Expo? NoExpo! Die Weltausstellung als Spiegel einer seltsamen Realität

Meine Füße waren geschunden, als ich aus Italien von der Expo zurück kam. Ich habe sie mir wund gelaufen auf der Suche. Ich habe ziemlich viel Strecke zurückgelegt. Und nichts gefunden.

Noch nie habe ich soviel Nichts gesehen. Nichts in unglaublichen Dimensionen, unfassbares Nichts unter dem Motto „Feeding the World, Energy for Life“. Eine riesige Anhäufung von Nichts in Form von sehr bunten Pavillons. Dieses Nichts war so beeindruckend, dass sich in mir ein intensives Gefühl der Leere ausbreitete, das so überwältigend war, dass ich anfing, alles in Frage zu stellen, zum Beispiel meine Existenz oder die der Pavillons oder der Politik. Vielleicht träumte ich ja auch. Ich wandelte weiter und immer stärker kam in mir die Angst auf, dass ich mich verlieren könnte zwischen den ganzen haushohen Kirmesständen und nie wieder herausfinden würde, ähnlich wie Jack Nicholson in One Flew Over the Cuckoo’s Nest.

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Welcome to the future we are working to create. Barak und Michelle wissen selbst nicht ganz genau, ob das ein Versprechen oder eine Drohung ist, und blicken mir mit verzerrten Gesichtern aus dem amerikanischen Pavillon entgegen. Ich frage die studentische Hilfskraft, eine Politikstudentin, eine ganz persönliche Frage: was sie davon hält, dass McDonalds einen Pavillon auf der Expo hat. Sie findet es amazing und ist glücklich darüber, dass jetzt sogar die ganz großen Fast Food Ketten verstehen, worauf es ankommt. Im Pavillon, ein neues Bestellsystem. Brasilien hat ein riesiges Netz aufgespannt, ein Trampolin! Slowenien macht Werbung für seine Strände – die Flugtickets kann man gleich im Pavillon erwerben. Russland hat ein unglaubliches Vordach gebaut! Es ist verspiegelt, so dass man sich selbst erkennen kann, wenn man nach oben schaut. Man kann auch viele McDonalds Luftballons in dem Vordach sehen. Drinnen eine Bar mit Neonfarben und vielen blubbernden Blasen und buntem Dampf, scheinbar eine Hommage an die Science Fiction Fantasien aus dem letzten Jahrhundert. Nostalgisch…

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Aber schauen wir lieber in die Zukunft im Future Food Distrikt, schließlich gilt es bald 9 Milliarden Menschen zu ernähren, wie Barak und Michelle uns bei den Amerikanern im Loop eröffnet haben. Das erweist sich allerdings nicht als Grund zur Unruhe, denn die Leute werden sehr innovativ, wenn es ihnen an den Kragen geht. Und so gibt es für alles eine Lösung: Coop! Kaufen Sie bei Coop. Denn Coop wird in Zukunft ein wahnsinniges Einkaufssystem haben. Es funktioniert folgendermaßen: Man deutet auf eines der im Regal angeordneten Produkte und der Screen über dem Regal zeigt an, woher das Produkt kommt und aus welchen Nährstoffen es besteht. Den vollen Einkaufskorb kann man sich dann nach Hause schicken lassen. (Solange es eben noch genug Nahrungsmittel für alle gibt. Aber dieser Punkt wird ausgespart.)

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Wenn wir uns über die Expo 2015 „Feeding the Planet, Energy for Life“ unterhalten, brauchen wir nicht über die Themen Welternährung und Nachhaltigkeit zu sprechen, denn darum geht es auf der Expo nicht.

Ich war an einem Ort gelandet, der sich mit Hilfe von 12.5 Milliarden Euro so weit von der Realität entfernt hatte, dass schon mal ein leichtes Schwindelgefühl aufkommen konnte. Das Erstaunliche war, dass mir eine geschlossene Gruppe von Menschen mit ihrem munter ins Leere sprühenden Enthusiasmus vermitteln wollte, dass dies hier die Realität sei. Aber noch hatte ich den Boden unter den Füßen nicht verloren und baute mir eine Brücke zur (vermeintlichen) Realität, in dem ich rekapitulierte: Was war nochmal eine Expo?

Die erste Expo fand 1851 statt. Das war auf dem Höhepunkt der Industrialisierung. Die Expo war eine Industrieschau, wobei beide Komponenten neu waren, das Industrielle und das Ausstellen. Die Anfertigung von Produkten durch industrielle Arbeit war von England aus kommend gerade erst so richtig in Europa angekommen und brachte die Möglichkeit einer Zur-Schau-Stellung seiner Produkte vor einer breiten Öffentlichkeit mit sich. Ausstellungen wurden von nun an immer größer, es wurden Museen gebaut und Expos ausgerichtet und es wurde vor allem ein Organ des Europäers angesprochen: der Wunsch nach Possession und die Hoffnung einer damit einhergehenden Identität. Individualität wurde gegen Typus ausgetauscht. Auf diese Art konnte die Öffentlichkeit wunderbar „gebildet“ werden, geschacksmäßig erzogen. Germano Celant, Kurator der laufenden Ausstellung Foods & Arts in der Triennale Milano, argumentiert, dass das ‘sich Verlieren’ in der Welt der Expo einen großen Teil ihres Konzeptes ausmacht. Die Verbindung zur Realität kann der Besucher durch die Entscheidung zum Konsum von Produkten wiederherstellen.

