Qualia oder die Unbegreiflichkeit des Schmeckens

IAMI

Du hast eine Minute Zeit, jemandem den Geschmack einer Tomate zu erklären, ohne dabei das Wort „Tomate“ zu verwenden, ich warte solange…

Und, hat es geklappt? Dachte ich mir… Der menschliche Sprachschatz reicht ganz schlicht und einfach nicht aus, um den Geschmack einer Tomate, einer Ananas, oder irgendeines anderen beliebigen Essens akkurat zu beschreiben. Der Versuch ist genauso zum Scheitern verurteilt, wie einem von Geburt an Blinden die Farbe „Rot“ erklären zu wollen. Denn Bestandteil einer jeden Sinneswahrnehmung ist ein vollkommen subjektiver, persönlicher Eindruck, der im Fachjargon der Bewusstseinsforschung auch „Qualia“ genannt wird.

Das Thema Bewusstsein bewegt sich noch am Rande des menschlich erklär- und vorstellbaren, ähnlich des Kalibers einer Frage wie: „Was liegt eigentlich außerhalb des Universums?“. Das erleben von Qualia, also eines subjektiven Erlebnis, ist nämlich ein starker Indikator für die Existenz unseres Bewusstseins. Nur ein bewusstes Subjekt kann auch subjektiv erleben. Das Bewusstsein lässt sich bislang allerdings nicht empirisch messbar nachweisen. So ist es auch kein Wunder, dass die Qualia einen tiefen Graben durch die Wissenschaft gezogen haben. Während einige ihre Existenz vollständig abstreiten, halten andere sie für einen zwingend notwendigen Bestandteil unserer Welt.

Was die Qualia ausmachen, ist, dass sie nicht mitteilbar sind, sie existieren für jeden Menschen individuell. Natürlich können wir die genaue Wellenlänge des Rots, oder die biochemische Zusammensetzung der Ananas analysieren und beschreiben, doch all das betrifft lediglich unsere äußeren Wahrnehmungsmechanismen. Viel interessanter ist jedoch, was passiert, nachdem die Informationen von unseren nervlichen Rezeptoren erfasst und verarbeitet wurden. Nachdem die Neuronen gefeuert haben. In anderen Worten: Warum haben wir ein subjektives Geschmacks- oder Seherlebnis? Haben wir überhaupt eins? Wie kann etwas so durch und durch physikalisches wie das Gehirn, etwas so unphysikalisches wie den Eindruck eines Geschmacks oder einer Farbe, unterm Strich: das Gefühl „zu sein“ hervorbringen? Doch der Reihe nach.

Wie kommt überhaupt ein Geschmack zustande? Die meisten werden nun sagen: „Das ist einfach. Durch die Geschmacksknospen auf unserer Zunge.“ Bis zu einem gewissen Grad stimmt das auch, doch ganz so einfach ist es auch wieder nicht. Man kann das mit der menschlichen Farbwahrnehmung vergleichen. Denn nichts auf der Welt ist von sich aus farbig, die Farben die wir tagtäglich sehen, entstehen lediglich in unserem Hirn. Selbiges lässt sich auch von unserem Geschmack behaupten. Doch das ganze geht noch eine Ebene weiter. Sieht man sich zum Beispiel moderne Roboter an, die unter anderem auch schon „schmecken“ können, stellt man fest, dass diese Maschinen genau wie wir, Geschmäcker unterscheiden, analysieren und beschreiben können. Trotzdem:  Sie haben selbst keine subjektive Wahrnehmung eines Geschmacks, kein „Geschmackserlebnis“. Natürlich sind diese Maschinen ohnehin nicht so intelligent wie wir, doch das fällt bei diesem Gedanken nicht weiter ins Gewicht. Auch wenn sie es wären, könnten sie nach aktuellem Wissensstand vermutlich keine Qualia empfinden. Es scheint also noch eine bestimmte Komponente zu fehlen.

