Auf kulinarischer Zeitreise im Seniorenheim

Google weiß alles? Das Lieblingsrezept eurer Großmutter findet ihr dort sicher nicht.  Das kulinarische Wissen der Generation unserer Großeltern versteckt sich nämlich ganz woanders – in den Seniorenheimen unseres Landes. Wer könnte ein besserer Ratgeber in Sachen Kochen sein als Menschen, die ihr Leben lang nichts anderes gemacht haben? Und zwar „einfach gekocht“ – also ohne Rezept aus dem etwas Schmackhaftes gezaubert, das eben da war, saisonal und regional.

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Was passiert mit diesem Wissen in den Seniorenheimen? Noch nicht viel. Essen wird hier vor allem als Kostenfaktor wahrgenommen. Vor einigen Wochen sorgte Jürgen auf Facebook für Furore, der täglich sein kümmerliches Essen im Heim fotografierte. Essen spielt eben oftmals nur eine untergeordnete Rolle, die Bewohner werden wortwörtlich abgespeist, dabei besitzt Essen gerade für ältere Leute eine besondere Emotionalität. Essen ist Erinnerung. An das Sauerkrautstampfen mit nackten Füßen. Das Naschen von warmen Kartoffeln aus dem Schweinetrog. Den Sauerbraten, den man viel besser als die Schwiegermutter hinbekommen hat.

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„Gebt den Älteren das Recht am Kochlöffel zurück“, fordert daher Manuela Rehn. Für das Buchprojekt Wir haben einfach gekocht. Kulinarische Erinnerungen hat sie sich gemeinsam mit Jörg Reuter, Cathrin Brandes und Caro Hoene auf eine Reise quer durch Deutschland aufgemacht – an die Orte, wo das kulinarische Wissen einer ganzen Generation liegt, in die Seniorenheime. In drei Monaten haben sie zwölf Heime besucht und 100 Rezepte mitgebracht, die die Küche von damals wiederaufleben lassen. Von Klassikern wie Rouladen über regionale Gerichte wie Maultaschen hin zu lokalen Spezialitäten wie Pfitzauf. Herausgekommen ist ein wunderbares Buch, das das Alter und das gemeinsame Essen und Kochen feiert. Die Bilder der Senioren, die wir hier zu sehen bekommen, widersprechen ganz und gar dem gängigen Bild, das wir von alten Menschen im Heim haben. Wir sehen Menschen, die mit großer Freude kochen und essen, sich gebraucht fühlen und das Beisammensein genießen. Essen ist eben nicht nur reine Ernährung, sondern geht weit darüber hinaus.

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Manuela Rehn und ihr Team haben sich immer Zeit genommen,  um die Bewohner in den Seniorenheimen kennenzulernen und aus den Gesprächen und Erinnerungen wurden jeweils drei Rezepte ausgesucht, die sie anschließend gemeinsam in einer kleinen Gruppe gekocht und auch verspeist haben – ein Ausbruch aus dem normalen Alltag im Heim und der dort sonst vorherrschenden pragmatischen Esskultur. Rehn erklärt, dass sie sich wünschen würde, über diese schönen Bilder und das Glück, das die alten Damen – und ein Herr – auf den Bildern versprühen, eine politische und gesellschaftliche Debatte anzustoßen. Eine Debatte, die wegführt von der Annahme, Essen im Seniorenheim lediglich als Kostenfaktor zu sehen. Es gibt allerdings auch große Unterschiede. Rehn erzählt, dass sie in einigen Seniorenheimen war, in denen sie sehr engagierte Leute in der Küche angetroffen hat und in denen die Senioren manchmal schon die Möglichkeit hatten mitzukochen. Diese Integration in der Küche ist mit ganz einfachen Mitteln nötig und dass soll das Buch auch zeigen.

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Die Erinnerung von dem Sauerbraten und der Schwiegermutter erzählte übrigens eine Dame aus dem Schwabenland. Als ihre kochbegabte Schwiegermutter einmal im Krankenhaus lag, hat sie die Männer der Familie bekocht, die dann am Krankenbett von ihrem köstlichen Sauerbraten schwärmten. Daraufhin sprach die Schwiegermutter ein ernstes Wörtchen mit ihr. „Mädels, merkt euch eins: Kocht niemals besser als eure Schwiegermutter. Und wenn ihr es könnt, dann zeigt es nicht“, ist ihr Rat.

Rehns eigene liebste kulinarische Erinnerung ist die an die Quarkkeulchen ihrer Großmutter. Die kann sie selbstverständlich auch zubereiten. Ohne Rezept natürlich. Aus dem Gefühl heraus, so wie sie es sich bei ihr abgeguckt habt.

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„Wir haben einfach gekocht. Kulinarische Erinnerungen“ erscheint im Oktober 2015 im Umschau Verlag. Das Buch ist ein Non-Profit-Projekt. Die Erlöse aus dem Buch fließen in die Weiterführung der Projektidee , z.B. in Weiterbildungsmaßnahmen für Küchenleiter von Seniorenheimen.

Gemeinsam mit Jörg Reuter betreibt Manuela Rehn außerdem als Hobby und Herzensprojekt in Berlin das Lebensmittelgeschäft Vom Einfachen das Gute.

 

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