Sex und Essen – Freund oder Feind?

Was ist genauso geil wie Sex? Richtig, Essen.

Eigentlich willst du schlafen, aber du kannst nicht. Irgendetwas fehlt dir. Irgendetwas, das dich schnell befriedigt und zufrieden einschlafen lässt. Du denkst, ein Stück Schokolade wäre jetzt geil. Oder Käse. Oder doch ein Porno?

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Sex und Essen sind wahre Verwandte. Nicht nur, weil sie natürliche menschliche Bedürfnisse sind, die uns, egal wohin die technisierte Zukunft führen wird, wohl niemals verlassen werden, sondern weil sie es sind, warum der Mensch es überhaupt ins Jahr 2015 geschafft hat: durch Fortpflanzung und Erhaltung. Und weil Mutter Natur so ein kluger Kopf ist, hat sie ein geniales System entwickelt, damit wir nicht aussterben.

Der Mensch ist ganz grob betrachtet sehr simpel gestrickt. Er tut viele Dinge nicht aus Vernunft und Verantwortung seinen Mitmenschen gegenüber, sondern ganz einfach weil er dafür belohnt wird. Egal ob ein multipler Orgasmus oder der Verzehr einer vollmundigen saftigen Mousse au Chocolat: In beiden Fällen explodiert ein Hormoncocktail der Glücksgefühle. Dopamine und Endorphine werden freigesetzt, der Adrenalinspiegel gesenkt, wir entspannen uns. Diese natürliche Droge, und Menschen sind eben kleine Junkies, bringt uns dazu es immer wieder zu tun. Wer gut isst, will immer wieder gut essen. Und wer gut vögelt, kann auch darauf schwer verzichten. Und so manch einer, der nach dem Essen oder nach dem Sex noch nicht genug hat, der greift zu etwas, das den Glückshormonspiegel noch ein kurze Weile oben hält: die Zigarette.

Man muss kein Neurologe sein, um zu sehen, dass Sex und Essen viele Ähnlichkeiten haben. Als unmittelbar sinnliche und subjektive Erfahrungen sorgen beide für unser Wohlbefinden. Oder anders: lecken, lutschen, reinbeißen – ich denke, die Ähnlichkeit wurde deutlich. Für diejenigen, die sich zwischen Essen und Sex nicht entscheiden können, sei der Blog When you’re hungry and horny empfohlen oder für die ganz Experimentierfreudigen das Sploshing. Aber halt – warum müssen wir uns überhaupt entscheiden? Ganz einfach: Weil beides gleichzeitig nicht geht. Mag sein, dass einige dieses Talent besitzen, doch in der Regel hat man keinen Sex, während man isst und isst nicht, während man Sex hat. So wie sich einst Mariah Carey und Whitney Houston rivalisierten, kämpfen Sex- und Fraßtrieb im selben Revier um den einzigen Thron.

Wenn wir Hunger haben, schießt Neuropeptid Y durchs Gehirn. Dieser Botenstoff steuert unsere Hunger- und Angstgefühle. Er steigert den Appetit, hemmt aber gleichzeitig unsere sexuelle Lust. Neuropeptid Y hat also klare Prioritäten: essen. Ist der erste Bissen gemacht, zerlegt unser Körper das Essen in einzelne Bestandteile und leitet sie in die entsprechenden Bahnen. Überschüssige Energie wird für magere Zeiten als Fett gespeichert – das wiederum produziert Leptin, dem Feind von Neuropeptid Y. Das Hormon Leptin regt das sexuelle Verlangen an und hemmt den Hunger. Je mehr wir also essen, desto mehr Fett, desto mehr Leptin, desto weniger Hunger, desto mehr Bock auf Sex. Leptin setzt dabei auch Amphetamine frei, die zusätzlich appetitzügelnd und gleichzeitig erregend wirken.

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Ohne Fett, d.h. ohne Essen, also kein Leptin und keine Lust. Hungernd haben wir daher weniger Sex und ein delikates Dinner vor dem „Zu mir oder zu dir?“ ist eine wirklich gute Idee. Doch auch Leptin hat seine Grenzen: Forscher haben herausgefunden, dass etwa Fettleibige Leptin-resistent sind (und Leptin daher ein fragwürdiges Abnehmmittel). Der Körper gewöhnt sich an den ganzen Luxus, stumpft irgendwann ab und reagiert nicht mehr so beglückt wie zuvor. So lässt sich neben hungernd auch genauso schlecht mit vollem Bauch Sex haben. Sollen also beide Bedürfnisse nicht zu kurz kommen, muss man auf das richtige Verhältnis achten. Ob wir uns am Ende also für Schokolade oder einen Porno entscheiden, hängt davon ab, wie hungrig wir sind.

Und warum nehmen Verliebte ab? Diese Sonderkategorie vermag es, soviel Adrenalin und Amphetamine auszuschütten, dass sie keinen Hunger verspüren. Paare wiederum neigen nach einiger Zeit hingegen zuzunehmen, weil der Bedarf an Glückshormonen öfter durch Essen statt durch Sex gestillt wird. Und das ist gut so! Denn hier sehen wir, welch soziale Bedeutung Essen für das Miteinander hat – ohne würden wohl viele Beziehungen auseinanderbrechen.

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Wir wissen es alle: Der gleiche Sexpartner immer und immer wieder wird irgendwann langweilig. Wir schütten mehr Adrenalin und Amphetamine aus, wenn wir uns in unbekannte sexuelle Abenteuer begeben, uns ständig neu verlieben oder neue Körper kennenlernen. Der Mann wurde von der Natur so programmiert, seine Gene durch Fortpflanzung so gut es geht zu sichern. Er hat mehr Chancen auf Nachwuchs, wenn er mit mehreren Frauen schläft, als nur mit einer, die nur alle neun Monate schwanger werden kann. Doch wir dürfen nicht vergessen, dass neben der Fortpflanzung auch die Erhaltung eine Rolle spielt. Dafür haben wir soziale Konstrukte wie die Paarbildung oder die Familie kultiviert, um den Nachwuchs gemeinsam aufzuziehen. Ein Mann, der um den Globus kopuliert und seinen anderen Pflichten nicht nachkommt, ist dafür nicht sehr nützlich. Trotzdem bleibt aber der Schmachter nach hormonellen Drogen, nach Abwechslung, nach Belohnung. Und der kann, wer hätte es gedacht, durch Essen befriedigt werden – sozusagen als Liebesersatz. Denn jeden Tag etwas Neues zu essen ist weniger sozialgefährdend als ständige One-Night-Stands.

Zum Schluss noch eine interessante Entdeckung: Kürzlich fand man bei einem Versuch mit Fadenwürmern heraus (übrigens dem Menschen sehr ähnlich und die meist untersuchten Tiere der Welt), dass Männer sich bei einer lebenswichtigen Entscheidung eher für Sex entscheiden würden als für Essen. Ominöse Neuronen, die nur bei männlichen Fadenwürmern zu finden waren, veranlassen sie dazu, sich für Sex zu entscheiden, obwohl sie wissen, dass sie dabei draufgehen werden. Ob das nun reine Geilheit oder Aufopferung für die eigene Gattung ist, darf der Leser selbst entscheiden.

Bilder: Monica Cook via monicacookart.com

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