Die ‘Expobildung’ scheint jedoch diese Art von Konsumpropaganda bei weitem zu übersteigen und ist enger mit dem realen politischen System verbunden, als man zunächst annehmen würde. „The world fair modelled the principle of capitalist democracy before it became an established form of governement“, so Künstler Jonas Staal. Er macht es an drei Charakteristiken fest: 1. Das friedliche Nebeneinander von verschiedenen und unterschiedlich gesinnten Staaten durch gewisse Übereinkünfte. 2. Das Nicht-Aufkommen-Lassen von Zweifeln gegenüber dieses friedlichen Status durch Propaganda oder – wie sie Edward Bernays nach dem Zweiten Weltkrieg aufgrund der negativen Konnotation des Begriffs umgetauft hat – die Public Relation Industry. Und drittens, die enge Zusammenarbeit von Staat und Unternehmen.

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Es war beeindruckend, wie sehr diese drei Komponenten die Expo immer noch fein säuberlich konstituieren, angefangen bei der Repräsentation der Länder durch nationale Pavillons. Deren lächerlich-prunkvolle Architektur repräsentiert nichts weiter als einen – man müsste meinen längst veralteten – Nationalstolz, der zu einem holen Wettbewerb führt und jegliche inhaltliche Diskussion unterbindet. Dann, der riesige Kommunikationsapparat für die Public Relations. Er hat sich zur Aufgabe gemacht, das Nichts so enthusiastisch zu kommunizieren, dass sämtliche Gegenstimmen im Kern erstickt werden. Die Zusammenarbeit von Staat und Unternehmen schließlich, manifestiert sich ganz schlicht in den eigenen Pavillons der Unternehmen Coca Cola und McDonalds und noch einiger anderen. Unternehmen und Länder werden also praktisch gleichgesetzt, ungeachtet dessen, dass die Grundsätze der Unternehmen den offiziell kommunizierten Zielen der Länder diametral entgegenstehen.

Beeindruckend ist auch, wie sehr wir alle diese Mechanismen von außerhalb der Expo kennen. Und so musste ich zu dem Schluss kommen: Die Expo ist ein Spiegel.

Sie spiegelt vor allem die Eigendynamik eines Kapitalismus, der immer weniger Demokratie braucht, um zu überleben. Und sie zeigt uns, warum es so verdammt schwierig ist, einen Wandel einzuleiten, auch wenn es um so essentielle Themen wie die Welternährung geht. Denn Politik/Expo muss, nein kann bei ihrer derzeitigen Konstitution nicht auf diejenigen hören, die tatsächlich etwas zu sagen haben.

Auf dem Weg zur NoExpo Demnstration am 1. Mai in Mailand

Die Expo ist eine Vanity Fair, sagen Herzog und DeMeuron. Sie waren unter denen, die etwas zu sagen hatten. Zusammen mit den Architekten Boeri, McDonough und Burdett und dem Slow Food Gründer Carlo Pertrini haben sie einen Masterplan entwickelt, der sich weg vom Nationalstolz, hin zu Diskussion und Auseinandersetzung bewegen wollte. Die Pavillons hätten sich untereinander sehr geähnelt. Sie hätten sich durch ihre Inhalte und nicht durch ihre Architektur unterschieden. Sie waren nachhaltig geplant und vorbestimmt für eine Wiederverwendung in der Landwirtschaft. Auch wäre die gesamte Fläche (die vorher teilweise landwirtschaftliche Nutzfläche war) nicht mit Beton übergossen worden.

Es hat alles ziemlich viel Sinn gemacht, aber dann ist alles anders gekommen, ohne dass man so richtig wusste, warum. Es gab eine rätselhafte Eigendynamik der Dinge. Jacques Herzog: „Maybe it is like a swarm of fish swimming in one direction; we tried to navigate it in the other, but somehow they kept swimming.“ Die fünf Architekten und Petrini ließen den Exposchwarm davon schwimmen und stiegen 2011 aus, sorgfältig verdeckt von der Public Relation Industry.

Trotzdem, Herzog, DeMeuron und Petrini sind doch auf der Expo vertreten: mit dem Slow Food Pavillon. Dort kann man sich einen kleinen Eindruck davon machen, wie es hätte sein können. Drei einfache, längliche Strukturen aus Holz sind in einem Dreieck angeordnet, so dass sie einem duftenden Hof mit Kräutergarten Raum geben. Drinnen und draußen kann man Biodiversität mit allen Sinnen erleben. Eine weitere Überraschung: Österreich. Im Pavillon, ein Wald, Ruhe, frische Luft. Das Thema, Sauerstoff. Das Gebäude, energieautark.

Diese beiden Orte sind Ausnahmen einer ziemlich verrückten Regel.

Die nächste Expo wird 2017 in Kasachstan ausgerichtet.

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