Zum süchtig werden

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Als sich vor einigen Jahrzehnten das öffentliche Bewusstsein für die Gefahren des Rauchens öffnete, bedeutete das einen herben Einschnitt für die Tabakindustrie. Neben den Spätfolgen die das Qualmen nach sich zieht, war es vor allem das enorme Suchtpotential des Nikotins, welches die Gemüter erregte. Steuern wurden erhoben, Werbungen verboten, das Mindestalter erhöht. Die Folgen für die Industrie lassen sich nur in roten Zahlen ausdrücken. Ein ähnliches Schicksal könnte bald die Lebensmittelindustrie ereilen. Dass Fast Food und Süßigkeiten nicht gerade gesund sind, ist natürlich schon lange bekannt. Allerdings schien das Suchtpotential solcher Produkte lange unterschätzt worden zu sein. In den letzten Jahren ergaben Studien, dass einige Leckereien Stoffe enthalten, die eine ähnliche Abhängigkeit erzeugen können, wie Kokain und andere Drogen.

Grund, dass diesem Problem überhaupt erst Aufmerksamkeit zuteil kam, ist die alarmierende Geschwindigkeit der Zunahme von Übergewichtigen in westlichen Industrieländern. Die absolute Speerspitze sind auf diesem Gebiet immer noch die USA mit einem traurigen Rekord von einem Drittel der Gesamtbevölkerung, welches sogar die Einstufung „fettleibig“ erhält. Von den 314 Millionen Einwohnern werden Schätzungen zufolge, bis zum Jahr 2030 ca. 165 Millionen in diese Kategorie fallen. Damit wäre die 50% Marke überschritten. Doch woran liegt das? Können wir uns nicht mäßigen? Sollten wir es denn nicht besser wissen?

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Natürlich wissen die Meisten, dass zuviel Zucker und Fett in der Ernährung nicht gerade erbaulich ist, das lernt man spätestens in der Grundschule. Wie oft nimmt man sich nicht vor, in Zukunft auf Ungesundes zu verzichten, nur um dann bei der erstbesten Gelegenheit doch wieder dem alten Laster zu verfallen. Die Versuchungen sind einfach zu zahlreich. Ein essentielles Problem bei dem Ganzen ist, dass wir allein mit gutem Willen oft nicht viel ausrichten können. Der Ursprung unserer Lust nach Ungesundem liegt verborgen in den Untiefen unseres Gehirns. Nehmen wir zum Beispiel Zucker zu uns – und das tut der Mensch schon immer, heute allerdings in rauen Mengen – wird bei der Ankunft des Zuckers im Blut, die Produktion von körpereigenem Insulin angeregt. Das Insulin hat die Aufgabe, den Zucker und alle mit ihm einhergehenden Kohlenhydrate aus dem Blut zu entfernen und anschließend an andere Zellen zu verteilen, die ihn in Energie umwandeln. Die Insulinproduktion hat allerdings noch einen weiteren, recht angenehmen, Nebeneffekt: Sie regt die Bildung des Neurotransmitters Serotonin im Hirn an. Der auch als „Glückshormon“ bezeichnete Stoff ist, wie der Name schon sagt, mitverantwortlich für unser Wohlbefinden. Depressionen lassen sich zum Beispiel häufig auf einen niedrigen Serotonin-Spiegel zurückführen. Kommt er ins Spiel, gibt uns das ein angenehmes Gefühl der Gelassenheit. Und welches Gehirn will darauf schon verzichten, hat es einmal Blut geleckt?

Diese Achillesverse macht sich die Lebensmittelindustrie natürlich zu nutze. Bob Drane, Führungskraft bei Oscar Mayer und Erfinder der Lunchables (dazu gleich), sagte in einer Präsentation vor Medizin-Studenten: „Discover what consumers want to buy and give it to them with both barrells. Our limbic brains love sugar, fat, salt…So formulate products to deliver these. Perhaps add low-cost ingredients to boost profit margins. Then ‘supersize’ to sell more.” Natürlich waren Zucker und Fett schon immer Teil der menschlichen Ernährung, doch wie Drane richtig bemerkt, ist der industrielle Einsatz solcher Stoffe heute so fortgeschritten, dass ihre Dosierung exakt den profitversprechendsten Marktbedürfnissen angepasst werden kann. Zugunsten des Gewinns und auf Kosten der Gesundheit, versteht sich.

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Die eben erwähnten Lunchables geben für diese Vorgehensweise ein vorzügliches Beispiel ab. Sie wurden aus der Not geboren und entwickelten sich über die Jahre zu einem der erfolgreichsten (und wahrscheinlich auch ungesündesten) Snacks der Lebensmittelbranche.

