsee mit der BVG-Fähre nach Kladow und ein sehr schöner, etwa halbstündiger Spaziergang entlang der Havel sind ein Ausflug wert.

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