Ingredients to Milk the Way

Und nun wird es knifflig. Denn genau diese Komponente ist es, die das ganze Problem so kompliziert macht. Zur Veranschaulichung lässt sich gut das Gedankenexperiments des „philosophischen Zombies“ heranziehen: Man stelle sich einen Organismus vor, der dem Menschen in jeder Hinsicht gleicht. Er kann umherlaufen, sich unterhalten, Eis essen gehen und sogar Dinge sagen wie „Ich habe ein Bewusstsein“. Der einzige Unterschied ist, dass in ihm völlige Dunkelheit herrscht, er hat keine subjektiven Wahrnehmungen und Empfindungen, er hat kein Bewusstsein. Ich denke, dass sich das jeder problemlos vorstellen kann. Man kann ja nichtmal mit Sicherheit sagen, ob sein Gegenüber tatsächlich ein Bewusstsein hat. Im Umkehrschluss würde dies bedeuten, dass das Bewusstsein und somit auch die Qualia etwas ist, das unabhängig vom physischen Körper existieren kann, wenn nicht sogar existieren muss. Vorrausgesetzt man akzeptiert die Prämisse „Was vorstellbar ist, ist auch möglich.“

Einer der bekanntesten Kritiker des Qualia-Konzepts ist der Kognitionswissenschaftler Daniel Dennett. In seinem Text „Quining Qualia“ versucht er, das Konzept als reine Einbildung zu entlarven. Seiner materialistischen Ansicht nach, sollte das Rätsel des Bewusstseins auf rein physikalischer Ebene gelöst werden. Über Rezeptoren, Neuronen und Synapsen geht sein Weltbild nicht hinaus. Da wir Teil der physikalischen Welt sind, gilt dies, Dennett zufolge, auch für unser Bewusstsein. Den philosophischen Zombie hält er für ein Zeichen des menschlichen Geltungsdrangs. Würde der Zombie existieren, hätte unser Bewusstsein den Charakter einer Art übersinnlicher Substanz. Etwas, das nicht an unseren Körper gebunden ist und möglicherweise nach unserem Tod weiter existiert. Man könnte es in diesem Fall wohl auch mit „Seele“ betiteln. Ohne diese „Seele“ wären wir einfach nur Materie. Was wir beim essen der Tomate dann empfinden, wäre einfach nur eine spezifische Kombination von Rezeptoren auf unserer Zunge und Neuronen in unserem Gehirn, die auf eine bestimmte Art und Weise feuern, was in unserem präfrontalen Kortex Erinnerungen an frühere Tomaten und andere Informationen, die wir mit Tomaten verbinden, hervorruft. Ein für viele Menschen wohl unerträglicher Gedanke.

Dennetts Gedankengang nach, ist das gesamte Universum und alles was wir um uns herum sehen, Produkt eines geist- und zweckfreien Prozesses. Was Qualia angeht, steht Dennett mit seiner radikalen These allerdings recht allein auf weiter Flur. Viele Bewusstseinsforscher halten die Existenz von Qualia für sehr wohl möglich.

Richard Gregory, Kognitionspsychologe an der Universität Bristol, ist vom Konzept der Qualia absolut überzeugt und meint, sogar ihre Funktion erkannt zu haben. Nur wie sie entstehen ist naturgemäß auch ihm ein Rätsel. Damit wir uns in unserer Welt zurechtfinden und sie verstehen können, muss unser Gehirn ständig auf einen riesigen Erfahrungsschatz in unserem Unterbewusstsein zurückgreifen. Wenn ich zum Beispiel eine Orange essen möchte, muss mein Gehirn sich daran erinnern, dass ich die Schale nicht einfach mitessen kann. Bei allem was wir wahrnehmen, muss unser Hirn also gigantische Datenmengen verarbeiten, damit wir richtig auf unsere Umwelt reagieren. Laut Gregory könnten Qualia die Funktion haben, unserem Gehirn die Gegenwart zu signalisieren, damit es Vergangenes und „Jetzt“ voneinander trennen kann. Das lässt sich zum Beispiel am Träumen verdeutlichen. Egal, wie real der Traum ist, sobald wir aufwachen wissen wir mit absoluter Sicherheit, dass wir wieder in der Realität sind. Die Qualia, die absolut subjektiven Sinneserlebnisse, würden unser Leben nicht nur lebenswerter machen, sondern sie wären sogar überlebensnotwendig.

Tomato is a tomato is a tomato is a tomato. Schön wär’s.

Roast with Mushrooms

Bilder: Eugenia Loli

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