Mitte der 80er Jahre stagnierte der Verkauf von industriell gefertigtem Fleisch in den USA. Die Oscar Mayer Company, einer der größten amerikanischen Produzenten von Fleischprodukten mit dem Fokus auf Wurst, Schinken und Mortadella, wurde davon besonders hart getroffen. In einer aufwendigen Marktforschungsaktion unter der Leitung von Bob Drane wurde ermittelt, dass der Hauptzielgruppe, arbeitenden Müttern zwischen 25 und 49, ganz einfach die Zeit fehlte, jeden Morgen Lunchbrote für ihre Kinder mit Mortadella zu belegen. Mit dem Blick auf den Faktor Zeitersparnis, wurde ein Produkt entwickelt, dass die Mortadella zur Beilage von Crackern und Käse machte. Sandwiches zum selber basteln also. Optisch orientierte sich das Lunchpaket am klassisch amerikanischen TV-Dinner.

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Und, dass das TV-Dinner für vieles, aber nicht für eine gesunde Ernährung steht, sollte jedem klar sein. Getreu der oben genannten Strategie, wurden zur Herstellung der Lunchables dann auch die entsprechenden „low-cost ingredients“ eingesetzt. Und damit kommen wir auch der Abhängigkeits Thematik näher. Als Käse wurde industriell gefertigter Schmelzkäse verwendet, wie man ihn zum Beispiel von abgepackten Mikrowellen-Burgern kennt. Das geschah einerseits aus Kostengründen, andererseits hätte ein normaler Käse die zwei Monate, die er in Lagerräumen überdauern muss, nicht unverdorben überstanden. Während in Deutschland, mit dem Wort „Käse“ bezeichnete Produkte noch einigermaßen festen Regularien unterliegen, ist der Begriff in den USA deutlich dehnbarer. Häufig weisen derartige Käseprodukte einen hohen Anteil an Fetten, Konservierungsstoffen, Färbungsmitteln und Emulgatoren auf. Zum Beispiel enthält eine Scheibe Schmelzkäse der Firma Kraft (die ab 1989 auch Oscar Mayers Lunchables mit Käse versorgte) ca. 25% Fett, sowie die Emulgatoren Natriumcitrat (E 331) und Calciumphosphat (E 341). Die Emulgatoren sind für ein „weiches“ Schmelzverhalten zuständig und sollen Bröckeln und Flocken verhindern. Mundgefühl ist das Stichwort.

Dieses Mundgefühl ist es auch, das in Kombination mit dem geschmolzenen Fett, dem Zucker und anderen Aromen in eine Sucht führen kann. Nehmen wir etwas wohlschmeckendes zu uns, kommt es im Gehirn zur Ausschüttung des, mit dem Serotonin verwandten, Botenstoffes Dopamin. Der Neurotransmitter wirkt sich unter anderem auch auf das limbische System im Gehirn aus, welches auch als „Belohnungssystem“ bezeichnet wird. Derselbe Bereich wird auch beim Konsum von Amphetaminen oder Kokain stimuliert. Dopamin ist einer der Hauptgründe, wieso dem Menschen Dinge wie Sex, Sport aber eben auch Drogen und ungesundes Essen Spaß machen. Damit wir was von dem Glücklichmacher merken, muss dieser in unseren Synapsen an den Rezeptor D2 andocken. Wird dieser Rezeptor immer wieder mit großen Mengen an Dopamin konfrontiert, fährt er seine Sensibilität herab, um die Menge noch verarbeiten zu können. Folglich sind immer größere Mengen an Dopamin vonnöten, um das ursprüngliche Level an Zufriedenheit halten zu können und nicht in einen ständigen Zustand des Unwohlbefindens zu fallen. In einer Studie unter Paul Kenny am Scripps Research Institute in La Jolla (Kalifornien), wurde bei Versuchen mit Ratten festgestellt, dass sich die Entwicklung des Dopaminlevels in ihrem Gehirn genauso verhielt, wie bei einer Kokain- oder Heroinsucht, wurden sie mit fettigen und zuckrigen Speisen gefüttert. Sie legten nicht nur schnell an Gewicht zu, sie zeigten bald die Merkmale einer schweren Sucht. Sogar unter der Anwendung von elektrischen Stößen, konnten sie nicht mehr vom Naschen lassen.

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Zurück in den 90ern: Die Lunchables verkaufen sich blendend, hohe Gewinne werden eingefahren. Die Devise „supersize to sell more“ findet ihren Einsatz. Um das Konzept zu erweitern, wird dem Set ein Dessert und ein Drink hinzugefügt. „Dessert“ heißt in diesem Fall ein Snickers, eine Tüte M&M’s oder ein Reese’s Peanut Butter Cup. Als trinkbare Beigabe konnte man sich für Kool-Aid, Cola oder Capri Sonne entscheiden. Um noch eins draufzusetzen, wurde bald darauf die „Maxed Out“-Version eingeführt. Und Maxed Out war sie in jedem Fall. Ein Set deckte bereits den gesamten Tagesbedarf an gesättigten Fetten für ein Kind ab. Die Zutatenliste liest sich nicht gerade vertrauenserweckend: Glucose-Fructose-Sirup, Sucralose, Maisstärke, Maissirup, Natriumnitrit, künstliche Aromen und so weiter und so fort.

Besonders der hohe Anteil an Zucker und der, in dem Maissirup enthaltenen Fructose, fördern die Gefahr einer Abhängigkeit. Da Fructose nicht vom körpereigenen Insulin abgebaut wird, kann es bei übermäßigem Konsum außerdem zu Stoffwechselstörungen mit Übergewicht, Bluthochdruck, Gicht und sogar Nierenschäden als Folge kommen. Da der Einsatz von Maissirup und anderen Süßungsmitteln deutlich günstiger als echter Zucker ist, wird dieses Risiko zur Senkung der Produktionskosten billigend in Kauf genommen. Abgesehen davon, kristallisiert sich langsam auch das enorme Abhängigkeitspotential zuckriger Lebensmittel heraus.

2010 führten Forscher an der University of Texas eine Versuchsreihe durch, bei der 26 übergewichtigen Frauen ein Milkshake aus Häagen-Dasz Eis und Hershey’s Schokosirup zu trinken gegeben wurde, während ihr Gehirn einer Magnetresonanztomographie unterzogen wurde. Als sie ein halbes Jahr später erneut gescannt wurden, zeigten die Frauen, die an Gewicht zugenommen haben, eine geringere Aktivität in ihrem Striatum, dem Bereich im Gehirn in dem Belohnungen verarbeitet werden. Wie schon bei den Ratten wurde das Gehirn durch einen übermäßigen Konsum von Zucker und Fett für die befriedigende Wirkung des Dopamins desensibilisiert. Wieder muss die Reizgrenze angehoben werden, um die anfängliche Wirkung zu erzielen. Ein Muster, welches bis dahin nur von Drogenabhängigen bekannt war.

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Käme heraus, dass Lebensmittelkonzerne ihren Produkten wissentlich Stoffe beimengen, die beim Konsumenten zu einer Abhängigkeit führen um höhere Gewinne einzufahren, wäre der kollektive Aufschrei sicher. Einerseits weil dies einen Straftatbestand erfüllen würde, andererseits weil wir es soweit kommen lassen haben, obwohl die Anzeichen da waren. Und obwohl der Trend in westlichen Industriestaaten kontinuierlich weiter in Richtung gesünderer Ernährung geht, schießt die Zahl fettleibiger Menschen unabänderlich in die Höhe. Welcher Stoff wie deklariert wird und in welcher Menge er eingesetzt werden darf, wird zwar immer noch auf politischer Ebene entschieden, die Industrie hat dabei aber auch noch ein Wörtchen mitzureden. Daher ist es umso wichtiger, dass sich wissenschaftliche Erkenntnisse wie diese im öffentlichen Bewußtsein manifestieren. Der Allianz aus Lobbyismus und Gesetzgebung ist nur mit Druck von Außen beizukommen, man siehe Rauchverbot. Man stelle sich eine Welt vor, in der Schokoriegel von Warnhinweisen verziert sind, der Verzehr von Eiscreme in öffentlichen Gebäuden untersagt ist und McDonald’s Filialen erst ab 18 betreten werden dürfen. Naja, vielleicht ein wenig drastisch, oder? Und auch wenn den Lebensmittelkonzernen unbedingt genauer auf die Finger geschaut werden muss, die Lösung, sofern es überhaupt eine wirkliche gibt, kann keine rein politische sein. Denn der springende Punkt ist: so sehr uns die Obrigkeit auch vor den Verlockungen der Industrie schützen würde, uns selbst wären wir weiterhin gnadenlos ausgeliefert. Der menschliche Körper braucht Zucker, vom Gehirn ganz zu schweigen. Dass unsere biochemische Achillesverse von Lunchables & Co hemmungslos ausgenutzt wird, ist nämlich leider nur die eine Seite der Medaille. Wollen wir der fortschreitenden Verfettung nicht länger in die Hände spielen, müssen wir, und ich weiß das hört man nicht gerne, in den wortwörtlichen sauren Apfel beißen und uns, genau: mäßigen. Mind over matter.

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